Finale am Nürburgring (Archivversion)

Gefunden: Der Motorradfahrer des Jahres 2001

Er sieht aus wie der Champion von 1999, fährt dasselbe Motorrad, trägt denselben Namen: Michael Nägele alias Mike the Bike – zweifacher Motorradfahrer des Jahres.

»Da drüber fahren? Ich? Niemals.« Der Mann mit der Startnummer 34 wendet sich ab. Entschlossen zu verweigern. Drei Punkte hin, vier her – egal. Nach zwei Tagen und zehn Prüfungen wähnt Michael Oschatz seine Titelchancen eh längst im Nirwana. Was für ihn jetzt noch zähle, sei der Spaßfaktor. Warum also diese haarige Nummer durchziehen? »Weil du’s kannst«, sagt Nicole. Nicole Krüger, ehemalige 125er-DM-Fahrerin und Mitglied der siebenköpfigen Instruktoren-Crew, die den Finalisten beim »Motorradfahrer des Jahres 2001« über die Runden hilft.Am nasskalten Morgen des 27. September keine leichte Mission. Vor den ungläubigen Augen der 24 Teilnehmer breitet sich eine pylonengespickte Geisterbahn namens Jägerparcours aus. Schon per pedes nur durch ein gewisses Maß an Navigations- und Bewegungstalent zu bewältigen. Höhepunkt der Inszenierung: die Wippe! 40 Zentimeter hoch, 30 breit und sehr, sehr kurz. Nieselberegnet. Spiegelglatt. Betroffenheit auslösend. Die Speedrunden, gestern, auf der Grand-Prix-Strecke, das Unternehmen Endurocross von vorgestern, der Erste-Hilfe-Akt mit Dr. Scholl, die Trialstopps, Ziel- und Vollbremsungen: Alle bislang absolvierten Übungen gedeihen angesichts dieser schiefen Ebene zum lockeren Unterhaltungsprogramm. Wenigstens im Nachhinein.»Ihr müsst da nicht drüber«, erklärt Heiner Göttsche, engagierter Fahrlehrer und Motorrad-Trainer. »Wenn euch die Sache nicht geheuer vorkommt, nehmt ihr einfach die markierte Umleitung. Was freilich Zeit kostet. Und Punkte.« Sorgfältig formt der Mittfünfziger seine Worte – zu Sätzen, die man nicht vergisst: »Solltet ihr die Wippe wählen, fahrt nicht zu langsam. Aber auch nicht zu schnell.«Starter, Organisatoren, Schlachtenbummler, an die 70 Augenpaare heften ihren Blick auf den Corpus Glitschi. Und dann passiert, womit keiner gerechnet hatte: Umleitung, pah! Bettenworth, Böhm, Caldarelli... Seydel, Wagner, Wolter, alle drauf, zack, wipp und weg. Rein in den anschließenden engen Slalom. Links, rechts, rutsch, huch, Zielbremsung, ratsch, hurra! Gerhard Forster meistert den Parcours mit Bravour. Martin Nolte springt fast übers Ziel hinaus. Manfred Dehorn-Emden stürzt ums Haar ab. Und Michael Oschatz? Hat’s auch getan. Weil er’s kann. Sonst wäre er nämlich gar nicht hier. Wer sich unter 3000 Mitbewerbern bis ins Finale dieser Veranstaltung durchboxen konnte, ist garantiert kein Schlumpf.Gegen 10.30 Uhr hat das Grauen einen neuen Namen: Kartbahn. »Fahren auf Eis«, moderiert MOTORRAD-Marketing-Mann Hanns-Martin Fraas. »Glatt, sauglatt«, bekräftigt Testchef Gerhard Lindner. Und meint das ganz und gar nicht im schwäbischen Sinne von »witzig«. Komisch an der Sache sei allenfalls, wie unvermittelt man auf der Klappe läge, sobald etwas zu viel Gas oder Schräglage ins Spiel kommt. Am größten ist die Gefahr auf der Ideallinie, logisch, weil dort am meisten Kartgummi klebt.Mit zwei harmlosen Ausrutschern geht die Zitterpartie über die Bühne. Das sind 50 Prozent weniger als im letzten Jahr. »Überhaupt«, sagt Hanns-Martin, sagen die Instruktoren, sagen alle, »überhaupt werden die Herrschaften Titelanwärter immer besser.« Weil sie im Vorfeld immer mehr üben. Den Kreis am Lenkanschlag beispielsweise dreht jeder hier im Schlaf. Nur – die Damen und Herren von der Orga sind auch nicht dumm und ließen den Klassiker heuer aus.Im Büromobli bei ACTION-TEAM-Mitarbeiter Alxander Métayer, wo alle Fäden zusammen, die Aschenbecher über und die Computer auf Hochtouren laufen, fällt immer häufiger der Name Nägele. Wenn der Buell-Fahrer heute Mittag auf der Nordschleife nicht patzt, ist er heute Abend um ein Motorrad reicher. Doch der Mann aus Walddorfhäslach patzt nicht. Legt bei der so genannten Wertungsrunde über die 23 Kilometer lange Strecke einen sauberen Strich auf den Asphalt. Fuhr, wie stets, auf Ankommen. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Erhält die Note zwei. Sind elf von 15 Punkten und – die reichen. »Es bringt gar nichts, wenn du dir den Stress machst, bei einzelnen Übungen alles zu geben. Keine zu versieben, darum geht’s.«Mit dieser Strategie gewinnt Michael Nägele den Titel zum zweiten Mal. Was er freilich noch nicht weiß, denn die Teilnehmer erfahren während der Prüfungen kein Sterbenswort über Punktestände. Das heben sich die Veranstalter für die Abschlussfeier auf. Und machen die Sache derart spannend, dass der Nervenkitzel auch unbeteiligte Dritte erfasst. Industrievertreter, Perfektionstrainingsteilnehmer, Chefredakteure – jeder der rund 250 Gäste fiebert mit, als die zehn Bestplatzierten eine aller letzte Prüfung aufs Parkett legen müssen: Mit einem Minibike unterm Hintern, eine Stange in der Hand, auf der Bühne einen Kreis um einen Pfosten drehen. Ja, ja, wer Motorradfahrer des Jahres werden will, sollte auch einen gewissen Sinn für Öffentlichkeitsarbeit haben.
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Hintergründe (Archivversion)

Zum dritten Mal starteten MOTORRAD und Aral die Aktion Motoradfahrer des Jahres. Unterstützt vom Bundesverkehrsministerium, den Firmen Gericke, Metzeler, Schuberth Helme, Spiegler und der DBAutoZug GmbH. Aus den rund 3000 Bewerbungen wurden 1000 Vorrundenteilnehmer ausgelost, die ihre Kompetenz an 25 Orten der Republik in praktischen Prüfungen beweisen mussten. Und zum ersten Mal schafften vier Frauen den Sprung in die Zwischenrunden. Beim Finale war leider keine dabei. Doch das machte Michael Nägele wieder wett, indem er bei der Ziehung der 7777 Mark hohen Spritpreise, des parallel laufenden Preisausschreibens, gleich drei Damen aus der Versenkung der Lostrommel zog: Petra Bahm, 73240 Wendlingen, Ilse Neureuter, 72657 Altenried und Corinna Schumann, 22245 Hamburg.

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