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Extreme Schräglagen im Motorrad-Rennsport Schräglage: mit dem Motorrad 62 Grad und mehr

Wie schräg kann man Motorrad fahren? MOTORRAD hat sich bei den Assen verschiedener Motorradsportarten umgesehen und geradezu aberwitzige Lagen entdeckt. Dabei tut es nichts zur Sache, dass die größtmögliche Nähe zur Horizontalen nicht immer auf der Verzahnung von Gummi und Asphalt basiert. Mitunter müssen Nägel oder Erdwälle helfen.

MotoGP-Reifen sind breite, hoch gewölbte, im Querschnitt fast ballonartige Gebilde. Sie sollen sich mit der Fahrbahnoberfläche verzahnen, gleichsam in ihre Rauigkeit hineinfließen und das über eine Renndistanz von etwa 120 Kilometern möglichst gleichmäßig gut. Deshalb ihre Breite. Sie sorgt für Grip und genügend Verschleißvolumen. 195/650 R 16,5 ist die Dimension eines Hinterradreifens, der auf bis zu 6,5 Zoll breite Felgen aufgezogen wird. Die Zahl 650 steht nicht für die Höhe in Prozent Breite, sondern für den Durchmesser des Reifens. Der ist größer als bei einem Straßenreifen der Dimension 190/55 ZR 17, obwohl der Rennreifen auf einer 16,5-Zoll-Felge läuft. Sein Querschnitt ist also wesentlich höher als beim Standardreifen und zwar deshalb, weil der Rennpneu in extremer Schräglage mehr Federungsarbeit leisten soll; er fängt kleine Stöße und Wellen ab, bevor die Federelemente darauf ansprechen.

Weil die Rennreifen so breit und hoch sind, kann man nicht nur enorme Schräglagen mit ihnen fahren, man muss es auch. Denn je breiter die Reifen sind, desto mehr wandert ihre Aufstandsfläche in Schräglage Richtung Kurvenmittelpunkt, der effektive Kurvenradius verkleinert sich.

Bei gleicher Geschwindigkeit wie bei einem schmal bereiften Motorrad muss die Breitreifenmaschine also viel schräger gefahren werden, ein Effekt, der durch die Verformung des hoch bauenden Reifens noch verstärkt wird.

So kommt MotoGP-Weltmeister Casey Stoner mit seiner Honda bei gutem Grip auf Schräglagen von über 60 Grad. Auch Stefan Bradl, der Neuling in der Königsklasse, fuhr bei den letzten Vorsaisontests im südspanischen Jerez bis zu 61 Grad schräg. Fast noch imposanter ist jedoch ein anderer Wert: Selbst in den unteren Gängen geben die Asse bei etwa 39 Grad Schräglage ausgangs der Kurve Vollgas. Die besten Moto2-Piloten trauen sich dies schon bei 46 Grad, die schwächer motorisierte Moto3-Elite sogar bei 48 Grad.

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Ganz andere Verzahnungseffekte verhelfen den Eisspeedway-Fahrern zu Schräglagen von über 70 Grad. Sie vertrauen auf die Stacheligkeit von stählernen Spikes, die bis zu 28 Millimeter lang sein dürfen und die zahlreich mit Unterlegscheiben in Vorder- und Hinterreifen verschraubt werden. Rund 130 Spikes führen das Vorderrad, hinten werden bis zu 200 der nadelspitzen Stahlnägel verschraubt - das Reglement lässt den Fahrern bei der Anzahl der Spikes freie Hand. Die Schräglage findet aber durch die vorgeschriebenen Reifengrößen - maximal 100 Millimeter Breite, Felgendurchmesser vorn maximal 23 Zoll, hinten 21 Zoll - eine natürliche Grenze.

Und dann kommt es noch darauf an, beim Aufbau des Motorrads linksseitig möglichst viel Schräglagenfreiheit zu generieren. Bei Spitzenfahrern findet diese jedoch ebenfalls eine natürliche Grenze: das linke Bein des Fahrers, das ja auch irgendwo zwischen Motorrad und Eisfläche bleiben muss.

