Gebrauchtkauf-Praxis: wertbestimmende Faktoren (Archivversion) Wert-Schätzung

Marktspiegel von Gebrauchtfahrzeugen wie die Schwacke-Liste geben Interessenten einen ungefähren Anhaltspunkt über das Preisniveau von Second-Hand-Maschinen. Doch wie stark beeinflussen Mängel oder Zubehör den Kaufpreis eines gebrauchten Bikes? MOTORRAD hat Gebrauchthändler befragt und gibt die Antworten.

Welcher Käufer eines gebrauchten Motorrads kennt nicht die gemischten Gefühle nach Abschluss des Vertrags? Zur Freude übers neue Bike gesellen sich leichte Zweifel, speziell bei älteren Maschinen. Hat man tatsächlich alle relevanten Punkte gecheckt? War da nicht doch ein Rasseln bei der – wie immer zu kurzen – Probefahrt zu hören? Ob die Neuerwerbung tatsächlich das erhoffte Schnäppchen ist, stellt sich in der Regel erst nach einiger Zeit heraus. Mit einer gründlichen Prüfung anhand der nebenstehenden Checkliste lässt sich das Risiko, eine mängelbehaftete Gurke oder gar ein Unfallmotorrad angedreht zu bekommen, deutlich reduzieren. Dennoch können Defekte und in der Folge hohe Reparaturkosten nie ganz ausgeschlossen werden. Selbst erfahrenere Gebrauchtkäufer tun sich mitunter schwer, einen Fehler zu lokalisieren. So etwa, wenn das Triebwerk schlecht auf Gasbefehle anspricht und sich verschluckt. Sind wirklich nur die Vergaser verstellt, wie der Verkäufer behauptet? Dann wäre das Problem mit der Synchronisation der Vergaser rasch behoben. Die Ursache für das stotternde Triebwerk könnten jedoch ebenso poröse Ansaugstutzen sein, die den Motor Falschluft ziehen lassen. In diesem Fall sorgen nur relativ teure Neuteile für Abhilfe. Denkbar sind außerdem verstopfte Düsen, die eine arbeitsintensive und vergleichsweise kostspielige Zerlegung und Reinigung der Vergaser im Ultraschallbad oder den Einsatz spezieller Vergaserreiniger erfordern. Angesichts solcher Unwägbarkeiten fällt es den meisten Kaufinteressenten schwer, die Kosten für die Mängelbeseitigung richtig einzuschätzen und bei den Preisverhandlungen zu berücksichtigen. MOTORRAD hat deshalb mehrere Händler zu den häufigsten Schwachpunkten von gebrauchten Bikes befragt und nennt die Durchschnittspreise für Reparaturen am Beispiel von fünf beliebten und weit verbreiteten Modellen (siehe Seiten 140 und 141). Als Orientierungshilfe taugen diese Angaben auch für vergleichbare Motorräder derselben Kategorie. Wenn möglich, sollte in Zweifelsfällen jedoch immer ein Fachmann kontaktiert werden.Nach den Erfahrungen der Händler sind heutzutage viele Mängel nicht mehr auf eine übermäßige Beanspruchung zurückführen, sondern eher auf die geringe Nutzung. So beobachtet Manuel Wahl, Geschäftsführer der Firma Motorcity im schwäbischen Albershausen, bei Gebrauchtmotorrädern seit Längerem eine deutliche Zunahme typischer Standschäden wie Rost im Tank, zerstörte Batterien, verschmutzte Vergaser oder defekte Gabeldichtringe. Verantwortlich hierfür ist seiner Ansicht nach vor allem das unsachgemäße Einmotten. Eine geringe Kilometerleistung bei älteren Baujahren rechtfertigt also nicht in jedem Fall die oftmals stolzen Preisforderungen der Besitzer.Selbst wenn sich das begutachtete Motorrad in einem technisch wie optisch guten Zustand befindet, kann es weitere Gründe für einen Preisnachlass geben. So etwa, wenn das Serviceheft oder der originale Fahrzeugbrief fehlen und damit die Vergangenheit des Bikes unklar ist. Ebenfalls negativ auf den Kaufpreis wirken sich viele Vorbesitzer aus, insbesondere bei mehreren Halterwechseln innerhalb kurzer Zeit. Bereits ab dem dritten Haltereintrag müssen Verkäufer eines relativ jungen Fahrzeugs nach Meinung der Gebrauchthändler finanzielle Abstriche hinnehmen. Gleiches gilt für mehrfache Leistungsumbauten, vor allem bei Drosselungen, da die fast immer auf Führerscheinneulinge hinweisen, die als Vorbesitzer nicht besonders beliebt sind. Weniger gefragt bei Gebrauchtkäufern sind auch Parallel- oder Grauimporte, die in der Regel für einen geringeren Betrag den Besitzer wechseln als vergleichbare Modelle vom offiziellen Importeur. Teuerer als erwartet kann es für Gebrauchtkäufer im Nachhinein werden, wenn sie sich auf ein Modell mit geringer Verbreitung einlassen. Für diese Exoten gibt es häufig nur eine eingeschränkte Auswahl an Zubehör oder Gebrauchtteilen; bei einem Defekt oder Sturz muss deshalb meist auf kostspielige Originalersatzteile zurückgegriffen werden. Außerdem lassen sich Motorräder, die als Neufahrzeug keine Renner waren, auch als Gebrauchte oftmals nur über einen günstigen Preis verkaufen.Einen herben Wertverlust müssen zudem Verkäufer verkraften, die ihre Maschine mit diversen Zubehörteilen aufgemöbelt haben. Diese beeinflussen den Wert einer gebrauchten Maschine nämlich nur in sehr geringem Maße, selbst wenn es sich um legale Ausführungen handelt. Klaus Limbächer, in dessen Bikers World in Echterdingen bis zu 500 Gebrauchtmotorräder zur Wahl stehen, sieht – wie seine Händlerkollegen – in Zubehör lediglich einen Kaufanreiz, für das sich jedoch nur schwerlich ein höherer Preis durchsetzen lässt. Sinnvolle, gut erhaltene Teile wie beispielsweise ein Gepäcksystem bei Tourern oder ein Auspuff mit Betriebserlaubnis respektive ein hochwertiges Federbein bei Sportmodellen erzielen nach rund zwei Jahren bestenfalls 30 Prozent des ursprünglichen Kaufpreises. Individuelle Umbauten, die lediglich das Erscheinungsbild verändern wie Bugspoiler, Karbonteile oder höhere Verkleidungsscheiben honorieren Käufer noch weniger. Änderungen, die nicht ohne größeren Aufwand rückgängig gemacht werden können, gelten sogar als wertmindernd. Hierzu zählen unter anderem Sonderlackierungen oder Superbike-Lenkerumbauten, bei denen die serienmäßige Verkleidung abgeschnitten werden muss. Ganz unten in der Beliebtheitsskala stehen bei Gebrauchtkäufern extreme Umbauten wie die zum Streetfighter mutierten Supersportler. Kein Wunder, dass in diesem Fall die Besitzer derartiger Maschinen einem Verkaufsgespräch mit gemischten Gefühlen entgegensehen.

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