Festival Italia mit Holger Aue and friends (Archivversion) Italienisch für Fortgeschrittene

Guzzi, Ducati, Moretti, Benelli – bravo, prima, viva Italia! Bimota, Cagiva, Laverda – brillante. Mehr, piu! Honda, Kawasaki, Harrrley-Davidson... hä? Asiaten, Amis? Corretto. Beim Tifosi-Festival in Oschersleben wurde astrein gekauderwelscht.

»Aue, wo ist Aue?« Gleich zerreißt’s den Lautsprecher da oben. Die Stimme des Rennkommentators kurz vorm Überschlag. Unten donnern die »classic Bears« über die Zielgerade. BSA Rocket 3, Ducati TT2, Moto Guzzi in allen Variationen. Laverda, Bimota, BMW. Brüllend. Bebend. Letzte Runde. Noch 35 Starter im Feld. Bestzeit 1.42 hoch. Es riecht nach Fehlzündungen, Feuerwerk, verbranntem Öl. Die Bears geben alles. Nur Aue – »fällt zurück, wird abgeledert. Dritter, neunter, 18. Platz!« Fassungslos der Mann am Mikrofon. »Technischer Defekt, Abflug«, Guzzi im Eimer?»Papperlapapp. Mein Transponder hat gesponnen«, erklärt Aue später. Die elektronische Zeitmessung – versagt. »Pflügte als Dritter durchs Ziel, war schon am Winken, als die anfingen, mich abzuschreiben.«Holger Aue. Rasender Cartoonist, Italo-Freak und neben Superbike-Star Pierfrancesco Chili einer der Protagonisten beim Festival in Oschersleben. Box Nummer 10. Elfköpfiges Team. Vier Kasten Bier und acht Pokale: Archie hat einen, Holger zwei, Matthies und Ralph Schädel dito. Paddy... »hat sich von ’ner Frau abledern lassen«, feixt Doris, Holgers Holde. »Der Mann hat Familie«, räumt Henning ein, zupft den Büstenhalter seiner Cagiva Elefant zurecht, pflanzt noch ein paar Blümchen in die Verkleidung. Willkommen im Motomania Racingteam. Ähnlichkeiten mit noch lebenden Comic-Figuren sind alles andere als zufällig.Nebenan, in Box 9, BoT-Haudegen Jens Hofmann. Mit Freundin Heike und dem Viech. Guzzilla! Brutales V2-Ereignis. 158 PS. Pechschwarzer Karbonmantel. Markerschütterndes Gebrüll. Brannte in der »Sound of Thunder« eine 1.38 in den Asphalt. Reichte aber nicht, um Leute wie Wolfgang Bax, IDM-Fahrer Michael Galinski oder den wackeren Schwaben Michael Tränklein das Fürchten zu lehren.»Achtung Fahrerlager, letzter Aufruf für die Königswellen.« Seit zweieinhalb Tagen geht’s hier mächtig rund. Die Strecke ununterbrochen unter Beschuss. Von wegen nettes, kleines Italo-Treffen. 350 Akteure geben sich im Motopark volle Dröhnung. Eingeteilt in bemerkenswert viele Klassen: »due valvole, quattro valvole. Pro Thunder. Sound of Thunder. Königswellen, classic Bears. Superprix, street Fire...« Jede Klasse noch mal in Divisionen gesplittet, das Reglement von außen nahezu undurchschaubar. Irgendwie dürfen alle starten, die bereit sind, minimum 120 Euro Nenngeld abzustecken und ihre Perle im sächsisch-anhaltinischen Boden zu versenken. Asiaten, Amis, Bajuwaren – ein multikultureller Ringelreihen, angeführt freilich von italienischem Gerät.Horden von Aprilia RSV mille neben museumsreifen 350er-Ducati, Pantah und SS. Eine Armada bildschöner Laverda-Renner, dazwischen – die Göttliche: Benelli Sei. Schätze überall. Selbst vor der kleinsten Hütte: die Mike Hailwood Replika bei dem pinkfarbenen Drei-Mark-Fuffzig-Zelt aus dem Baumarkt, das gestern komplett abgesoffen ist. Jawohl, es kübelte wie aus Eimern, die Verluste im freien Training waren entsprechend hoch. Kleine Kieshäufchen neben zerschraddelten Verkleidungen, hie und da ein Zettel: »verkaufe... in Teilen.« Überhaupt wird jede Menge vertickt. Kolben, Klamotten, Schmiermittel, Reifen, Sticker, Tuning-Kits, Hasseröder und Glühwein.»888, Baujahr ‘92, Unfall, Box 10, nach Rolf fragen.« Rolf Hadeler, der gerade gebügelt wird. Bei den Königswellen. Seine Ducati 860, Startnummer 561, macht in der Oldie-Klasse keinen Stich. Aber toll ist sie. Genau wie seine Moretti, die bei den Bears nach hinten durchgereicht wurde. Was nicht am Motorrad lag, wie er offen bekannte, die 750er bräuchte nur mal einen schnellen Fahrer. Als Schrauber ist der Hadeler allerdings unschlagbar. Wechselte am frühen Nachmittag den Motor der Schädel’schen TT2 in weniger als 30 Minuten. Dass der Schädel einen Ersatzmotor dabei hat, ist völlig normal. Ohne geht er gar nicht aus dem Haus. Zum ersten und einzigen Mal an diesem Wochenende herrscht in der Motomania-Box so etwas ähnliches wie Hektik: »Getrieblager hin, elfer Ringschlüssel her, stell die Kiste auf die Kiste... mehr Kabelbinder, Tupfer, Zange, Schwester... Zieh nicht so, da hinten, los, gib mir die Schraube mit dem fiesen Kopf.« Henning kocht Kaffee, Doris Suppe, Henning Junior schraubt an seinem Bobbycar.Schädel fuhr bei den Bears auf Platz eins, Rolf auf 25, that’s racing. Vier Plätze dahinter: Reinhard Korfmacher. Auf einer Moto Guzzi Le Mans 1000 und zwei sechs Jahre alten Pirelli Phantom. Die Startnummernschilder aus gelben Farbeimern gebastelt, den klapprigen Klawitterbus von einem Kumpel geliehen. Auch das: racing. In seiner schönsten Form vermutlich.»Letztes Rennen: Sportbike Open.« Eine Phalanx von Yamaha R1, Suzuki GSX-R 1000, Kawasaki ZX-9R und Konsorten rollt an den Start. Unter dem Motto »alles, was geht« verwandeln sie den Motopark in einen grellbunten Hexenkessel. Bizarr, nach dem Auftritt der Klassiker. Fast ein bisschen unwürdig. Das Kreischen der japanischen Vierzylinder, die kriegsbemalten Plastikverpackungen – wie Star Wars nach einem Fellini-Film. »Ist schon okay so«, sagt Aue. Nippt an seinem Bierchen, schmunzelt und setzt nach: »Streng genommen können die doch gar nichts dafür, dass sie kein Italienisch verstehen.“

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote