Gilles Lalay-Classic (Archivversion) Härtefall

Granada-Dakar? Le Touquet? Gotland-Enduro? Erzberg-Challenge? Vergiß es. Das härteste Enduro der Welt wird im französischen Zentralmassiv inszeniert - das Gilles Lalay-Classic.

Gewisse Menschen haben zu manchen Dingen offensichtlich eine sehr eigenwillige Einstellung. Oder wie sonst wäre es zu erklären, daß sich jemand mit Haut und Haaren seinem Hobby verschreibt, einen gut Teil Erspartes und nahezu jede Minute seiner Freizeit investiert, oft seinen gesamten Lebensstil den Zwängen seiner Leidenschaft unterwirft - nur um dann, im Moment der Erfüllung, sich sehnlichst zu wünschen, daß dies alles möglichst schnell ein Ende haben möge.Perversion? Masochismus? Schizophrenie? Wie dem auch sei, der Reiz, das scheinbar Unbezwingbare zu unterwerfen, ist oft größer als die angeborene menschliche Trägheit oder der Drang nach Unversehrtheit. Einer, der sein Leben immer nach dieser Maxime ausgerichtet hatte, war Gilles Lalay. 1989 noch Sieger geradezu der Verkörperung des kaum Bezwingbaren, der Rallye Paris-Dakar, forderte diese Rallye 1992 den Tribut des damals 29jährigen. Bei einem Zusammenstoß mit einem Auto kam der Yamaha-Pilot ums Leben. Allerdings hatte der Franzose der Nachwelt seine Lebensauffassung in ganz besonderer Form hinterlassen - das noch vor seinem Tod von ihm konzipierte härteste Enduro der Welt, das Gilles Lalay-Classic. In der Tat übertraf das Off Road-Highlight in den Ausläufern des menschenleeren Zentralmassivs nahe Limoges schon bei seiner Premiere alle Erwartungen. Kaum zu erklimmende Steilhänge, kilometerlange Schlammpassagen, Wasserdurchfahrten und Felsenmeere reihten sich für die Enduro-Cracks zum sprichwörtlichen Leidensweg aneinander. Trotz ranghöchster Beteiligung der weltbesten Enduristen erkletterten letztlich nur 21 der 240 Gestarteten den letzten Steilhang zum Ziel. Aber es sollte schlimmer kommen. 1993 schafften nur noch 15, ein Jahr später neun und bei der letzten Ausgabe gerade mal vier Piloten das Martyrium. Doch je weniger Enduro-Cracks das Ziel sahen, desto höher stieg das Gilles Lalay-Classic in der Gunst der Fans. Längst sind die Schlüsselstellen der Strecke wie Bois de Crozat, ein endloses Felsenmeer, Bourbier de Croux, ein fast grundloses Moor oder Corbeau mort, der beängstigend steile Zielhang, für die Freaks zu Kultstätten des Endurosports geworden.Und jeder einzelne der diesmal gut 30 000 Off Road-Fetischisten wollte zwar alle Stars leiden, aber nur einen siegen sehen - Stéphane Peterhansel. Viermal hatte der große Held der Grande Nation bereits die Dakar für sich entschieden, die Rallye Paris-Peking bereits einmal gewonnen, sechsmal war er Gesamtsieger der Enduro-Sixdays gewesen, nur das Gilles Lalay-Classic versagte ihm bislang einen Platz auf dem Siegertreppchen. Genauso wie Laurent Charbonnel, auf internationaler Bühne weniger populär, in Frankreich aber als einer der beständigsten und ehrgeizigsten Piloten bekannt. Zudem mit dem klaren Ziel vor Augen, nach seinem zweiten Rang vom letzten Jahr endlich nach ganz oben zu klettern.Und wie in jedem Jahr sollten am Start morgens um halb sieben mit Peterhansel und Charbonnel auf dem Marktplatz von Limoges 238 weitere Enduristen zunächst mal zwei Etappenziele vor Augen haben. Zum einen das Mittagslager im 60 Kilometer entfernten Chateau-le-Peyrat zu erreichen und zum anderen - was noch wichtiger war - dort unter den besten 100 Piloten zu rangieren. Denn nur so viele würden es sein, die nach dem vergleichsweise leichten morgendlichen Geplänkel nachmittags überhaupt zur eigentlichen Tortour in Schlamm und Fels antreten durften.Es kam, wie es kommen sollte. Von der ersten Minute der »Boucle finale«, der Finalrunde am Nachmittag, bekriegten sich die beiden Gallier ohne Gnade. Nach der ersten Stunde: Peterhansel balanciert in Führung liegend über die Steinbrocken des Bois de Crozat. Selbst wenn er auf den schneebedeckten Felsen ins Taumeln geraten sollte, Tausende von Fans begleiten ihn so hauteng, daß der Yamaha-Fahrer kaum Raum zum Stürzen hätte. Charbonnel geht es ebenso. Auch am Schlammloch von Croux können sich die längst völlig durchnäßten und vom typisch schwarzen Morast des Zentralmassivs bis zur Unkenntlichkeit eingefärbten Stars auf ihr Publikum verlassen. Lauthals schreiend leiten sie die beiden per Fingerzeig auf die halbwegs tragfähigen Rillen. Der Konkurrenz weiter hinten geht es schlechter. Ahnungslos graben sich die Off Road-Künstler auf dem modrigen Untergrund oft in Sekundenschnelle bis zur Sitzbank ein. Doch einmal schaut auch Peterhansel nicht genau hin. Blitzartig versenkt er seine Maschine. Bis ihn die Fans herausgehievt haben, hat sich Charbonnel auf der Kawasaki schon zwei Minuten aus dem Staub, pardon aus dem Schlamm gemacht.Doch Peterhansel läßt nicht locker. Als wäre es abgesprochen, stellt er den hypernervösen Charbonnel vor den Augen der 30 000 Fans ausgerechnet am Fuß des Zielhangs. Maximal 30 der insgesamt 300 Meter schaffen sie aus eigener Kraft. Der Rest wird im gleißenden Scheinwerferlicht und bei Dauervollgas der Kontrahenten vom Publikum erledigt. Eine Viertelstunde später liegen beide - in der Menschenmenge kaum noch zu erkennen - wenige Meter vor dem Ziel immer noch Kopf an Kopf. Der Sprecher rastet völlig aus. Die Zuschauergruppe um Charbonnel scheint allerdings die bessere Kondition zu haben. Eine Sekunde vor Peterhansel schieben sie den 29jährigen Kawasaki-Piloten über die Ziellinie.Was die Veranstalter - in Anbetracht der Umstände sogar zu Recht - nicht unbedingt als bindend fürs offizielle Resultat ansehen. Triumphierend werden dem Publikum kurzerhand beide als Sieger präsentiert - vor 34 weiteren Piloten, die bis zur Deadline um Mitternacht diesmal ins Ziel kommen sollten. »Wir dachten, diese Quälerei würde nie ein Ende nehmen. Es war schrecklich«, verkündete das Siegerduo anschließend unisono den Massen. Und dann? »Wir werden nächstes Jahr wiederkommen.« Perversion? Masochismus? Schizophrenie? Wer weiß.

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