Filmprojekt »Der Cascadeur" (Archivversion)

Stunt-Ort Deutschland

Im Frühling 1998 kommt, wenn alles klappt, der deutsche Abenteuerfilm »Der Cascadeur« in die Kinos. Mit einem haarsträubenden Motorradstunt fing alles an.

»Mann, das dauert ja ewig.« Der neunjährige Alessandro beobachtet, wie über 50 Leute auf einer Kreuzung in München-Gräfelfing durcheinanderwuseln, Schienen verlegen, Kameras justieren und Lampen aufstellen. »So was finde ich höchstens interessant«, sagt er altklug. »Indiana Jones, das ist spannend.«Endlich brüllt ein Mann durch ein Megaphon »Ruhe am Set. Action!« Eine Suzuki rast, haarscharf verfolgt von einem Kart, auf eine Kreuzung zu. Dort steht, wie der Film so spielt, ein Lastwagen, der Fensterscheiben geladen hat. Als das Motorrad in den Laster kracht, explodiert eine Sprengladung. Ferngesteuert und mit ohrenbetäubendem Getöse. Metallfetzen fliegen, Scheiben bersten, und die Puppe auf dem Motorrad bleibt übel zugerichtet liegen, während der Kart unter dem Lkw durchfährt. Dauer der Aktion: höchstens zehn Sekunden. Alessandro klatscht sichtlich beeindruckt: »Wow!« Der Stunt, der im Kinostreifen »Der Cascadeur« über die Leinwand flimmern wird, beschäftigt das Filmteam zwei Tage lang, wobei fünf Kameras gleichzeitig in Super-Zeitlupe bis zu 150 Bilder pro Sekunde aufnehmen. Ein beträchtlicher Aufwand für einen »Teaser«, eine Art Werbefilm, der Sponsoren überzeugen soll. Das gelang: Ins Kino kommt der Film vermutlich im Frühling 1998. Regisseur Hardy Martins, Produzent Jimmy Gerum und Kameramann Markus Fraunholz drehen - frei nach den Vorbildern James Bond und Indiana Jones - einen Abenteuerfilm. Doch statt New Yorker Wolkenkratzern ragen in dem Streifen deutsche Tannen auf. »Das macht den Charme aus«, glaubt Jimmy Gerum. Ursprünglich sollte Vincent, der Held, ständig mit dem Motorrad rumknattern. »Aber das war uns zu Van Damme-mäßig«, erklärt Hardy Martins. Deshalb fährt beim Stunt in München der Böse Motorrad, während der Gute einen Kart lenkt. »Beim Film muß man immer auch den Zeitgeist treffen. Durch Schumacher sprießen überall die Kartbahnen aus dem Boden«, begründet der Regisseur, warum Vincent ausgerechnet mit einem Kart rumdüst.Im Drehbuch reißt den Helden eine schöne, mit dem Fallschirm abspringende Frau in einen Strudel von Abenteuern. Auf der Suche nach dem legendären Bernsteinzimmer, einem während des Zweiten Weltkriegs verschwundenen Schatz, gejagt von einem Gangster-Syndakat, folgt er in Deutschland, Venezuela und Rußland verschlungenen Pfaden.Obwohl oder gar weil Star Heiner Lauterbach den Oberbösewicht mimt, muß die Crew sparen. Bei den Aufbauarbeiten für den Stunt mobilisiert Martins deshalb viele Bekannte. Der Freund seiner Schwester findet das Hantieren mit Glasscheiben, die ihm womöglich auf den Kopf fallen, eher bedrohlich. »Ich könnte jetzt zu Hause vorm Fernseher sitzen«, stöhnt er. Martins jedoch freut sich: »Alle helfen, weil sie es für mutig halten, daß wir gleich so groß einsteigen.«Schließlich hat keiner im führenden Dreier-Team eine Filmhochschule besucht, und fast alle erfüllen Aufgaben, die ihnen bislang niemand bei großen Produktionen zugetraut hatte. »Wenn das klappt, spielen wir alle in einer anderen Liga«, hofft Kameramann Fraunholz und träumt den Traum von einer Hollywood-Karriere.Der Optimismus des Teams gleicht dem amerikanischer Kinohelden, die allen Widrigkeiten zum Trotz Berge versetzen. Zum guten Schluß kriegt nur der Zweifler Alessandro eins übergebraten: »Ein Film entsteht nicht in ein paar Sekunden«, belehrt ihn seine zehnjährige Freundin Patricia cool.
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Filmprojekt »Der Cascadeur" (Archivversion) - «Eine Million kommt immer“

Regisseur und Hauptdarsteller Hardy Martins, 33, zum Film »Der Cascadeur“
Wie sind Sie auf die Idee für einen deutschen Action-Film gekommen?Mir waren die Stunts in Deutschland einfach zu langweilig. Ich habe in Amerika bei den führenden Stuntleuten gelernt, konnte aber hier nie alles umsetzen. Deshalb machen wir jetzt unseren eigenen Film.Was ist das Besondere am »Cascadeur«?Der Hauptdarsteller macht, für die Zuschauer erkennbar, die Stunts selbst. Wir arbeiten mit kleinem Budget sehr unkonventionell und mit großer Leidenschaft. Wenn die Motivation nicht da ist, alles aufzugeben, nur um diesen Film zu drehen, geht´s überhaupt nicht.Wie hat sich das Drehbuch entwickelt?Das Drehbuch ist von Uwe Wilhelm und Uwe Kosmann, einem bekannten Autorenduo, geschrieben worden. Die großen Stunt-Sequenzen stammen von mir. Wenn man sich nur mit Action beschäftigt, kommen einem zwar die ganz tollen Ideen für Stunts, aber für ein gutes Drehbuch reicht das nicht. Warum sind Sie zugleich Regisseur und Hauptdarsteller?Das hat mehrere Gründe: Ich habe neben der Stuntkoordination in Serien wie Derrick oder Der Fahnder mitgespielt. Das hat mir Spaß gemacht. Außerdem gibt´s beim Film immer Kommunikationsprobleme. Deshalb ist es ein großer Vorteil, wenn der Hauptdarsteller weiß, was der Regisseur will. Wie läuft die Finanzierung?Wir bekommen eine Million von der bayrischen Filmförderung, und Pro Sieben unterstützt uns. Der Wert des Films liegt bei zehn bis zwölf Millionen Mark, aber wir versuchen, ihn für die Hälfte zu machen. Wir sind noch nicht komplett durchfinanziert, aber es sieht sehr gut aus. Wenn man mal angefangen hat zu drehen und es fehlt noch eine Million, dann kommt die immer irgendwoher. Daran muß man glauben als Produzent.

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