Everts, Stefan: Porträt (Archivversion) Schlager-Star

Nicht nur am Schlagzeug gibt Stefan Everts den Rhythmus vor. Als zweifacher Weltmeister bläst er auch seinen Moto Cross-Kollegen gewaltig den Marsch.

Es ist noch gar nicht so lange her, da schien auch Stefan Everts das Schicksal aller Nachfahren von mehr oder weniger berühmten Ahnen teilen zu müssen: das Schicksal, den eigenen Namen nur in Verbindung mit den Großtaten illustrer Eltern, Geschwister, Onkels oder Tanten lesen zu dürfen. Stefan war nicht nur Stefan, sondern eben Stefan, der Sohn des vierfachen Moto Cross-Weltmeisters Harry Everts. Basta.Und dies, obwohl der Sprößling zunächst einmal gar nicht so viel Lust verspürte, in die tiefen Fußstapfen seines Herrn Papa zu treten. Erst im Alter von zehn Jahren als Harry seine Karriere nach einem Viertelliter- und drei 125er WM-Titeln endgültig beendet hatte, zog es Klein-Stefan selbst in den Ring. Von Beginn an zwar unter dem familiär begründeten Erwartungsdruck der Fans einerseits, andererseits aber auch gestützt durch eine erfolgversprechende Dreierkonstellation: den gigantischen Erfahrungsschatz von Everts senior, dessen allerbeste Verbindungen in der Szene und vor allem einen ausgeprägten persönlichen Ehrgeiz.Und erst letzterer ermöglichte dem Youngster aus Dilsen im flämischen Teil Belgiens, keine 50 Kilometer von Aachen entfernt, den sportlichen Schnelldurchlauf. Bereits mit 19 Jahren stand der schlacksige Profi ganz oben: Weltmeister in der 125er Klasse. Spätestens seit diesem Zeitpunkt gilt Everts durch seinen quasi perfekten und flüssigen Fahrstil als das Maß aller Dinge im europäischen Moto Cross-Sport.Auch wenn ihm nach diesem Titel und dem Umstieg in die 250er Liga der erwartete Durchmarsch schwerer fiel als erwartet. 1992 war es ein Milzriß beim deutschen GP in Northeim, der den damaligen Suzuki-Piloten nicht nur die Weltmeisterschaft, sondern auch beinahe das Leben gekostet hatte. Die zwei darauffolgenden Jahre hielt der südafrikanische Sonnyboy Greg Albertijn den mittlerweile nahezu krampfhaft um seinen zweiten WM-Titel ringenden Kawasaki-Umsteiger in Schach.Erst als sich die sportliche Umklammerung des lockeren Albertijn durch dessen Wechsel in die amerikanische Moto Cross-Meisterschaft löste, fand das erschütterte Selbstbewußtsein des sensiblen Belgiers wieder Halt. In überraschend überlegener Manier schenkte der Hobby-Golfer und Freizeit-Schlagzeuger 1995 sich selbst seinen ersten 250er WM-Titel und seinem damaligen Arbeitgeber den ersten Moto Cross-WM-Lorbeer der Firmengeschichte.Wie bitter nötig Stefans Psyche diesen Erfolg letztlich hatte, zeigt sich aber erst in der aktuellen Saison. Mit dem Status eines frischgebackenen Honda-Werksfahrers - übrigens dem einzigen Moto Cross-Piloten aller Klassen, dem kostbares Material der Honda Racing Coropration, kurz HRC, zur Verfügung steht - arbeitet der Sportsmann unübersehbar an einer neuen Identität. Mit feuerrot gefärbten Haaren und pausenlos wechselndem Outfit signalisiert der Großverdiener endgültig den Abschied vom zwar erfolgreichen aber braven und folgsamen Sohnemann hin zur eigenständigen und rebellierenden Persönlichkeit. Auch wenn er - mit 23 Jahren eindeutig in der spätpubertären Phase - zumindest verbal den Bezug zur Realität noch finden muß. Denn kaum hatte der Off Road-Star die ersten vier von insgesamt 26 Läufen zur diesjährigen Viertelliter-WM für sich entschieden, prophezeite er blauäugig, künftig deren alle zu gewinnen - um seitdem ohne weitere Laufsiege von Landsmann Marnicq Bervoets vorläufig auf den zweiten Rang im WM-Zwischenklassement verwiesen zu werden.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote