Faszination Langstrecken-Rennen––––– (Archivversion)

Tour de Trance–––––

24 Stunden Rennen bedeutet bis zu 36 Stunden keinen Schlaf. Endurance-Sport heißt für Fahrer und Mechaniker Durchhalten bis zur Erschöpfung.

Erst wenn die letzte Runde gefahren, die letzte Werkzeugkiste verstaut und die einzig mögliche Dusche am Wochenende genommen ist, kehrst du allmählich in die Wirklichkeit zurück. Am Samstag morgen war die Welt noch in Ordnung. Maschine durchchecken, Warm up, letztes Briefing. Schließlich die letzten Minuten. Le Mans-Start heißt die Prozedur, bei der die Fahrer einen Vier-Sekunden-Sprint zu ihren bereitstehenden Maschinen hinlegen müssen und sich den Hauch eines Vorsprung für die nächsten 24 Stunden verschaffen können.Endurance-Rennen sind eine uralte Tradition im Motorrad-Rennsport, erfunden in Frankreich. Endurance steht für Ausdauer, Lebensdauer, Haltbarkeit. 1922, in der Frühzeit der französischen Marathon-Prüfungen, fuhr ein gewisser Monsieur Zind auf einer 500er Motosacoche als Erster von 28 Fahrern nach 1245 Kilometern und mit einem Schnitt von 51,9 km/h ins Ziel. Im Tornister befanden sich für die Alleinfahrt Vesper und Ersatzteile.Der »Eiserne Gustav« in der Historie ist Zinds Landsmann Gustave Lefèvre: Sieben Siege zwischen 1947 und 1957, die letzten drei davon schon mit zweitem Fahrer, machten ihn zur Legende. Seit 1982 schreibt das Reglement drei Fahrer für den Marathon vor.Le Mans und Le Castellet in Frankreich sowie Spa-Francorchamps in Belgien gelten heute als die drei 24-Stunden-Klassiker für Rennfans in Europa, die »Acht Stunden von Suzuka« in Japan komplettieren den WM-Kalender. Zwischen 50000 und 100000 Zuschauer feiern rings um die Strecken ein Riesenfest, wenn rund 70 Teams samtags um 15 Uhr den langen Kampf gegen die Uhr, den Schlaf und die Tücken der Technik und Taktik aufnehmen.Der Auftakt zur Endurance-WM in Le Mans ist üblicherweise an Ostern, Spa folgt im Mai, dann zieht der Trupp derer, die Titel-Ambitionen haben, nach Suzuka. Mitte September folgen Fans und Fahrer dem Ruf von Frankreichs Süden, zum prestigeträchtigsten aller Dauer-Renner: dem Bol d´Or in Le Castellet.Wer beim Kampf um die »Goldene Schüssel« gewinnt, gilt als einer der Wichtigen im Rennsport und hat Großes für - der Statistik nach - sein Werksteam geleistet. Wer als Fan dort auffährt, darf sich daheim rühmen: »Ich war dabei.« Einmal mitmachen bei dem großen Volksfest um das Rennen gilt als Gesellenprüfung, mit mehrmal meint man Meisterstück.Wenn die Geschwader der europäischen Motorrad-Stammtische zu den Langstreckenklassiker in Frankreich streben, erwartet sie ein Sonderbonus. »Calmos« lautet die Aktion, die sie auf den französischen Autobahn-Hauptachsen am Rennwochende gebührenfrei die Zahlstellen passieren läßt. Aber: Die »Flics« mit den Radar-Kisten lauern immer und überall.Währendessen haben die Teams die erste Nachtschicht hinter sich. Ab Montag sind sie vor Ort, nach den ersten Trainings am Tage wird am Donnerstag nachts geübt - Pflichtprogramm für alle drei Fahrer jedes Teams. Reservefahrer, die voraussichtlich nicht zum Einsatz kommen, spekulieren an den Info-Tafeln auf einen Platz bei einem anderen Team, in dem Mangel herrscht.Zuschauer, die das Ziel zeitig finden, zelten in Fahrerlagernähe. Ankömmlinge werden von einem Spalier am Eingang begrüßt und von der Meute zum Wheelie oder Burn Out gebeten. Das ist, im Falle des Bol d´Or zumindest, der Auftakt zum Verzehr von ungefähr drei Tonnen Pommes, einigen Hunderttausend Dosen Bier, ein paar Hektolitern Wein, einer Tonne Rennwürstel, 40000 Kilo Süßigkeiten, Bunjee-Springen im Fünfminuten-Takt, Rockkonzert und dem eventuellen Verlust von Helm und Honda für den Fall, daß die Camping-Heimstatt nicht von einer Sicherheitstruppe aus dem Kumpelkreis bewacht war. Vorausschauende Biker sichern ihr Zelt-Domizil gegen langfingrige Eindringlinge bisweilen mit Rattenfallen.An der Box geht es vergleichsweise gesitteter und wohlorganisierter zu. Die Werksteam kreuzen mit 40 Personen Personal auf. Durchstrukturiert vom Teamchef über drei Köche bis zu drei Physiotherapeuten. Der finanzielle Aufwand hat die Größe einer netten Villa an Südfrankreichs Cote d`Azur.Doch selbst Privatteams veranschlagen etwa 50000 Mark für einmal Durchmachen an der Rennstrecke. Ein Grund, weshalb immer mehr Teams mit schmalem Geldbeutel auf die seriennahe Stock Sport- oder Supersport 600-Klasse ausweichen. Im Gesamtklassement gegenüber den Superbikes chancenlos, dem Sinne der Erfinder aber durchaus verbunden: Kostengünstiger und mit dem gleichen Spaß unterwegs heißt die Parole. Durchhalten, ankommen und wenn es sein muß, auch mal am glühendheißen Motor die Kopfdichtung wechseln. Werksteams bevorzugen eine Aufgabe schon mal nach einem halbstündigen Boxenstopp, andere kämpfen weiter. Unvergessen bleibt die Episode des Schweizer Honda-Teams mit Ex-GP-Pilot Pillipe Coulon, damals 47, der beim Bol d´Or 1995 nachts ausgerechnet in der hintersten Kurve stürzte, über drei Kilometer zurück schob und, dem Kollaps nahe, das gute Stück den Mechanikern gab. Die Maschine war reparabel, aber Coulons Brille fehlte. Ein Mechaniker konnte das gute Stück nach längerer Suche nur noch in Fragmenten zurückbringen. Coulon: »Da bin ich eben ohne weitergefahren.« Die Schweizer wurden Achte.Von solchen Anekdoten lebt der Mythos 24-Stunden-Rennen. Wenn die Fans sonntags nach der Zielflagge die Strecke stürmen und nach Devotionalien stöbern, ist es durchaus üblich, daß sie beim Letzten im Ziel begeistert Autogramme holen. Auch dort gibt es - Verkleidung geflickt, Hände voller Blasen, Augen rot gerändert - Schampus. Sie haben es geschafft, sind in der Wertung. Das mit dem Schlaf dauert jetzt eben noch mal etwas länger.
Anzeige

