Gefunden: Der Motorradfahrer des Jahres (Archivversion)

Wir können alles, außer Hochdeutsch

Erst Nägele, jetzt Häfele – die Schwaben scheinen auf den Titel »Motorradfahrer des Jahres« abonniert. Und sind trotzdem jedes Mal sprachlos vor Glück.

»I bin eh net so d’r Schwätzer«, gesteht Thilo Häfele, nachdem die Bühnenscheinwerfer erloschen und die Stühle im Saal verwaist sind. Draußen machen sich rund 250 Gäste am Abschluss-Büffet zu schaffen. Gedämpftes Klappern, Lachen – während Thilo seinen ersten Platz und seine Sprachlosigkeit zu verdauen versucht. »Ich hatte ja überhaupt nicht damit gerechnet, dann so ein Mikrofon vor der Nase – nee«, das sei weiß Gott nicht sein Ding. Er kletterte überglücklich aufs Treppchen, der Mann aus Ölbronn-Dürrn, und rang vergeblich nach Worten. Wie jeder andere normal Sterbliche, der unerwartet im Mittelpunkt steht.Schlimmer als Gefahrenlehre, Langsamfahr-Parcours und »hohe Acht« zusammen. Drei von 13 Etüden, die der 33-Jährige komplett vergeigte. Vor allem die fiese Arie mit den Schleifen am Lenkanschlag. Auf so eine abgefahrene Idee muss ein Prüfungskomitee erst mal kommen: mittels Fahrbahnrand und Seil einen 20 Meter langen, wendekreisbreiten Korridor festgelegt, den der Teilnehmer dann mit drei Achtern durchkehren muss. Die reinste Zirkusnummer – danach spekulierte Häfele allenfalls noch auf Platz neun.Über Zeiten und Punktestände tappen die Motorradfahrer des Jahres in spe bis zum Schluss im Dunkeln, heißt: ganze drei Tage lang. »Und plötzlich stehst du da oben« – mitten im Rampenlicht und darfst dir eine 12000 Euro schwere Maschine ausgucken. »Was für ein Hammer.« Der gelernte Trial- und aktive Zuvi-Fahrer entscheidet sich für die BMW R 1150 GS.Kurt hätte die RSV mille genommen – und zwar unumwunden. Kurt Bodewig, Bundesverkehrsminister, Biker, and last but not least Schirmherr der gemeinsamen Aktion von MOTORRAD und Aral, die mit diesem Finale zum vierten Mal über die Bühne geht. Allerdings erstmals unter Beteiligung eines so hoch dekorierten Ehrengasts. Und das 17 Tage vor der Wahl.Er kam aus der Luft, per Hubschrauber, landete 19.45 Uhr, just 60 Sekunden, bevor sich Helmut Dähne die Ehre gab und Christian Pfeiffer seine Trick-Trial-Show startete. Als der Herr Minister das Konferenz Center am Nürburgring betritt, sich durch den Zweitaktwaber einen Weg zum Podium bahnt, beginnt er in Erinnerungen an seine Suzuki GT 380 selig zu schwelgen – und freilich in einer kleinen politischen Rede zum Thema Zweiradsicherheit. Schließlich soll nicht im Verborgenen bleiben, was die rot-grüne Regierung alles dafür getan hat.Kurt also hätte die Aprilia gewählt, Thilo hingegen braucht keinen Sportler mehr, nennt bereits eine R1 und eine R6 sein Eigen. Was Häfele noch fehlte, war ein brauchbarer Zweisitzer, um Lebensgefährtin Dagmar endlich einen würdigen Platz bieten zu können. Dagmar Vollmer, des Reifenhändlers treibende Kraft, eine der erfolgreichsten deutschen Skifahrerinnen im Behindertensport. Mitglied der Nationalmannschaft, Weltcup-Gesamtsiegerein 1996/97 und heuer bei den Paralympics in Salt Lake City Fünfte im Riesenslalom, Fünfte im Super G und Sechste in der Abfahrt. Dagmar weiß, was Wettkampf heißt, begleitete Thilo durch alle Vorrunden, feuerte ihn die letzten drei Tage permanent an: auf der Nordschleife, im Gelände, auf dem Grand-Prix-Kurs. Nur bei der theoretischen Prüfung konnte sie ihn nicht unterstützen. Das Ergebnis: mau.Gereicht hat’s letztlich trotzdem. Unter 27 Finalisten lochte der R1-Pilot auf dem ersten Platz und in die Fußstapfen des Vorjahressiegers Michael Nägele ein. Von ungefähr kommt seine Begabung fürs Motorradeln jedoch nicht. Bereits mit sechs lieh er das DKW-Mofa seines Bruders Gerd, um im Vollgasrausch durchs Dorf zu preschen. So ist er halt, der gelernte Schwabe – ohne Worte.
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Motorradfahrer des Jahres 2002: Finale und Sieger (Archivversion) - Die Sieger

1. Thilo Häfele, Yamaha YZF-R1, 162 Punkte2. Bernhard Haager, Kawasaki ZXR 750, 1483. Christian Daleiden, Honda XR 650 R, 1254. Peter Seydel, Honda CBR 600 F, 1245. Mark Monhof, Honda Hornet 900 , 1166. Martin Lübben, Husqvarna 510 TE, 1117. Jörg Wiedemann, Suzuki DR-Z 400 S, 1098. Manfred Schmider, MZ Baghira, 1079. Matthäus Eckert, BMW R 100 R, 10110. Manfred Dehorn-Emden, Yamaha XJ 900, 9711. Olaf Gundlach, Honda CBR 900 RR, 8412. Detlef Hohmann, Yamaha FZS 600 Fazer, 8313. Michel Turk, Yamaha TDM 850, 8114. Klaus Kellner, Yamaha YZF 1000 R, 7915. Dieter Böhm, Yamaha FZS 600 Fazer, 7716. Dirk Scheel, KTM 620 Duke, 7617. Ulf Diehl, Buell X1 Lightning, 6518. Thomas Wübben, Honda XR 650 R, 6319. René Schortgen, BMW R 1150 GS, 5920. Norbert Auffarth, BMW R 1150 GS, 4621. Rainer Vooes, BMW F 650 CS, 3222. Michael Janner, Honda CBR 900 RR*23. Oliver Utz, Yamaha XJ 600 S*24. Gerhard Forster, BMW R 1100 R*25. Thomas Häcker, BMW R 1150 GS*26. Mario Korous, BMW R 100*27. Rainer Hirsch, Yamaha YZF-R1** Nach Sturz ausgeschieden. Platzverteilung entsprechen des Sturz-Zeitpunkts

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