Frühlingsausfahrt (Archivversion) Im grünen Bereich

Wenn auf Gefilden neues Entzücken keimt und sich die Ansicht wieder verschönt und sich an Bergen, wo die Bäume grünen, hellere Lüfte, Gewölke zeigen.

Ich klappte mein Reclam-Bändchen zu und deponierte den Dichter auf dem Nachttisch. Die zweite Strophe des Gedichts verschwomm schon vor meinen Augen. Frühjahrsmüdigkeit. Und für den morgigen Sonntag hatte Wetterprophet Kachelmann Sonniges geweissagt, genau richtig für die erste Ausfahrt: auf dem Motorrad suchen, was Hölderlin bereits gefunden hatte - blühende Bäume, laue Lüftchen, neues Entzücken.Fahr doch mal zur Löwensteiner Platte, hatten sie mir geraten, aber guck, dass du früh los kommst, dann kriegst du an der Bude noch ´ne Weißwurst. Mit dem dritten Sonnenstrahl, der erste stach mich noch träge in den Kissen trollend, wecke ich meine Speed Triple und steuere gen Norden, nur raus aus der City, denn da blüht der Frühling lediglich auf Verkehrsinseln. Weil aber, wo Stuttgart aufhört, Natur sich nicht schon breitmacht, sondern Ludwigsburg mit seinen Einkaufszentren und Möbelhäusern, weil also Landstraßen um die Stadt herum nur wieder in die Tristesse des nächsten Gewerbegebiets führen, brenne ich erst mal die A 81 lang. Richtung Heilbronn.Der Dreizylinder kribbelt in meinen Fingerspitzen, und als es mich an der Blonden in ihrem Barchetta vorbeireißt, da kribbelt es noch anderswo. Fast hätte ich die Ausfahrt Beilstein verträumt. Dort schlummern schmale Asphaltbänder inmitten der Weinberge, Wiesen und Wälder, da gluckern Bächlein, wabern Düfte, säuseln Lüfte, Vögel jubilieren. Und fallen fast vom Ast, als ich vor der ersten spitzen Kehre zwei Gänge runtertrete, am Scheitelpunkt, beinahe zu gierig, zu aufgeregt, das Gas aufziehe und es mich durch die Kurve saugt. Schräglage, endlich wieder Schräglage. Traumhaft.Und kaum einer unterwegs. Noch. Vor der nächsten Ecke aber bummeln schon die ersten Pommes-Biker. Wollen mir wohl die Weißwurst wegschnappen. Nix da, ihr Klappbehelmten, hinten anstellen. »Weißbier dazu?« »Nein, Kaffee, muss noch fahren.« Erst mal die Wurst aus der Pelle zuzzeln, echt lecker mit Senf und Brezel. Aber die Aussicht ist noch besser. Traumhaft fast, wie die frischen Blüten die Hänge zart betupfen, wie’s Gelb der Blumen das linde Grün sprenkelt und zarte Wolken langsam übers helle Blau des Himmels streichen. Hier bin ich Mensch, hier könnt’ ich sein. Wäre ich doch bloß allein. »Deine Triple, die grüne da? Geht doch echt ab, oder?« »Klar Mann, und ich jetzt auch.«Sind halt arg gesellige Wesen, manche Motorradfahrer, doch quatschen konnt’ ich im Winter genug. Außerdem wird’s im Leder fast zu warm hier. Und zu eng. Sonntag, Saisonbeginn. Was drei Stunden so ausmachen. Acht Uhr, die Ruhe vor dem Sturm - elf Uhr Orkan: bollernde Singles, polternde Twins, fauchende Dreizylinder und kreischende Reihenvierer auf allen Straßen. Auf allen? Nein, aber immer auf denselben. Ist halt auch ein Gewohnheitstier, der Motorradfahrer, mit der Hausstrecke als Revier. Mir fällt ein, was die Kollegen gesagt hatten: Nimm den nächstbesten Abzweig, und du bist wieder allein. Allein mit den Kurven, allein mit den Schlaglöchern, allein mit den letzten schmierig feuchten Flecken, die im Schatten lauern und, in was weiß ich für einem Kaff, allein mit der Oma, die mir beinahe vors Vorderrad der Triple trippelt, in ihren Gedanken irgendwo zwischen Hochamt und Hackbraten hängend. Ich fast auf dem Lenker. Und alsbald über der Speisekarte einer schwäbischen Gartenwirtschaft: Saure Kutteln mit Bratkartoffeln, Zwiebelrostbraten, Kässpätzle, Maultaschen, Maultaschen und noch mal Maultaschen. Zunächst aber einen Cappuccino. Igitt, mit Sahnehäubchen, aus der Sprühdose. Und eine Überraschung, mit blondem Haar, aus dem Barchetta. »Deine Triple, die grüne da? Geht doch echt ab, oder?« Da flüstert mir der Frühling, dass auch ich ein geselliges Wesen bin. Und die Blonde, dass sie sowieso viel lieber Motorrad als Cabrio fahren würde. Weil’s cooler sei und so schön kribbelt. Mehr muss sie nicht sagen, 137 Kurven später liegen wir im Gras. Traumhaft. »Deine Augen leuchten noch schöner als die meiner Triumph«, will ich ihr gerade gestehen, da schmiegt sie sich an mich und schmachtet: »Hat die eigentlich auch ‘ne Einspritzanlage?« Wow, die Frau ist echt klasse, nein, sie hat Klasse. Eigentlich gilt es jetzt nur noch eins zu klären: »Stehst du auf Hölderlin?« »Lieber sind mir die Engländer. Triumph. Und ihre romantischen Lyriker: Umschwirrt von tausendstimmigem Lied, lag ich im Grase hingestreckt, mit sanfter Freude im Gemüt, die leicht in uns die Trauer weckt. - William Wordsworth.«Ich verschlucke mich fast am Grashalm, den ich beknabber, dann schreck ich auf von schrillem Geräusch. Der Wecker. Shit, alles nur geträumt. Sei’s drum, die Sonne kitzelt mich an der Nase, und manchmal werden Träume ja auch wahr. Ich fahr’ einfach mal zur Platte. Wordsworths Gedichte steck’ ich mir mal in den Rucksack. Für alle Fälle...

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