Gesucht: der Motorradfahrer des Jahres 2002 (Archivversion) Expertentipp: Motorradfahren im Regen

Wenn es aus dicken Wolken kübelt, ist Vorsicht geboten. Doch keine Panik, mit dem »Gewusst wie« lässt es sich prima durch die Fluten kacheln.

Keine Frage, es gibt Schöneres, als mit dem Zweirad über klitschnasse Straßen und durch schäumende Gischt zu pflügen. Weil aber alles Jammern und Schimpfen die Regenfront nicht trockenlegen kann, bleibt nur eins: durch. Und es soll sogar altgediente Kradler geben, die, schön trocken verpackt, den Regenguss genießen. Weil das Fahren bei Nässe ein bisschen dem Kampf mit den Elementen gleich kommt, ein bisschen Abenteuer und Herausforderung ist. Und weil es die Sinne schärft, alle Sensoren, vom Popometer bis zu den Fingerspitzen, auf Trab bringt. Wer sich die wichtigsten Regeln einschärft und der glitschigen Angelegenheit den nötigen Respekt entgegenbringt, kann sich noch im Regenguss auf die ersten Sonnenstrahlen freuen.Egal, welches Motorrad man bewegt, Enduro oder PS-Gigant, Tourer oder Cruiser, die nasse Fahrbahn zwingt allen einen sehr ähnlichen Fahrstil auf. Aus einem ganz simplen Grund: Die Reifen erreichen bei Nässe nur noch rund zwei Drittel ihrer Trockenhaftung erreichen und spielen daher die entscheidene Rolle. Harte Bremsmanöver, überzogene Schräglagen oder brutales Beschleunigen führen zu heftigen Rutschern – oder gleich zum Sturz. Deshalb solche Aktionen weich eingeleiten und langsam steigern. So wird bei nasser Fahrbahn der Bremshebel sanft angelegt und mit langsam ansteigendem Druck, bei dem sich durch die dynamische Achslastverlagerung auch der Anpressdruck am Vorderrad erhöht, die Verzögerung gesteigert. Diese sanfte Progression erlaubt ein gefühlvolles Herantasten an die Rutschgrenze und unterm Strich einen immer noch ordentlichen Bremsweg. Wer im Regen allzu hart zupackt, riskiert ein blockierendes Vorderrad. Das hat speziell bei Geschwindigkeiten über etwa 120 km/h die Folge, dass das Rad nach dem Lösen der Bremse durch den Wasserfilm zwischen Reifen und Fahrbahn nur langsam wieder auf die ursprüngliche Geschwindigkeit kommt und durch diesen Schlupf seitlich wegrutschen kann. Ein Problem, das Fahrer von ABS-Maschinen nur vom Hörensagen kennen. Eine entscheidende Funktion bei Fahrten im Regen kommt der Hinterradbremse zu. Durch die relativ geringe Verzögerung bei Nässe wird auch bei Sportmaschinen viel Gewicht auf dem Hinterrad, weshalb es eine hohe Bremskraft übertragen kann. Außerdem kann man ein überbremstes Hinterrad selbst bei Regen relativ gefahrlos korrigieren. Durch die Kombination von Vorder- und Hinterradbremse lässt sich ein möglichst kurzer Anhalteweg verwirklichen.Bremsen in Kurven ist auf nassem Untergrund besonders heikel, da die Reifen dabei sehr plötzlich die Haftung verlieren können und das Motorrad seitlich ausbricht. Auf unbekannten Strecken deshalb das Bremsmanöver rechtzeitig vor dem Einlenken in die Kurve beenden. Wie beim Bremsen ist beim Kurvenfahren eine weiche Progression die halbe Miete: Will heißen: Das Einlenken mit einem sanften Lenkimpuls beginnen und die Schräglage konstant steigern. Dabei weder bremsen noch stark beschleunigen. Am stabilsten bleibt die Maschine, wenn die Kurve etwas langsamer angefahren und dann mit leichtem Zug am Hinterrad umrundet wird. In »blinden« Kurven Radius und Geschwindigkeit so wählen, dass bei Problemen, etwa ein sich zuziehendem Kurvenverlauf, genügend Schräglagenreserven bleiben, um gefahrlos korrigieren zu können. Beim Kurvenfahren im Regen sollte die Konzentration nicht nur auf die runde Linie, sondern ebenso auf das Rutschverhalten ausgerichtet sein. So kontrollieren die »Sensoren« der Hände und Unterarme beim Einlenken das Vorderrad beziehungsweise die Reaktionen, die am Lenker zu spüren sind. Denn in dieser Fahrsituation ist die Gefahr, übers Vorderrad wegzurutschen, am größten. Ausgangs der Kurve verlagert sich die Konzentration auf das Popometer, das einen möglichen Haftungsverlust am Hinterrad durch das Beschleunigen in Schräglage blitzschnell erkennen muss. Und was tun, wenn das Motorrad bei Kurvenfahrt ins Rutschen kommt? Gas zudrehen, nicht Bremsen, Motorrad leicht aufrichten und sobald es sich stabilisiert hat, wieder auf den ursprünglichen Kurs bringen. Blick dabei immer auf die Fahrbahn und die ursprünglich angedachte Linie richten, auf keinen Fall panisch aufrichten und ohne Notwendigkeit die Straße verlassen oder auf die Gegenfahrbahn ausweichen. Die größte Gefahr bei Nässe ist der Fahrbahnbelag. Denn der kann innerhalb weniger Meter von griffig auf extrem rutschig wechseln. Nicht nur die unseligen Ausbesserungen mit Bitumenstreifen, auch Quadratmeter große Bitumenplatten auf kleinen, aber leckeren Landstraßen bringen Motorradfahrer ins Schwitzen. Trifft man bei Regen auf solche schon an der spiegelnd schwarzen Oberfläche erkennbare Hindernisse, gibt’s nur eine Möglichkeit: rollen lassen. Finger von Gas und Bremse und möglichst keine Schräglage. Auch die weißen Begrenzungsstreifen oder Fahrbahnmarkierung sollte man meiden. Meist mit einer lackähnlichen Oberfläche konserviert, geht die Haftung dort ebenfalls gegen Null. Hinterhältiger sind Fahrbahnbeläge, deren Grifflosigkeit nicht sichtbar ist. Speziell in den Alpen und im Mittelmeerraum kann der Asphalt auf viel befahrenen, kurvigen Straßen von den Autoreifen so glatt poliert sein, dass es für Motorradfahrer zum reinsten Eiertanz wird. Dann hilft nur der siebte Sinn und ein bei Regen auf fremden Strecken generell angebrachter defensiver Fahrstil. Auch wer sich die 50 wichtigsten Tipps für sicheres Motorradfahren zu Herzen nimmt, hat einen klaren Vorsprung. Und er kann gewinnen: bei der Aktion Motorradfahrer des Jahres.

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