Nur wenige Kleinigkeiten fehlen dann noch: Mut, Routine und das körperliche Vermögen des Fahrers, die enormen Zentrifugalkräfte auszuhalten. Wer Fotos von den letzten Eisspeedway-GP-Rennen betrachtet, wird erkennen, dass es in Sachen Schräglage sogar innerhalb der Elite graduelle Unterschiede gibt. Der auf Seite 121 fast flach liegende Multiweltmeister Nikolai Krasnikov hält sichtlich noch ein paar Grad schräger rein als seine Konkurrenten.

Weitere Spezialtechniken wenden der spanische Supermoto-Fahrer und -Lehrer Dani Ribalta und KTM-Werksfahrer Jeremy van Horebeek beim Motocross an. Ribalta fährt eigentlich nicht schräg, er rutscht schräg. Im Scheitelpunkt einer Kurve driftet er auf Ellbogen- und Knieprotektor sowie seinen Stiefeln seitwärts, bleibt am Gas und schafft es durch Gegeneinschlag des Vorderrads, das Motorrad wieder aufzurichten und weiterzufahren. Das klappt nicht immer geschmeidig, hat aber, wenn es ohne brutales Wiedereinhaken der seitwärts rutschenden Reifen gelingt, eine wunderbar spielerische Eleganz.

Bei Supermoto-Rennen würde Ribalta mit dieser Fahrtechnik aber zu viel Zeit verlieren. Dort werden die Kurven zwar auch im Drift, aber längst nicht mit so extremen Schräglagen angesteuert. Schneller ist es allemal, so früh wie möglich wieder aufzurichten und zu beschleunigen, und das geht nur dann, wenn der Fahrer aus nicht allzu tiefen Lagen wieder emportauchen muss.

Motocrosser van Horebeek nutzt für knapp 90 Grad Schräglage einen sogenannten Anlieger, also eine allmählich aufgeworfene Steilwandkurve, die ihm gleich zwei Vorteile bringt: Erstens stützt sie die Fliehkräfte ab und zweitens schafft sie, in halber Höhe angefahren, Platz für das kurveninnere Bein des Fahrers und abstehende Teile des Motorrads. Dieser Raum wird hier aber auch voll genutzt - das linke Lenkerende pflügt bereits durchs Erdreich. Es gibt übrigens noch eine weiter verschärfte Spielart des Anliegerfahrens: 88 Grad Schräglage plus horizontaler Beschleunigungswheelie.


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Foto: 2Snap

MotoGP

62 Grad: MotoGP-Weltmeister Casey Stoner und seine Kollegen sind nicht die schrägsten aller Motorradsportler, wie die folgenden Seiten zeigen werden. Wenn es aber um die von den meisten Motorradfahrern genutzte Reibpaarung Gummi auf Asphalt geht, ist die Straßenrenn-Elite schon auch in puncto Schräglage Weltspitze.

 


Foto: Simninja

Eisspeedway

71 Grad: Nikolai Krasnikov, siebenfacher Eisspeedway- Weltmeister und derzeit auf dem Weg zum achten Titel, übertrifft auf gut präpariertem Eis die 70-Grad-Grenze. Bemerkenswert ist auch, dass er bei der extremen Belastung durch die Fliehkräfte noch relativ locker auf dem Motorrad sitzt. Der Mann ist vollkommen im Einklang mit dem, was er gerade tut.

Foto: xface.com

Supermoto

64 Grad: „Der fährt ja gar nicht mehr, der stürzt doch“, werden skeptische Betrachter dieses Fotos behaupten. Supermoto-Fahrer Dani Ribalta stürzt aber nicht, nur fast. Zum Beweis auf www.youtube.com gehen, „Supermoto no limits 2.0“ als Suchbegriff eingeben - und staunen. Im Verlauf des Videos gelingt der Stunt übrigens wirklich elegant und flüssig.

Foto: Taglioni

Motocross

86 Grad: Sie müssen schon aus halbwegs solidem, lehmigem Erdmaterial bestehen, die Anlieger, die solche Fahrmanöver aushalten. KTM-Werksfahrer Jeremy van Horebeek zauberte beim Team-Fotoshooting zu Beginn der Saison 2012 und pflügte gleich mehrscharig: mit den Reifen, dem linken Fuß und dem linken Lenkerende.

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