Finale: Freestyle-MX Freestyle-Motocross in Berlin

Mit "Air", auf Deutsch Luft, kennen sich die Berliner aus. "Berliner Luft" nennt sich in der Hauptstadt eine süße Nachspeise ebenso wie ein uralter Gassenhauer. Auch die Luftbrücke der Nachkriegszeit ist noch in guter Erinnerung. Na dann, angeschnallt und wilden Flug mit den Freestylern!

Foto: Jahn
Luftikusse scheinen in Berlin perfekte Arbeitsbedingungen vorzufinden. Der "Night of the Jumps-Flugzirkus", gleichzeitig auch Freestyle-Weltmeisterschaft, katapultiert sich vor samstäglich ausverkauften Rängen in Richtung Hallendecke. Die Hütte rockt. 11000 begeisterungsfähige Zuschauer und davon geschätzte 8421 mit dezibelstarken Lufttröten. Das Publikum ein maximaler Querschnitt Berliner Möglichkeiten. Alt und jung, Logenprotz und Hinterhof-Prolo, Männlein und Weiblein, Sportsfan und Abhänger. Apropos Abhänger. Wer kennt zufällig die Regelwerk-Definition über Freestyle-Motocross des Deutschen Motor Sport Bund e.V., kurz DMSB? Da findet sich unter Absatz 1.1 folgende Erklärung: "Ein Freestyle Motocross Wettbewerb ist ein Einzelwettbewerb für Motorradfahrer, die unter Berücksichtigung von Distanz und Höhe auf künstlichen Hindernissen Luftfiguren und Kunststücke durchführen." So, wissen wir das jetzt auch. Dem robusten Berliner Publikum ist es wahrscheinlich eher schnuppe, ob im Fahrerlager die ebenfalls vorgeschriebenen drei auf drei Meter pro Fahrer, zwei Stühle und der empfohlene Tisch und Abfalleimer vorhanden sind. Interessanter klingt es im Regelbüchlein schon bei Kleinigkeiten wie Absprunghöhen von 2,5 bis 3,2 Metern und einer vorgegebenen Landehügelhöhe von vier Metern. Der eigentliche Spaß steckt für den Zuschauer demgegenüber in der Sprungdistanz von 10 bis zu 28 Metern und einer geforderten lichten Höhe über den Rampen von mindestens vierzehn Metern. Bummms, nicht mal der Berliner springt für gewöhnlich in Badelatschen aus dem zweiten Stock. Die Freestyler bohren sich dagegen alle paar Sekunden geradezu irrwitzig nach oben in die dunstige Hallenluft und wieder zurück. Das Publikum tobt, trampelt und gröhlt. Für ein stattliches Eintrittsgeld gibt es eine extreme Show als Gegenleistung. Nach dem ersten Rückwärtssalto, in Fachsprache "Backflip", zündet das Publikum in der Halle wie auf Kommando ein Applaus-feuerwerk. Während die Fahrer ihr Adre-nalin kaum unter Kontrolle bekommen, benetzt sich der faszinierte Besucher die trockenen Lippen, bemüht sich, den Mund wieder zu schließen und den Kopf bei beginnender Genickstarre zurück in die normale Blickrichtung zu bewegen.

Die Spielregeln selbst sind leicht verständlich. Zwölf Akteure zeigen in einem festgelegten Zeitrahmen, einem Qualifikationsrun, ihr Repertoire, und die Punktrichter geben eine gemittelte Punktwertung ab für Ausführung der Tricks, Streckennutzung, Style und Schwierigkeitsgrad.

Die sechs Besten kommen ins Finale, und dann geht es mit einem erneuten Lauf von vorne los. Deutschlands bester Rampenhüpfer, Fabian Bauersachs, gewährt spannende Einblicke in den stressigen Ablauf einer solchen Kür. "Zwischen den einzelnen Sprüngen bleibt extrem wenig Zeit, da muss alles passen, Netz und doppelten Boden haben wir nicht", so Bauersachs. "Ich checke den eingelegten Gang, bei mir immer den zweiten, muss die zusätzlichen Haltehebel ausklappen, fixiere den Lenkungsdämpfer für bestimmte Tricks und so weiter, das kapiert manchmal nicht einmal unser Moderator Sven Schreiber, und der trompetet dann irgendwas von Problemen in das Mikrofon." Für den "Rampenprofessor" Bauersachs ist Perfektion bei Technik und Ausführung oberstes Gebot. Beim Absprungtiming auf der Rampe geht es um Zentimeter und Millisekunden ganz im Gegensatz zu den gewaltigen Flug-höhen und Distanzen, die die Motocrossflieger dann erreichen.

Meister Fabian erklärt weiter: "Bei den Überkopftricks hakst du dich teilweise nur noch am Schalthebel ein oder versuchst zur Landung über die speziell angebrachten griffigen Kontaktflächen wieder aufs Motorrad zurückzukommen. Gelingt das nicht, gibt es keinen Rückfahrschein mehr." Mit Platz fünf und sechs, sprich Finalteilnahme, klappt das aktuell so gut, dass mit Suzuki direkt ein neuer Motorradsponsor bei ihm einstieg. Weiterhin allzeit guten Flug, Fabian Bauersachs!
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Während der Night of the Jumps traf MOTORRAD Sebastian "Basti" Wolter. Der 32-jährige Berliner ist trotz Teilzeitruhestand noch immer Deutschlands bekanntester Freestyler.

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