Gespann-Moto Cross-WM in Reutlingen––––– (Archivversion) Der eilige Aloisius–––––

Keiner hatte es eiliger: Alois Wenninger und Beifahrer Henry van der Wiel (2) holten sich den Gesamtsieg beim deutschen Gespann-Cross-WM-Lauf.

Aller guten Dinge sind drei. Dieser Meinung waren bislang auch Klaus und Thomas Weinmann. Die beiden Gespann-Crosser aus dem kleinen Örtchen Crispenhofen, etwa 40 Kilometer westlich von Heilbronn gelegen, hatten dem stützenden Rad viel zu verdanken. Zweimal deutsche Meister, eine ganze Latte von Top-ten-Resultaten in der WM, einmal sogar die Vizeweltmeisterschaft - nur eines fehlt bislang in der Karriere der Bruderschaft: der WM-Titel.Während Passagier Thomas mit 28 Jahren im besten Crosser-Alter blüht, hat Fahrer Klaus mit 36 Lenzen nicht mehr allzuviel Zeit, den Traum vom Siegen endlich zu verwirklichen. Doch diese Saison - so scheint es - könnte er Realität werden. Das zumindest hoffte auch die große Mehrheit der 5000 Fans, die sich im schwäbischen Reutlingen um die betonhart gefahrene Strecke drängten. Schließlich hatten sich die Brüder bei den drei vorausgegangenen WM-Rennen in Griechenland, Frankreich und der Ukraine in die WM-Führung gehievt - und damit so manche höher eingeschätzten Mit-Dreiradler hinter sich gelassen. Beispielsweise die lettischen Überraschungs-Weltmeister Sergis/Rasmanis und das deutsch-niederländische Vizeweltmeisterpaar Wenninger/van der Wiel. Doch Fahrer Klaus wußte um die Diskrepanz zwischen der Erwartungshaltung der Fans und seinem fragilen Nervenkostüm: »Bislang ist es selten gut gelaufen bei den Heimrennen. Je weiter weg von zu Hause, desto besser fahren wir«, kann sich der Maschinenbau-Techniker nach vielen WM-Jahren gut einschätzen. Zumal die gefährlich ungeschickt angelegte Startkurve in Reutlingen schon manche WM vorab entschieden hat. Tatsächlich rumpelte auch Klaus mitsamt Brüderchen Thomas beim Start zum ersten Lauf in besagtem Nadelöhr in die versammelte Konkurrenz. Eine Aufholjagd in Husarenmanier folgte. Platz um Platz machten die rasenden Brüder gut. Aus Rang 29 wurde Position sieben - bis Fahrer Klaus den 650-cm³-Einzylinder-Zweitakter ausgerechnet in der allerletzten Haarnadelkurve vor dem Ziel abwürgte. Weil die Kupplung schon beim Startcrash ihr Teil abbekommen hatte, entschlossen sich die Brüder, die letzten zehn Meter auf den Zielhügel zu schieben - und vollends die von der Aufholjagd ohnehin begeisterten Zuschauer in ihren Bann zu schlagen. Doch offensichtlich hatten die Weinmänner ihre restliche Kondition gewaltig überschätzt. Nur zentimeterweise konnten sie ihr 190-Kilo-Dreirad dem rettenden Ziel entgegenbugsieren, während die in den 30 Minuten zuvor überholte Gefolgschaft Team um Team vorbeischarrte. Als sie - endlich endlich - völlig erschöpft die Gnade der schwarz-weiß-karrierten Flagge erfahren, bleibt Platz 17 der wertlose Lohn der Schinderei.Genau den Gegenpart spielte Alois Wenninger. Der 32jährige selbständige Schmid, nebenberufliche Landwirt und Vater dreier Kinder bewies, daß die Uhren in Bayern offensichtlich doch anders gehen. Denn irgendwo in den wenigen Stunden zwischen Werkstatt, Bauernhof und Familie findet der Lockenkopf aus der Nähe von Donauwörth die Kondition, die Fahrtechnik und den Biß für sportliche Großtaten. Vom Start weg zog der Bajuware mit seinem 31jährigen Beifahrer Henry van der Wiel davon und ließ - nach eher schlechter wie rechter Bewässerung der Piste - den Rest der Dreirad-Welt samt den solchermaßen eingebräunten Fans im dichten Staubnebel zurück.Der zweite Lauf - diesmal ohne Startkarambolage - lenkte dann die dreirädrige Welt wieder in die gewohnten Bahnen. Sergis/Rasmanis knöpften dem anfänglich führenden Wenninger den Sieg kurz vor Schluß noch ab, während die Weinmann-Brüder der Großtat im ersten Lauf Tribut zollen mußten und bei weit über 30 Grad im Schatten reichlich ermattet auf dem dritten Rang einliefen.Grund zur Freude gab´s eigentlich dennoch obwohl die geplagten Brüder ihre Tabellenführung vielleicht nur vorläufig sichern konnten. Denn von den restlichen sechs WM-Läufen finden nicht weniger als vier auf Sandböden - der Spezialität von Sergis/Rasmanis - statt. Was die Weinmänner andererseits gerade in den doch etwas entfernteren Austragungsländern Belgien, Estland, Lettland und den Niederlanden nicht sorgen sollte, denn wie sagte doch Klaus: Je weiter weg von zu Hause, desto besser fahren wir.

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