Gemüse (Archivversion)

Noch nie hatte sich William Franey einen Kinofilm zwei Mal angesehen. Aber in »The World’s Fastest Indian«, für Deutschland mit dem Titel »Mit Herz und Hand« verhunzt, ging er wie­-der und wieder. Und wieder und wieder blieb er an dieser einen Stelle hängen, wo Burt Munro, der ein Leben lang davon träumt, seine alte Indian Scout in Bonneville zu fahren, dem Nach­barsjungen sagt: »Wenn du deine Träume nicht in die Tat umsetzt, kannst du auch ein Gemüse sein.« Der alte Kauz aus Neuseeland schafft es tatsächlich auf den Salzsee. Er stellt einen Rekord auf, der bis heute nicht überboten wurde.
Schon lange hatte William von der Geschwindigkeit geträumt. Er träumte davon, wie er hinausrollt zum Start, wie er über die endlose weiße Fläche rast, wie die Lichtschranken in der Entfernung wabern. Er baute ein Motor-­rad, und er fuhr nach Bonneville.
Seine Freundin Diane meint: »Ich kenne ihn seit der High School, aber so wie das hier hat ihn noch nichts gepackt.« Als er es nicht hört, weil er den Ofen gerade angeschmissen hat, schiebt sie hinterher: »Er ist manchmal seltsam mit dem Motorrad, aber das muss wohl so sein.« William brüllt rüber: »Dies ist mein 120-Cubic-Inch-V-Zwei, ein Harley-Evo-Klon mit Viergang-ge­triebe aus einer Shovelhead.« Er zwirbelt behutsam am Gas, und so laut wie die Maschine ist, so leise steht der Stolz in Williams Gesicht. Diane zuckt bei der ersten Fehlzündung zusammen wie ein Hase. Dann sagt sie: »Ich frage mich, wer am Ende schneller ist, er oder die Maschine.« Eigentlich ist das egal. William ist kein Gemüse.

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