Fahrtwind und Verkleidung: Meinung von Stefan Kaschel und Rolf Henniges (Archivversion) Blow-Job

Ja, ich gebe es zu. Meine Knie und Hände schmerzen bisweilen, irgendjemand hat in mein Gesicht tiefe Furchen gemeißelt, und mitunter fiept’s im Ohr. Tinnitus, sagt der Arzt. Gehörsturz. Am Motorradfahren läge es nicht. Nein, ganz bestimmt nicht. Was die Knie
jedoch angeht... die Hände oder das Schlechtwettergesicht... Dafür hat er Erklärungen parat. Denn mein Hausarzt ist K 1200 LT-Fahrer. Und ich seit jeher Fan der puristischen Art des Bikens. Und derzeit auf einer Triumph Speed Triple unterwegs. Zwei Welten prallen aufeinander. Wenn er bei Routineuntersuchungen wieder lästert, kontere ich mit einem modifizierten Werbeslogan: »Ein Haus zu bauen liegt
in der Natur des Menschen. Ein Haus zu fahren nicht.«
Sicherlich gibt es noch irgendwas dazwischen. Zelte und Markisen, um im Bild zu bleiben. Sprich Halbverkleidungen, die meist
aussehen wie aufgespannte Regenschirme, und windschlüpfige
Plastikkartons, in die man Sportmotoren zwängt, um alltagstaugliche Geschwindigkeiten jenseits der 200 km/h zu realisieren. Das tut Not. Ganz klar. Auf der Landstraße. Auf überlasteten Autobahnen. Oder Rennstrecken. Ein Territorium, das 96 Prozent aller Biker praktisch nie befahren. Vollverkleidungen suggerieren sogar Jugend. Embryonal kauernd, den Kopf eingezogen wie ein schmusender Säugling – wenn das keine Mutterbrustgefühle, sprich Geborgenheit weckt,
was denn dann? Lassen wir das. Kommen wir zu den Halbschalen. Dämlicher Name übrigens. Genauso wie die Wirkung. Hinter fast
allen dieser viel gelobten Plastikhelferlein turbuliert es nämlich, als würde man unter einem startenden Hubschrauber picknicken.
Darum lasst mich eine Lanze brechen. Eine Ode an die Nullverkleidung verfassen. Denn letztlich wollen wir ALLE Sinne betören.
Geschwindigkeit intensiv erleben. Fahrtwind spüren. Den freizügig zu Schau gestellten Charme der Technik mit den Augen einscannen.
Vor 80 Jahren noch, da hätte mir jemand eine Verkleidung andrehen
können. Schließlich gab’s da noch kein Gore-Tex, Cordura 5000, geschweige denn Flensburger Punkte und derartig viele Verbotsschilder. Heute will ich nur noch eins: den Rest der Freiheit so intensiv wie möglich erleben. Am liebsten würde ich mir die an Ort
und Stelle von meinem Arzt verordnen lassen. Doch was dabei rauskommen würde, ist so tragisch wie nur irgendwas: BMW C1.

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