Freestyle-Motocross (Archivversion)

Airobic

Sie sind so gleich und doch so verschieden. Was die Supercrosser mit ihrem Superjump einst initiierten, hat die Freestyle-Szene zur Perfektion entwickelt. Eines ist sicher: Wenn die Jungs abheben, stockt den Fans der Atem.

Coffin. Ein ganz sauberer Coffin, Leute. Und perfekt gelandet«, der Moderator flippt regelrecht aus. Die 9000 Fans am Samstagabend beim Supercross in der ausverkauften Münchner Olympiahalle erst recht. Fabian Bauersachs hat seine Honda kaum in der Landeschräge aufgesetzt, da springen die Zuschauer schon von ihren Sitzen. Standing Ovations für Fabian, seine Kollegen Basti, Luki und Co. Eine kollektive Verbeugung vor einer Disziplin, die sich längst aus dem übermächtigen Schatten des Supercross ins Rampenlicht geschoben hat: Freestyle.Zu Recht. Denn wenn die Freestyler fliegen, drehen die Fans durch. Immer und garantiert. Nur, das war auch schon vor über zehn Jahren so. Damals, beim so genannten Superjump. Zu der Zeit, als für die imposanten Flugeinlagen die besten Cracks des noch jungen Supercross einfach zweitverwertet wurden. Ein schüchterner No Hander, bei dem die Hände in der Luft vom Lenker genommen werden oder ein zurückhaltender Whip, eine im Flug quer gelegte Maschine reichten bereits, um die Massen ausrasten zu lassen. Heute gilt Superjump als das Unwort der Freestyle-Szene, und die Supercross-Stars lassen tunlichst ihre Finger von der ehemaligen Zweitbeschäftigung. Die Größen der Freistil-Luftfahrt hören hierzulande längst auf Namen wie Fabian Bauersachs, Sebastian Wolter oder Lukas Weis. Und deren Tricks klingen nicht nur komplizierter, sie sind es auch. »Superman Seatgrab No Hander Landed« und ähnliche Wortungetümer umschreiben im omnipräsenten Szene-Amerikanisch die Flugschauen der allerverschärftesten Art. Bernd Eckenbach, seit Tag eins des deutschen Indoor-Cross in vorderster Front mit dabei und selbst oft genug Superjumper, weiß warum: »Freestyle hat sich spezialisiert. Wer da mithalten will, muss diese Tricks trainieren. Da bleibt kein Nerv, Rennen zu fahren.« Stimmt. Denn auch die Blumenkinder der Lüfte, die sich bei ihren Auftritten in Shorts und Flatter-T-Shirts nach wie vor betont lässig geben, müssen sich mittlerweile ranhalten. Seit der amerikanische Obercrosser Jeremy McGrath Mitte der neunziger Jahre in der Luft keck ein Bein über das Heck schwang und mit diesem so genannten Nac Nac die Neuzeit der motorisierten Turnbewegung einläutete, wird permanent nachgelegt. Mindestens 20 verschiedene Tricks müssen die Spitzenkräfte auf Lager haben. Erst recht, seit der Amerikaner Mike Metzger im Juli diesen Jahres mit dem Backflip, einem Rückwärtssalto, Fans und Kollegen dieser Disziplin schockierte. Entsprechend schlecht schlafen seit diesem Tag auch Sebastian »Airwastl« Wolter und Kumpel Fabian »Fab« Bauersachs, Eliteflieger und Vordenker der hiesigen Szene. Der Reiz, den ultimativen Trick zu wagen, ist groß, die Angst, sich dabei alle Knochen zu brechen, aber noch größer - bislang. Und das ist auch gut so. Denn was Airwastl, Fab und Kollegen – abseits des schrillen Geschehens übrigens überaus ruhige und sympathische Zeitgenossen - in München zeigten, reichte, um selbst Insider zu elektrisieren.Kein Wunder, Erfahrung haben die Jungs mittlerweile genug. Denn weltweit sprießen die Freestyle-Events wie Pilze aus dem Boden. Ob Mythen wie die Gravity- oder die X-Games in den USA, die Red Bull X-Fights in der Stierkampfarena von Madrid, das Freestyle.ch in Zürich oder die beiden hiesigen Top-Events in Riesa und Oberhausen, Airwastl und Fab fliegen mit. Und das längst nicht mehr von ausgefahrenen Zielsprüngen der Supercrosser. Eine Rampe muss in diesem Bussiness sein. Das 2,60 Meter hohe Gerüst aus Stahl und Holzplatten gibt Sicherheit, Vertrauen – und katapultiert die Jungs gut acht Meter hoch und 20 Meter weit. Knapp drei Sekunden Flugzeit reichen, um die Fans zu begeistern – oder manche Supercross-Kollegen neidisch zu machen. Die gewagte, dem Anschein nach aber stressarme Art, mit der die Herren Freestyler sowohl Finanzen als auch das Medieninteresse in ihre Richtung lenken, stößt nämlich den arbeitsamen Supercrossern gelegentlich auf. Andreas Boller, beim Stuttgarter Supercross immerhin Finalsieger und in München als Doppelstarter in der Zwei- und Viertaktklasse quasi im permanenten Schweißbad, fühlt sich jedenfalls unterfinanziert. »Im Vergleich dazu, wie wir uns in den Rennen abrackern, sind die Freestyler ganz klar zu gut bezahlt«, meint der 22-jährige Profi aus Langgöns bei Gießen, der, genauso wie die Kunstspringer, mit wenigen tausend Euro Prämien pro erfolgreichem Supercross-Wochenende wahrlich keine Reichtümer scheffelt. Einmal hat der Abiturient im Dienst des Westerwälder Sarholz-Teams bereits Freestyle-Luft geschnuppert. Doch schon bei einem Demo-Schaufliegen vor drei Jahren in München hatte Deutschlands einzige aktuelle Supercross-Hoffnung festgestellt, dass »Freestyle nicht meine Welt ist«.Den physischen und mentalen Spagat zwischen erfolgreichem Motocross, Supercross und Freestyle schafft in Deutschland derzeit nur Lukas Weis. Obwohl der 20-Jährige aus der Nähe von München »lieber Motocross-Star als Freestyle-Champion« werden will, nützt der Profi seine natürliche Begabung, um den stollenbewehrten Graben zwischen den Parteien imposant zu überspringen. Dass beides geht, beweist sein Vorbild, US-Crosser Travis Pastrana, der in der Saison 2000 den US-Titel in der 125er-Klasse holte und in diesem Jahr hinter Mike Metzger als zweiter Mensch der Welt den Backflip stand. Nicht zuletzt durch Typen wie Luki Weis oder Pastrana könnten die Fronten aufweichen. Zumindest zwei weitere undichte Stellen wird’s auch hierzulande geben. Ausgerechnet der 32-jährige Routinier Bernd Eckenbach und der bereits zurückgetretene Ex-Champion Didi Lacher, 35, wollen sich demnächst an einer Rampe versuchen. Für einen standesgemäßen Hands-on-the-bar-feet-on-the-pegs-both-wheels-on-the-ground-landed reicht’s beiden ganz bestimmt.
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Freestyle-Moto Cross: Reportage (Archivversion) - Ergebnisse Supercross München

