Führerschein mit Handicap (Archivversion) gut zu wissen

Dass sich sein Leben ändern würde, ahnte Heiko Sekunden nach seinem Kletterunfall. Was es alles zu berücksichtigen gilt, um seinen Motorrad-Führerschein zu behalten, wusste er anfänglich nicht.

Klaglos erzählt Heiko seine Geschichte. September 2002, Klettergarten, ein Überhang, zwölf Meter über Grund. »Ich bin einfach ausgerutscht, konnte
mich nicht mehr halten.« Er stürzte ab,
fiel aufs Steißbein und quetschte sich den dritten und fünften Lendenwirbel. Mit den Schmerzen kam die Gewissheit, dass alles anders wird. Dass aus Selbstverständlichkeiten Sehnsüchte werden können. »Mir war sofort klar, dass ich neu an-
fangen muss«, sagt – der 40-Jährige, und er begann, Perspektiven zu entwickeln,
kümmerte sich um seine Rehabilitation. Der Alltag hieß fortan: Turnhalle, Was-
serbecken, Hanteln und Gummibänder.
Training, Erholung, Training, jeden Tag, jede Woche – monatelang.
Mittlerweile hat Heiko gelernt, mit
seiner Behinderung zurechtzukommen. In kleinen Schritten ging es voran, jeden Tag etwas mehr. Vom Rollstuhl zu den Krücken, von vielen Fragen zu konkreten Antworten. An der Behinderung selbst – er ist von der Hüfte abwärts teilgelähmt – können weder er noch die Ärzte etwas ändern. Nach wie vor hat Heiko Probleme beim Gehen ohne Krücken, hat wenig Kraft in Beinen und Füßen, muss Orthesen tragen.
Was für ihn außer Frage stand: Er wollte auf jeden Fall wieder Auto und Motorrad fahren, selbständig mobil sein.
Dass er zunächst keines von beidem mehr bewegen durfte, da er nach seiner schweren Behinderung keine gültige Fahrerlaubnis mehr besaß, wusste Heiko nicht. Das erfuhr er erst vom klinikinternen
Sozialdienst. »Ich konnte den Führerschein
nur behalten, wenn ich eine Fahreignungsprüfung bestehe. Nachdem ich meine Behinderung der Führerscheinstelle gemeldet hatte – das ist Pflicht –, blieben mir laut Fahrerlaubnisverordnung (FeV) genau zwei Jahre Zeit, die Prüfung zu absolvieren, sonst wäre die Pappe weg gewesen.« Und er hätte seinen Führerschein komplett neu machen müssen.
Ausführliche Informationen bekam
Heiko von den Spezialisten des Berufsförderungswerks (BFW) in Bad Wildbad. »Die Mitarbeiter der Abteilung ,Fahrschule und Kfz-Beratungsstelle für Mobilitätsbehinderte‘ versorgten mich mit Unterlagen. Darin stand, dass ich eine ärztliche Stellungnahme bezüglich meiner Fahreignung ranschaffen und eine Prüfung der Fahreignung ablegen muss. Und dass es sich natürlich empfiehlt, sich auf diese Prüfung vorzubereiten. Entweder auf abgesperrtem Gelände oder in einer Fahrschule. Und dass man sich eine Maschine besorgen soll, die der Behinderung entsprechend umgebaut wird.«
Weil Heiko im linken Fuß keine Kraft mehr hat, er also mit der üblichen Motorradschaltung nicht klarkommt, entschied er sich für eine Maschine mit Schaltwippe. »Da reicht es, wenn ich den Fuß auflege.«
Prima, wenn man einen Kumpel hat, der schon lange eine Harley mit Schaltwippe besitzt und sie einem zur Ver-
fügung stellt. Denn wie bei der normalen Führerscheinprüfung ist es auch bei der Fahrerlaubnisprüfung möglich, mit einem
eigenen oder einem speziellen Fahrschul-fahrzeug die Prüfung zu absolvieren.
Auf dem Privatparkplatz eines Nachbarn trainierte Heiko. Anfahren, bremsen, Kreise, das komplette Programm. Danach nahm er noch ein paar Fahrstunden, und als er sich sicher fühlte, meldete er sich endlich zur »Eignungsbegutachtung für
behinderte Kraftfahrer gemäß Paragraph
46 FeV« an.
Am 13. Mai 2005 war es soweit. Bei der Prüfung muss der Kandidat zeigen, dass er sich mit seinem Fahrzeug sicher
im öffentlichen Straßenverkehr bewegen kann. Einen nach Behinderungsart sortierten Prüfungskatalog gibt es nicht. Ab-
hängig von der Behinderung wird bei der Prüfung auf ganz unterschiedliche Dinge geachtet. Heiko etwa musste das Motorrad aus eigener Kraft sitzend rangieren und beim Anhalten sicher in der Balance halten.
Heiko hat die Fahreignungsprüfung
bestanden. Jetzt bekommt er noch einen
Eintrag in seinen Führerschein, und dann
darf er wieder offiziell Motorrad fahren.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote