Fußball? Fußball! (Archivversion) Der Weg ist rund

Deutschland hat die Fußballwelt zu Gast. Und wir Deutschen sollen uns – egal, wie Klinsis Kicker
abschneiden – gefälligst als Freunde aufführen. Also dann: ein Fairplay-Training für Motorradfahrer.

Fans aus aller Welt dribbeln in München, schlenzen durch
Gelsenkirchen, irren im Fehlpass von Hannover nach Nürnberg, stürmen Stätten gehobener Ballbehandlung in Hamburg und Berlin. Sie sind zu Gast bei Freunden, und zu diesen Freunden
gehören auch wir. Wir Motorradfahrer. Leider bietet der WM-Trubel wenig Anlass, Ballverrückte mit Motorradfahrer-Geboten zu missionieren. Der Weg ist das Ziel dürfte so ungefähr das Letzte sein, was siegestrunkene Engländer auf der Suche nach einer Kneipe hören wollen. Auch dass Länge läuft, mag allenfalls Freunde
des tschechischen Fußballs interessieren. Wenn Zwei-Meter-Hüne
Jan Koller antritt, freilich nicht per Kickstarter seine Mühle,
sondern beim Freistoß.
Sei’s drum. Sie sind wirklich da, Millionen, und sie suchen den direkten Weg zu Hotel, Stadion, Kneipe, Rotlichtviertel. Dankenswerterweise hält der Motorrad-Zubehörhandel etliche Utensilien bereit, die jedem suchenden Gast sofort verdeutlichen, dass sie nur einen fußballbegeisterten Motorradfahrer zieren können. Den größten Signaleffekt erzeugt die schwarz-rot-goldene Irokesenlocke, dank gemäßigter Haarlänge sogar klapphelmtauglich und per Saugnäpfchen zu befestigen. Ergo nach unliebsamem Spielverlauf auch schnell wieder zu entfernen. Im Gold-Wing-Shop sind Fähnchen zwar längst ausverkauft, aber Louis hat noch welche. Passen prima zu Ventilkappen-Bällchen, nur darf sich der Besitzer eines derart verballhornten Kraftrads nicht wundern, wenn es
bei vorbeisaufenden Verlierern aufgestaute Aggressionen auslöst
und schneller umfällt als einst Bernd Hölzenbein im Strafraum der Niederlande. Jeder Sturz ist eine Schande.
Wegweisen dagegen des Menschen Zier. Was Schwedens vormaliger König bestätigen könnte, dem Ernst Kuzorra anlässlich der ’58er-WM präzise erklärte, wo Gelsenkirchen liegt. »Bei Schalke.« Einer wie keiner, der Kaiser halt, gab ebenfalls eine butterweiche Vorlage, welche die zielgruppengerechte Fremdenführung er-
leichtert: »Die Schweden sind keine Holländer, das hat man ganz
genau gesehen.« Olli Kahn weiß es mehr als ganz genau: »Die
Holländer sind vorne vom Feinsten bestückt.« Wenn Balltreter
des FC Bayern Europäer derart präzise bestimmen, warum sollte das unsereins nicht auch mit Südamerikanern gelingen? Der
Brasilianer übrigens ist gelbgrün, der Argentinier blauweiß. Am leichtesten indes ist der Mexikaner zu erkennen. Denn: »Der Mexikaner als solcher mag uns Deutsche.« Sagt Berti Vogts.
Der Mexikaner, immerhin. Alle anderen werden sich kämpfe-
rischer gebärden, frei nach Hans Krankl, dem alten österreichischen Zauberstürmer: »Wir müssen gewinnen, alles andere ist
primär.« Na prima. »Zu 50 Prozent stehen wir im Viertelfinale, aber die halbe Miete ist das noch lange nicht.« Nicht einmal diesen vor Jahren von Rudi Völler vorgetragenen Defensiv-Optimismus mag Deutschland nunmehr teilen. Worauf wir Motorradfahrer taktisch mit Urlaub während der Gruppenphase reagieren sollten. Freie Bahn nämlich garantieren nur die Spiele mit sicherer deutscher Beteiligung, da steht – so viel weiß Kaiser Franz – die halbe Nation hinterm Fernseher. Die andere Hälfte wird davor sitzen. Inklusive der nicht unmittelbar in und um Stadien benötigten Polizeikräfte. Bleiben als Bedrohung nur fest installierte Starenkästen. Wer dort die rote Karte kriegt, kann es in diesen ballseligen Zeiten immerhin mit der Ausrede probieren, auch Uwe Seeler habe die meiste Zeit seines Lebens im Strafraum verbracht.
Damit nicht genug der Vergleichbarkeiten: Während »Uns Uwe« seine bodenständigen Wurzeln verbal stets bloßlegte, faseln sich manche Nachfolger direkt in die Schampus-League: »Das Problem des deutschen Fußballs ist der Mangel an Quantität der Qualität« oder »Im Mittelfeld gibt es eine Konservation von Spielern«, verlautbaren die Ex-Real-Stars Uli Stielike und Günter Netzer und erinnern dabei schon arg an Motorradfahrer, die zwar von Freiheit auf zwei Rädern philosophieren, aber 10 W 40 für einen italienischen Abwehrriegel halten. Nein, wer heute noch elementar Motorrad fährt, der findet seine fußballerische Heimat bei afrikanischen Mannschaften. »Die spielen so Fußball«, weiß der gewesene Bundes-Berti, »wie sie leben.« Oder bei Altvorderen wie Willi »Ente« Lippens, der seine Neigung zum Ornament – vergleichbar unserer Vorliebe für Kurven statt Geraden – schelmisch auf den Punkt brachte: »Ich habe nie eine Torchance überhastet vergeben. Lieber habe ich sie vertändelt.« Recht eigentlich, und abseits
seiner gewinnorientierten Auswüchse ist Fußball eben Gefühls-
sache. Genau wie das Gasgeben. »Wenn’s denkst, ist eh zu spät«, bündelt Gerd Müller diese Erkenntnis. Professor Bernt Spiegel, Vordenker aller Motorradfahrer, nimmt diese Steilvorlage dankbar an: »Die Ratio, unser Verstand, hat nur eine geringe Kanal-
kapazität.« Folgerichtig geht’s, seit immer mehr Nationalspieler für »Bild« und »Kicker« schreiben, statt sie nur zu lesen, mit Deutschlands Fußballkultur rapide bergab.
Deshalb dürfte es gegen Deutschland nicht viele Verlierer
geben. Womit wir gas- und gastgebenden Deutschen uns alle gut aus der Atmosphäre gezogen hätten (Trainer Wolfgang Wolf) und wir MOTORRADler deshalb mit Pierre Litbarski schließen: »Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken mit Ende.“

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