Fahrtwind und Verkleidung: Meinung von Stefan Kaschel und Rolf Henniges (Archivversion)

Man könnte jetzt in Polemik verfallen. Könnte von Fliegen zwischen den Zähnen schwadronieren, von meterlangen Armen und Nackenmuskeln wie King Kong. Könnte sich lustig machen über Autobahngeschaukel und Sitzbäder bei jedem Regenguss. Man könnte die Geschichte auch sachlicher angehen. Die beschriebenen Nachteile nüchtern aufzählen. Wäre aber ebenfalls für die Katz. Weil jene, die es nackt in die Welt hinaustreibt, das alles ja längst wissen. Trotzdem tun sie es immer wieder. Es ist ihnen innerer Zwang.
Warum nur, warum? Normal Veranlagten ist das schwer zu erklären. Vielleicht hilft ein kleines Beispiel weiter. Im schönen Ostwestfalen trieb einmal ein Mann namens »Ernie« sein Unwesen. Verkehrte in allen einschlägigen Szenekneipen, radelte dorthin auf seinem Rennrad, kilometerweit. Immer nackt, wie Gott und das Fitnessstudio ihn geschaffen hatten. Saß neben einem, nahm ein Getränk, um dann umgehend ein anderes Etablissement zu beehren. Wenn er nicht
gerade verhaftet wurde. Wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses.
Wenn man Ernie fragte, warum er das täte, kam stets die gleiche Antwort. Sein Körper sei so schön, daran sollten sich alle erfreuen. Und der Fahrtwind auf seiner nackten Haut – einmalig. Den Einwand, dass sein mittelmäßiges Gemächt und die durchaus ansehnlichen Muskeln nicht jeder sehen wolle, ließ er nicht gelten. Ebenso wenig wie alle anderen Argumente, die wenigstens für ein Minimum an
Kleidung sprachen. Was heißt das jetzt bezogen auf unsere Naked
Biker? Auch sie sind davon überzeugt, dass jeder durchschnittliche Reihenvierer, am besten noch geschmückt mit Wasser- und Ölkühler, Schläuchen und wüst zusammengebogenen Halteblechen, derart schön sei, dass alle Welt ihn sehen müsse. Führen ihn deshalb zwanghaft vor, sogar wenn das Publikum peinlich berührt wegschaut. Nehmen alle anfangs beschriebenen gesundheitlichen und fahrdynamischen Nachteile dafür gerne in Kauf. So wie Ernie damals die wund geriebenen Stellen an seinen Oberschenkeln und in anderen, intimeren Bereichen. Sind immer unterwegs im Namen ihrer ganz persönlichen Ästhetik und der heldenhaften Härte gegen sich selbst, obwohl die außer ihnen selbst niemanden interessiert.
Ernie wurde damals für eine derartige Penetranz wenigstens
gelegentlich verhaftet!

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote