Freundschaftsfahrt von Bonn nach Berlin (Archivversion) Der Umzug

Vom Rhein an die Spree fuhren rund 100 motorradbegeisterte Bonner Beamte und Parlamentarier. Noch vor der Regierung. Wie war die Tour?

Berlin lockt die Bonner. Ampeln blinken gelb. Alle Kreuzungen sind gesperrt, bis 85 Motorradfahrer durchs Brandenburger Tor rollen. Freie Fahrt zum Reichstag. Das beglückt Biker, die von der Provinz am Rhein in die neue Hauptstadt cruisen. »Ein tolles Gefühl«, schwärmt ein Kradler. Doch das Empfangskomitee fällt bescheiden aus: Bei Regen und Wind trauen sich nur wenige Bewohner der Millionenstadt auf die Alleen, lauschen verblüfft dem Hupkonzert. Vor dem Parlamentssitz warten zufällig anwesende Touristen. Und Bezirksbürgermeister.Dafür umzingeln Kamerateams den Vizepräsidenten des Deutschen Bundestags. »Wo ist der E-Starter an Ihrem Motorrad?« fragt einer Hermann Otto Solms. Der blinzelt irritiert, faßt sich und sagt: »Drücken Sie den jetzt bitte nicht.« Welch fieser Plan: ein FDP-Parlamentarier, begraben von einer vorwärtshüpfenden BMW R 1200 C. Die nicht mal ihm gehört. Die Weißblauen versorgten 24 Piloten mit ihren Motorrädern und hielten so gleich massenhaft Einzug in Berlin. Zur Freude ihrer Marketing-Abteilung. Damit die teuren Teile unversehrt blieben, gab´s in Bonn erst mal ein Sicherheitstraining. Wobei nur eine K 1200 LT zu Fall kam. »Die Freundschaftsfahrt war eine Schnapsidee«, sagt Andreas Kimmel, Mitarbeiter eines Staatssekretärs, der zusammen mit der Sportgemeinschaft des Deutschen Bundestags das Ganze organisierte. Doch die Abgeordneten hielten sich vornehm zurück. Weder PDS, Grüne noch CDU sandten sattelfeste Kandidaten. »Die Jungen Wilden sind Sesselfurzer«, sagt Sozi Kimmel, der gleich drei Parlamentarier seiner Partei überzeugen konnte mitzumischen, und grinst. Schließlich naht die Europawahl. Da zählt jeder Werbegag. Auch der mitfahrende Teddybär mit SPD-Käppi.Die Menschen hinter den Politikern, viele Beamte und Angestellte von Ministerien, Bundestag und deren Bekannte wollten dagegen unbedingt beim symbolischen Umzug mitmachen. »Mir geht´s ums Fahren in der Gruppe«, sagt Banker Peter Krabbe. Doch komisch: Die meisten plädieren gegen Berlin als Regierungssitz. »In der Eifel kann man besser Motorradfahren«, argumentiert Thomas Kohl. »Zu teuer«, findet Ducatisti Rainer Schlich. »Aber es ist halt 1991 so beschlossen worden«, ergänzt Birgit Oberländer. »Da kann man als Bürger nichts machen.« Die Sekretärin einer Abgeordneten hat bereits eine Wohnung in Berlin. »Ich überführe meine Honda Shadow. Das macht viel mehr Spaß mit so vielen Leuten«, sagt die 33jährige. Kimmel lacht: »Vom Vizepräsidenten bis zum Büroboten ist alles vertreten«, meint der 32jährige, der cool in Blouson und Stiefeletten breitbeinig auf seinem Cruiser hockt. »Das ist gigantisch. Beim Motorradfahren sind alle gleich.« Manche freilich gleicher.Deshalb rollen an der Spitze die Promis und solche, die es werden wollen. Und der Konvoi kriecht. Langsam. Ganz langsam. Von der Bundesstadt ohne nennenswertes Nachtleben erst mal nach Hessen. Auf Bundesstraßen. Als die erste Gruppe hinter einem Laster noch 55 km/h drauf hat, kriegt Thomas Kohl zuviel. Die Handbewegung ist eindeutig: Warum nur überholen die nicht? »Aus Sicherheitsgründen«, sagt Rainer Termöllen, Leiter einer Bonner Kradgruppe, der die Spur bis Berlin ebnet. Und schon mal in Kurven die Digitalanzeige »Bitte folgen« anknipst. Gemeint ist Solms, der an der Spitze cruist: »In den 70er Jahren hatte ich eine 750er BMW. Frisiert. Die lief so 210. Es hat mich wieder gejuckt, als ich von der Fahrt hörte. Doch jetzt gehe ich es lieber gemächlich im Altherrenstil an.« Bei jedem Stopp, ob in Hessen oder Sachsen, sagt Solms vor laufenden Kameras dasselbe: »Wir scheiden mit Wehmut aus Bonn, aber kommen mit Freude in Berlin an. Diese Freundschaftsfahrt soll ein Band der Verständigung knüpfen, nicht nur zwischen den Städten, auch zwischen den Menschen.« Da schrillt´s schon wieder. Ohrenbetäubend. Hauptkomissar Termöllen hat die Truppe fest im Griff. Alles tanzt nach seiner Pfeife. Das Trillern heißt für die Gruppe eins: los. Jetzt. Christoph Matschie, SPD-Abgeordneter aus Thüringen, findet´s ganz schrecklich: »Aber ans Spuren sind wir ja gewöhnt.« Und Thomas Kohl meckert: »Das hektischste an dieser Fahrt sind die Pausen.«Blaue Blitze zucken in der Dämmerung. Polizei zu Krad und Wagen fährt mit 60 km/h auf der B 7 in Thüringen. Dahinter reiht sich Bike an Bike: Motorradscheinwerfer beleuchten die Straße zwischen Erfurt und Jena. Auf der linken Spur verweist ein weiß behandschuhter Motorradpolizist die entgegenkommenden Autolenker an den äußersten Rand. Nichts hält den Korso auf, der über Pflastersteine und Schlaglöcher in die Städte rumpelt. »So viele rote Ampeln habe ich noch nie überfahren«, frohlockt Biker Dietmar Thalheim. »Einfach klasse.« Nach 410 Kilometern erreichen die sechs Gruppen abends um halb elf Uhr Jena. Der erste Botschaftssekretär Albaniens, Sokol Bushati, ist erschöpft: »Ich werde bis zum Ende durchhalten.« Am nächsten Tag pfeift eisiger Wind, Regen fällt. Solms, eigentlich Prinz zu Solms-Hohensolms-Lich, zuckt mit keiner Wimper. Schließlich ist er gut gerüstet. Wie alle drei selbstfahrenden Abgeordneten lieh er sich einen Cruiser. Werbung für BMW. Schon weil der Vizepräsi die Sponsoren in seinen Ansprachen erwähnt. Doch die Münchner schließen sich dem Korso erst in Potsam an. Genau wie SPD-Spitzenkandidat Walter Momper, der auf der Hinterbank eines Polizeimotorrads Platz nimmt. Bequemer Nebeneffekt: Statt 707 nur 45 Kilometer. Bei der Einfahrt in Berlin merkt´s ja keiner. Dr. Michael Ganal, Leiter der Sparte Motorrad bei BMW, lächelt angesichts der vielen Fotografen in der Stadt, wo der Bär tanzt: »Verblüffend, was das für eine Wirkung hat.«

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