Führerscheinregelung, neue, in Großbritannien (Archivversion) Brüsseler Spitze

Die europaweite Harmonisierung der Fahrerlaubnis treibt im britischen Königreich seltsame Blüten. Seit 1. Januar 1997 gilt dort ein neues Führerscheinrecht.

»Das sind doch Idioten«, schimpft Tony Douglas auf die britische Regierung. Der Schotte knattert seit zwölf Jahren mit einer C 90 Cup zur Arbeit. Auf das Nummernschild seiner Honda ist ein großes, rotes L für Learner, zu Deutsch etwa Einsteiger, geprägt. Bis Ende letzten Jahres galt dieses L in Großbritannien als Symbol für freie Fahrt. Wer seinen Autoführerschein vor dem 1.12.1990 bestanden hatte, konnte - so lange er wollte - Maschinen bis zu 125 cm³ bewegen. Doch seit Beginn dieses Jahres änderte sich vieles: Biker wie Tony Douglas müssen alle drei Jahre ein Fahrtraining absolvieren. Das »Compulsary Basic Training«, kurz CBT genannt, kostet zwischen 40 und 80 Pfund (rund 110 und 220 Mark) und führt einen Tag lang in die Grundkenntnisse des Motorradfahrens ein. »Was soll das?« meckert der Schotte.Die britische Regierung hat sich mehr Sicherheit auf den Straßen zum Ziel gesetzt. Die Anzahl der Motorradunfälle sinkt jedoch seit 15 Jahren kontinuierlich. Verletzten sich zwischen 1981 und 1985 noch durchschnittlich 58 455 Fahrer pro Jahr bei Unfällen, waren es 1995 nur noch 21 603. »Die Gründe sind zweifelhaft, und der Nutzen ist fragwürdig«, kitisiert Trevor Magner von der Britischen Motorradfahrer-Föderation (BMF) das neue Recht. Was noch schlimmer ist: Die Mühlen der Bürokratie mahlten extrem langsam. Erst Mitte Dezember 1996 sandte die Verwaltung des Königreichs allen 247 000 Besitzern von Krafträdern bis zu 125 cm³ einen Brief, in dem ihnen mitgeteilt wurde, sie hätten bis zum 1. Januar Zeit, um den CBT zu bestehen. Die Verwirrung war komplett, weil die Mehrheit Mofa oder Moped fährt, wofür sie weder Kurs noch Führschein benötigen. Auf 70 000 schätzt der BMF die Zahl der von der Neuregelung betroffenen Biker.Dabei zwingt die Harmonisierung des Führerscheinrechts in der Europäischen Union die Briten keineswegs dazu, den Grundkurs für alle vorzuschreiben. In Deutschland dürfen zum Beispiel alle Autolenker, die vor dem 1. April 1980 den Führerschein machten, 125er fahren. Und das bekanntlich ohne weitere Fahrerlaubnis oder Prüfung. »Drakonisch« nennt Frank Finch, Pressesprecher des Verbands der Motorradindustrie (MCI), deshalb diese britische Sonderregelung.Neben den Leichtkrafträdern über 50 bis 125 cm³, die im letzten Jahr vom gesamten britischen Markt (59 328 Motorräder) immerhin einen Anteil von 21,8 Prozent hielten, lieben die Engländer vor allem schnelle Supersportler und Tourensportler, die 1996 rund 45 Prozent aller verkauften Motorräder ausmachten. Zum ersten Mal in der Geschichte des Inselstaats können jetzt junge Erwachsene unter 21 Jahren nicht mehr mit einem offenen Superbike um die Ecken kurven. Denn hier schlägt die europaweite Harmonisierung des Führerscheinrechts voll durch, die allein im ersten Jahr rund 110 000 Einsteiger trifft, schätzt die englische Motorradzeitung Motor Cycle News. Während bislang ein 17jähriger mit Motorradführerschein jedes Bike fahren durfte, das ihm in den Kram paßte, gibt´s künftig - wie in Deutschland - neben dem A 1 für 125 cm³ und bis zu 15 PS - eine zweite Fahrerlaubnis, die für die Altersgruppe der 17- bis 21jährigen zwei Jahre lang Motorräder mit bis zu 34 PS vorschreibt. Erst dann ist ein Maschine mit offener Leistung drin. Kritiker behaupten, auch diese Einschränkung sei unfair. Andere sagen, daß ein junger Fahrer sowieso nicht die Knete hat, um ein schnelles Motorrad zu erstehen, vor allem aber zu versichern. Wenn er überhaupt eine Assekuranz fand, kostete allein die Haftpflicht rund 4300 Mark im Jahr. Dagegen berappt ein 40jähriger für ein Motorrad über 100 PS einschließlich Teilkasko jährlich ganze 430 Mark. Was bringt also die 34-PS-Regelung? BMF-Mann Trevor Magner: »Ich halte das bei uns für völlig unnötig. Deutschland wollte einfach dem Rest von Europa seine Idee vom Stufenführerschein aufdrängen.«Dafür haben´s die Engländer beim Direkteinstieg leichter: Der Insulaner muß nur 21 Jahre alt sein, um den Führerschein für Motorräder mit mächtig Power ablegen zu können, wogegen bei uns 25 Lenze als Altersgrenze geplant sind. Allerdings zahlen die Engländer seit Januar 1997 für diesen Führerschein bis zu 600 Pfund, rund 1600 Mark. Noch im letzten Jahr war die Lizenz zum Motorradfahren fast um die Hälfte billiger. Eins steht somit jetzt schon fest: Die ECE-Richtlinie wird in jedem Land anders interpretiert. Von einer Harmonisierung des Führerscheinrechts in Europa kann kaum die Rede sein.

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