Gespann-Cross-WM Straßbessenbach (Archivversion) Alles oder nichts

Fünf Punkte Rückstand mußte Martin Gölz beim WM-Finale aufholen, um erstmals Weltmeister zu werden – ein gewaltiger Druck für den deutschen Gespann-Crosser.

Irgendwann ist’s Zeit zum Aufhören«, hatte der amtierende Weltmeister Andreas Fuhrer vor dem großen Finale in Straßbessenbach verkündet. »Wenn’s lukrativ wäre, würde ich mir’s noch mal überlegen«, so Fuhrer weiter, »aber schließlich muß ich trotzdem jeden Tag auf die Arbeit, um die Rennerei zu finanzieren.« Zudem sei er 37 Jahre alt und habe im Gespanncross alles erreicht, was es zu erreichen gibt.Damit hat er unbestritten Recht: Drei WM-Titel in Folge konnten er und sein Beifahrer Adi Käser bis zum Abschlußrennen verbuchen, kaum jemand dominierte die Gespanncross-Szene so wie die beiden Schweizer. Der Grund für diese außergewöhnliche Serie liegt zum einem am routinierten Steuermann Fuhrer, zum anderen aber auch am Mann in seinem Boot.1993 stieg Käser in Fuhrers Beiwagen, und auf Anhieb holten sie den ersten WM-Titel. »Du mußt dich mit dem Fahrer blind verstehen, ihm immer einen Tick voraus sein«, erklärt der 30jährige Adi Käser die Basis für die überaus erfolgreiche Teamarbeit. Bereits mit 19 Jahren hatte er sich voll und ganz auf seinen Job als Beifahrer spezialisiert.Doch vor dem Rückzug ins Privatleben wollten die beiden natürlich noch mal zuschlagen. Schließlich lagen sie vor dem alles entscheidenden Rennen aussichtsreich auf Platz eins. Die WM-Entscheidung war quasi zu einer Privatangelegenheit zwischen den Schweizern und dem deutsch-schweizerischen Duo Martin Gölz und Hans-Rüdi Stettler – pikanterweiser Fuhrers ehemaliger Beifahrer – geworden. Nur vier Punkte trennten die beiden Teams. »Der Andreas ist Weltmeister und abgebrüht, der zeigt keine Nerven«, lautete Stettlers dunkle Vorahnung. war Seinem Partner Martin Gölz war dagegen am Vorstart zu Lauf eins die Anspannung sichtlich anzumerken, denn Co-Pilot Stettler hatte sich kurz zuvor im freien Training ein Knie verdreht, zudem mußte eine Fleischwunde genäht werden.Im ersten Lauf über die 1780 Meter lange Berg-und-Tal-Bahn des MSC Straßbessenbach lag der Druck vor allem auf Gölz. Auf regendurchtränktem Boden gelang ihm, wie so oft in dieser Saison, lediglich ein mittelprächtiger Start. Fuhrer dagegen schoß den steilen Anstieg als Zweiter hinter Schnellstarter Alois Wenninger hinauf. So konnte Fuhrer relativ unbedrängt sein Rennen fahren, während sich Gölz mit den Janssen-Zwillingen und den Gebrüdern Weinmann ein beinhartes Duell um Platz sieben liefern mußte – sehr zur Freude der gut 4000 Fans. Dabei zogen die Weinmänner den kürzeren, allerdings unfreiwillig. »Die Janssens sind uns voll ins Gespann gefahren, deshalb haben wir uns überschlagen«, erklärte Klaus Weinmann wutschnaubend den Zwischenfall, gestand aber gleichzeitig ein, daß so etwas im Cross-Sport passieren könne. Dahin war die Chance der Weinmänner auf einen versöhnlichen dritten WM-Endplatz und auch für Martin Gölz wurde es eng, denn der Vorsprung von Fuhrer war nach Lauf eins auf komfortable zwölf Punkte angewachsen.Dementsprechend locker erschienen die Schweizer zum Vorstart des zweiten Rennens. Den Start erwischte Fuhrer diesmal jedoch nicht so perfekt. Martin Gölz hatte sich vor den Schweizer geschoben und wirkte wild entschlossen, weiter nach vorn zu fahren. Doch dann kündete lautes Kuhglockengeläute der zahlreichen Schweizer Fans vom vierten WM-Titel für Fuhrer/Käser: Martin Gölz rollte langsam aus. Er war nach einem Sprung von der Fußraste gerutscht und hatte sich dabei die Kniescheibe gebrochen. Fuhrer und Käser drehten von diesem Zeitpunkt an quasi eine Ehrenrunde nach der anderen, »ein echt lässiges Gefühl«, wie Adi Käser nach dem Rennen kommentierte. An der Spitze fuhren Alois Wenninger und sein niederländischer Beifahrer Henry van der Wiel wie aus einer anderen Welt und holten sich den zweiten Laufsieg und WM-Platz drei. »In den ersten drei Runden sind wir voll gefahren, danach nur noch mit 90 Prozent«, sagte die Entdeckung des Jahres überglücklich. Klaus Weinmann wirkte trotz des für ihn enttäuschenden fünften Schlußranges optimistisch: »Wir analysieren jetzt unsere Fehler und greifen nächste Jahr voll an«, erklärte er bei der Meisterfeier der Schweizer Kollegen, »irgendwann muß das klappen, mit dem WM-Titel für ein deutsches Team.“

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote