Führerschein (Archivversion) Abgebrannt...

Motorradanfängern wird das Leben schwer gemacht. Und teuer. Das fängt beim Führerschein an und hört bei neuen Versicherungstarifen auf.

In der Motorradbranche herrscht eine gewisse Ratlosigkeit. Wie kann es sein, dass sich so wenige Jugendliche für das schöne Hobby Motorradfahren interessieren, fragen sich die Marketingleute von Aprilia, BMW, Honda und von anderen Herstellern unisono. Und sehen die Felle schon ein bisschen wegschwimmen. Jahrelang hatten sich die Verkaufszahlen neuer Motorräder auf erstaunlich hohem Niveau gehalten. Um die 170 000 nagelneuer Maschinen verließen damals die Showrooms der Händler pro Jahr. In den letzten beiden Jahren gingen die Zahlen jedoch deutlich in den Keller. Minus 9,6 Prozent bis einschließlich September 2000 wies die Statistik aus, absolut: 160 054. In der nächsten Saison prophezeihen Insider noch niedrigere Zahlen. »Die Motorradfahrer vergreisen«, formulierte Dr. Hubert Koch vom Industrieverband Motorrad Deutschland (IVM) kürzlich. Ganz so tragisch dürfte es nicht sein, doch das Gros der Käufer neuer Motorräder liegt zwischen 30 und 44 Jahren. »Es gibt für Jugendliche unendlich viele Möglichkeiten, die Freizeit zu gestalten«, weiß Thomas Beyer, Pressesprecher von Aprilia. »Auch wir überlegen, wie wir Jugendliche ans Motorradfahren heranführen können«, sagt Ernst-Henning Sager, Geschäftsführer von KTM Deutschland. Und ist sich zugleich sicher, »dass KTM dafür eine viel zu kleine Nummer ist.«Weil die Industrie mittlerweile erkannt hat, das ihnen bald die Kunden ausgehen könnten, hat ihr Verband just eine Arbeitsgruppe »Jugend und Motorrad« ins Leben gerufen. Das tut Not. Denn es haben zwar im Jahr 1999 191 370 Personen die praktische Prüfung für den Führerschein Klasse A bestanden. Doch die Zahlen sind seit 1996 kontinuierlich zurückgegangen. Die Wenigsten sind jünger als 25 Jahre, während ein Großteil zu den Menschen gehört, die sich im fortgeschrittenen Alter einen Jugendtraum erfüllen. Dazu ein Mitarbeiter beim TÜV Süddeutschland: »Wir wissen, dass die Führerschein-Direkteinsteiger oftmals jenseits der 35 sind.« Die können sich den Führerschein leisten. Ob das Jugendliche in der Mehrzahl auch können, darf bezweifelt werden. »Ganz eindeutig ist das eine finanzielle Frage«, weiß Axel Rosenlund, Fahrlehrer im norddeutschen Halstenbek zu berichten. »Das Geld, das der Motorradführerschein zusätzlich zum Autoführerschein kostet, haben die Jugendlichen nicht.«Allein die zwölf Pflichtstunden aufgegliedert in fünf Überland- und vier Autobahnfahrten sowie drei bei Dunkelheit schlagen schon mal mit mindestens 960 Mark zu Buche, wenn die Stunde mit 80 Mark angesetzt wird. Bis der Klasse A-Fahrschüler überhaupt so weit ist, absolviert er erst etliche Stunden im sogenannten »Schonraum«, also abseits vom öffentlichen Verkehr auf Parkplätzen oder ähnlichen Flächen, wo der Neuling sich mit dem für Zweirad vertraut macht. »Selbst Fahrschüler, die bereits den A1-Führerschein oder den alten 1b haben, also schon mit 125ern oder 80ern Motorraderfahrung gesammelt haben, benötigen vier oder fünf Übungsstunden im öffentlichen Verkehr, bis sie die Sonderfahrten machen können«, weiß Heiner Göttsche, Fahrlehrer und Vorsitzender des Fahrlehrerverbands Schleswig-Holstein. Das kostet also noch mal 300 Mark – je 60 Mark pro Stunde. Allerdings schreibt der Gesetzgeber diesen Umsteigern aufgrund ihrer Vorerfahrung lediglich sechs statt 12 Sonderfahrten zu je 45 Minuten vor.Keine Frage: Eine gute Fahrschulausbildung kommt teuer. Mit der Grundgebühr, Kosten für Lehrmittel, Vorstellung zur Prüfung und schließlich der Gebühr für den Prüfer vom TÜV sind schnell 2500 bis 3000 Mark zusammen. An der Motorradausbildung zu sparen, ist ohnehin der falsche Weg. Und funktioniert auch nicht. »Wegen des massiven Wettbewerbs unter den Fahrschulen ist der finanzielle Spielraum ausgereizt. Gerade in der A1-Ausbildung, wo ja zwei Fahrzeuge benötigt werden«, erklärt Fahrlehrer Göttsche die Lage. »Viele Fahrschulinhaber beuten sich selbst aus«, bedauert er.Ein Patentrezept hat keiner. Bernhard Gneithing, Pressesprecher vom Harley-Davidson Deutschland: »Jeder macht sich über die fehlenden Jugendlichen Gedanken. Wir haben Überlegungen angestellt, ein `Package` Motorrad plus Führerschein anzubieten. Ist aber noch nicht spruchreif. In den USA gibt es solche Konzepte mit Buell-Einzylindermotorrädern.«Derweil übt sich die EU in Reglementierwut. Im demnächst publizierten Entwurf zur dritten EU-Führerscheinrichtlinie tauchen die neue Klassen A2 und A3 auf. Die sollen die Klasse A ersetzen. A2 berechtigt zum Fahren von Motorrädern bis 650 cm3 Hubraum, mit maximal 35 kW (47,6 PS) Leistung und maximalem Leistungsgewicht von 0,20 kW/kg. A3 heißt dann der offene Führerschein, der nach drei Jahren A2-Erfahrung plus erneuter praktischer Prüfung oder über den Direkteinstieg mit 24 Jahren zu erlangen ist. Der IVM lehnt das strikt ab. Ihr Präsident Marco von Malzahn, hierzulande besser als BMW Motorradchef bekannt: »Der Hubraum ist als Maß ungeeignet, da er bezüglich Leistung oder Höchstgeschwindigkeit keinen Bezugswert darstellt. Mit einer Klasse A2 können wir leben, wenn die vorgesehene praktische Prüfung zm A3 wegfällt.«

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