Langstreckenrennen: Reportage über die Faszination (Archivversion) - Die Langstrecken-Rennen 1998–––––

Le MansTermin: 18./19. AprilVeranstalter: ASM ACO - Circuit des 24 Heures, F-72019 Le Mans, Frankreich;Telefon 0033/2/43402424, Fax 0033/2/43402426Lage: etwa 200 Kilometer westlich von ParisÜbernachten: preiswerte Hotels in StreckennäheBesonderheiten: sehr interessantes Rennsport-Museum, unter anderem mit der kompletten Kollektion aller Endurance-Suzuki. Der Kurs ist nachts rundum beleuchtet, Festdorf im Infield. Französischkenntnise sind hilfreichSpa-FrancorchampsTermin: 11./12. JuliVeranstalter: AMC RAC Junior Liège, Rue Edouard Wacken 29, B-4000 Liège (Lüttich), Belgien; Telefon 0032/42/2542669, Fax 0032/42/2521934Lage: etwa 50 Kilometer südwestlich von AachenÜbernachten: im Streckenbereich, günstige Pensionen im UmkreisBesonderheiten: grenznahe Lage, daher kaum Verständigungsprobleme. Gute belgische Küche Le CastelletTermin: 12./13. SeptemberVeranstalter: AMC de France, 15-17 Quai de France, F-75166 Paris Cedex 19, Frankreich, Telefon 0033/1/40342207, Fax 0033/1/40341577Lage: etwa 40 Kilometer östlich von Marseille, 50 Kilometer südöstlich von Aix-en-ProvenceÜbernachten: Camping in unmittelbarer Streckennähe, Hotels in der nächsten Umgebung sind in der Regel ein Jahr im voraus ausgebucht. Also über Reisebüro buchen oder in der weiteren Umgebung suchen.Besonderheiten: nettes Rennsport-Museum am Eingang zum Zuschauerbereich. Insider-Tip: Falls Kumpels meinen, der Bol d´Or sei in Paul Ricard und nicht in Le Castellet - cool bleiben. Der Ort heißt Le Castellet, die Rennstrecke Circuit Paul Ricard.Anmerkung: Ein fünfter Lauf ist in England am 27./28. Juni geplant. Ort steht noch nicht fest

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote