Gespann-WM: Reportage (Archivversion) Grand Prix Compact

Das dritte Rad
am Krad
Erstmals seit zehn Jahren gab es im Rahmen eines
deutschen GP wieder einen Gespann-WM-Lauf.
Seit 1949 gibt es die Motorrad-Weltmeisterschaft, und von Anfang an waren die Gespanne dabei. Eine Kategorie, die zeitweise auch von Deutschen dominiert wurde – immerhin 21 Dreirad-Weltmeister brachte das Land hervor. Doch mit der zunehmenden Kommerzialisierung des Motorradsports kamen die Seitenwagen in den letzten Jahren unter die Räder. In einer Weltmeisterschaft der Motorradhersteller, von denen keiner mehr Gespanne in Serie baut, störten die Exoten.
Nach der Ausgrenzung der Dreiräder, die zeitweilig nicht einmal
mehr um einen WM-Titel fahren durften, läuft nun im zweiten Jahr ein Programm zur Wiedereingliederung in die Motorradsport-Gesellschaft. Angeführt wird es vom Sportvermarktungsprofi Carsten Sauer, der seine Reifeprüfung mit der Sanierung des deutschen Handball-Bundesligisten VFL Gummersbach abgelegt hat. »Wir haben ein volles Starterfeld, eine spannende WM, Verträge mit TV-Sendern, die über uns berichten, und diskutieren verschiedene Ansätze, das Fahrerfeld zu verjüngen«, zählt Sauer erste Erfolge auf. Es gibt aber noch genügend Probleme zu lösen.
Zwar darf Sauer als Etappensieg verbuchen, dass seine Sportler
dieses Jahr erstmals nach langer Durststrecke wieder im Rahmen der
offiziellen Grand Prix auftreten können. Aber der Teamvereinigung IRTA wäre es lieber gewesen, wenn die Dreirad-Artisten draußen geblieben wären, weil sie um den Komfort ihrer Zweiradsolisten fürchete – Streckenverschmutzung durch geplatzte Motoren und übermäßiger Reifenabrieb. Ein Vorurteil. GP-Vermarkter DORNA sorgte dafür, dass sein stromlinienförmiges Veranstaltungsformat durch die Gäste nicht außer Form geriet. Pressekonferenzen waren für die Gespannfahrer nicht vorgesehen, die Präsenz im Mediacenter auf ein Minimum reduziert. Außerdem wurde
die Superside-Gemeinde nicht im offiziellen, sondern in einem externen Fahrerlager angesiedelt, was sich jedoch als Vorteil erwies. Denn das war publikumsoffen – ein Angebot, das die Rennbesucher gerne nutzten.
Für Diskussionsstoff zwischen Fahrern und Serienpromoter sorgt zudem das Reglement. Dass die Superside-WM in drei verschiedenen Rennformaten vom Matchrace-Spektakel über die Sprint- und Gold-Race-Kombination wie auf dem Sachsenring oder einem einzelnen Rennen gefahren wird, ist dabei kaum mehr ein Thema. Eher schon die Handicap-Regelung, nach der dem jeweiligen Rennsieger für den Folgewettbewerb Zusatzgewicht aufgebürdet wird. »Wenn ich gewinne, sollen sich die Kollegen gefälligst darum kümmern, dass sie mich einholen, und nicht darauf hoffen, dass ich gebremst werde«, schimpft Weltmeister Tim Reeves. »Außerdem muss ich dann immer knapp an der Sturzgrenze fahren. Warscheinlich werde ich heute Zweiter, weil ich keine Lust habe, als Sieger am Sonntag mit 30 Kilo Zusatzgewicht zu starten.«
Diesen Plan konnte Tim Reeves nicht umsetzen, weil ihm ausgerechnet Tero Manninen und Pekka Kuismannen auf den Fersen waren, auch in der WM-Tabelle seine gefährlichsten Verfolger. Den Reeves-Brüdern blieb deshalb nichts anderes übrig, als die 30-Kilo-Kröte für das Sonntagsrennen zu schlucken und ihre bereits am Start erkämpfte Führung bis ins Ziel zu verteidigen. Der bestplatzierte Deutsche, Mike Roscher, erbte mit seinem Schweizer Beifahrer Adolf Hänni in der letzten Runde noch Rang sechs, weil sich ein vor ihnen fahrender Konkurrent drehte und ein anderer per Zeitstrafe vom
fünften auf den zehnten Platz versetzt wurde.
Im Gold Race am Sonntag ratterte Reeves zunächst von der Piste, startete dann eine
Aufholjagd, verdrängte Manninen mit einem fragwürdigen Manöver in der letzten Kurve von der Spitze und ließ sich als Sieger feiern. Die Rennleitung entschied jedoch später gegen ihn und stufte ihn auf Platz drei zurück. abs

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