Gesamtergebnis der Superfinals nach drei Tagen1. Tyler Evans (USA), Kawasaki (Platz 1/Platz 1/Platz 33) 66 Punkte, 2. Johnny Aubert (F) Yamaha (7/3/1) 50, 3. Damien Plotts (USA) Honda (3/5/2) 47, 4. Stéphane Demartis (F) Yamaha (2/6/5) 41, 5. Bernd Eckenbach, KTM (4/2/9) 40, 6. Andreas Boller, Honda (-/8/4) 21, 7. Jason Thomas (USA) Kawasaki (5/-/8) 19, 8. Doug De Haan (CDN) Honda (8/7/-) 17, 9. Lukas Weis, KTM (6/12/-) 14, 10. Rui Goncalves (P) Yamaha (-/4/-) 13.

Freestyle-Moto Cross: Reportage (Archivversion) - Am Anfang war...

...Dortmund. Und das in jeder Beziehung. In der Westfalenhalle sprangen die Motocrosser 1983 hier zu Lande zum allerersten Mal unterm Hallendach. Zunächst noch auf Holzboden und schmalen Straßenreifen (siehe Foto). Sechs Jahre später lud die findige Truppe des ADAC Westfalen zur nächsten Premiere. 1989 wühlten sich die Stollenreifen bei der deutschen Supercross-Premiere durch 200 Lkw-Ladungen Erdboden. 1991 garnierte man das Retorten-Cross mit einem weiteren Novum: dem Superjump. Und vergangenen Winter begeisterte die Dortmunder Fans die erste, von der Rampe gesprungene Freestyle-Session in Deutschland. Gründe genug, den 20. Geburtstag des Kult-Events vom 10. bis 12. Januar 2003 ordentlich zu feiern. Karten für das mit viel Kreativität inszenierte Happening sind unter Telefon 0231/54990 oder www.sx-cup.de erhältlich. Und wenn man schon beim Ticket bestellen ist: In Kiel steigt eine Woche später das Finale zum ADAC-SX-Cup. Infos dazu gibt’s auf der gleichen Internet-Seite oder beim ADAC Schleswig Holstein unter Telefon 0431/98 21 0226.

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