Frühling, Wärme, Motoren (Archivversion) Frühling, Wärme, Motoren

Fröhliches Gezwitscher holt mich aus dem Tiefschlaf, fahle Morgendämmerung dringt durch die Vorhänge, die letzten Sterne verblassen gerade. Fünf Grad plus – immerhin. Der neugierige Blick aus dem Fenster entdeckt kein Wölkchen am Himmel. Das balzende Federvieh hat Recht: Es ist Frühling. In meiner Garage müffelt eine reichlich gefahrene, aber ehrenhaft gealterte BMW R 90 S vor sich hin. Ein Youngtimer, wie er im Buche steht, 30 Jahre alt und somit genau richtig für unsere kleine Zeitreise ab Seite 36. Aber was heißt hier müffeln. Der Zweizylinder erzählt meinen Nasenschleimhäuten von Benzin in den Schwimmerkammern, Öl an den Zylinderfußdichtungen und festgebackenen Abgasrückständen aus der Zeit, in der Benzin noch Blei enthielt. Dann der Startvorgang – ja wirklich, es ist ein Vorgang: Die zwei benzinhähne öffenen, Zündschlüssel links neben dem Scheinwerfer reinfummeln, Zündung an und auf den Anlasserknopf drücken. Der großer Starter schlägt sein Ritzel in die Schwungscheibenverzahnung und dreht die Kurbelwelle immerhin gerade so schnell, dass der Boxer seinen Gaswechsel von selbst steuern kann. Und wie! Da schüttelt und hoppelt der alte Flattwin, dass es mir angst und bang wird – egal, ich will fahren, auf zur alten Solitude-Rennstrecke ans Glemseck, wo die Kollegen schon auf mich warten. Kurven nimmt die Alte richtig leicht, kernig zieht der Motor auch aus dem Drehzahlkeller, brummt satt und vernehmlich, sehr, sehr angenehm. Der nächste Ampelhalt, sonst eine ungeliebte Unterbrechung zügiger Fortbewegung, zieht mir die Mundwinkel Richtung Ohren: »Blubblubblubblubblub« tönt der Boxer, hin und her wackelt die BMW, und bei 500 Umdrehung verharrt die Drehzahlmessernadel. So muss ein Motor im Leerlauf klingen, so, als ob er nie mehr ausgehen wolle. Vertrauenseinflößend, beruhigend, Lanzbulldog-mäßig...Heftiges Hupen schickt mich in die Realität zurück. Grün, ich hab’s verträumt. Ob mir das auf einer neuen BMW R 1100 S auch passiert wäre? Sind heutige Maschinen einfach zu glatt geschliffen, zu perfekt, zu austauschbar? Fehlt ihnen der nötige Pep, den die Alten noch hatten? Wichtige Fragen, die uns von MOTORRAD wirklich bewegen. Was meine Sie, liebe Leserinnen und Leser, dazu? Schreiben Sie mir einen Leserbrief oder eine e-mail unter mpfeiffer@motorpresse.de. Ich freue mich darauf.

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