GP Italien in Mugello (Archivversion) Was lange führt...

Peter Öttl hatte die Nase endlich am Zielstrich vorn: Fünf Jahre und zahllose Führungskilometer nach seinem ersten Sieg in Mugello gewann er auf seiner Lieblingsstrecke erneut.

Seit fünf Jahren fuhr Peter Öttl einem Grand Prix-Sieg hinterher, und als er in der Achtelliter-Meute des italienischen GP in Mugello von Platz eins an die vierte Stelle zurückfiel, sah es schon wieder so aus, als hinge der Lorbeer um jenes winzige Stückchen zu hoch, um das die Aprilia Deutschland-Nummer eins schon so oft ins Leere gegriffen hatte.Doch zur Mitte des Rennens, genau im richtigen Augenblick, stach der Bayer mit seinem feuerroten Renner wieder nach vorn. »Rossi, Cecchinello und Manako haben sich vor mir unheimlich hart bekämpft und gegenseitig behindert. Ich entschied mich zum Angriff und ging aus dem Windschatten heraus in Führung. Bis die gemerkt hatten, wie schnell man auf dieser Strecke fahren kann, hatte ich bereits 30 Meter Vorsprung«, schilderte Öttl.Trotz eines gewaltigen Rutschers in der Schlußphase behielt Öttl endlich bis zum Zielstrich die Nase vorn. Wie einst im Mai 1991 jubelte der 31jährige hochaufgereckt in den Fußrasten, widmete den Sieg seinem neugeborenen Sohn Philipp und fiel auf dem Podest Teamchef Harald Eckl in die Arme, der ebenso lang wie Öttl auf den ersten ganz großen Erfolg seines schmucken kleinen Teams gewartet hatte. »Super - das hat er schon lange verdient. Im letzten Jahr lag er hier bis zuletzt in Führung und wurde um 24 Hundertstelsekunden Vierter. Heute drehte er den Spieß um«, strahlte Eckl. »Peter ist ruhiger geworden im Vergleich zum letzten Jahr, und dieser Sieg wird seine Ruhe und Zuversicht noch weiter steigern. Rein fahrerisch könnte er heuer nach jedem Rennen auf dem Podest stehen«.1991 hatte Öttl auf Bakker-Rotax in Mugello gewonnen, schien dann aber das Siegen verlernt zu haben, weil er in der verflixten letzten Runde wieder und wieder sich austricksen ließ. »Doch diesmal habe ich im goldrichtigen Moment zugeschlagen und alles absolut richtig gemacht«, strahlte Öttl, »ich kann mir selbst auf die Schulter klopfen«.Das konnte auch Haruchika Aoki. Der Weltmeister kämpfte mit einem ratternden Fahrwerk und steckte zu Mitte des Rennens noch an zwölfter Stelle fest, war aber wie üblich in den letzten Kurven zur Stelle und schnappte sich noch Platz zwei. Andere Prophezeiungen innerhalb der Verfolgergruppe wären reine Spekulation gewesen. Ein volles Dutzend gleichwertiger Fahrer, darunter auch Öttls Teamkollege Manfred Geissler, fuhren innerhalb von vier Sekunden durchs Ziel.Nur der arme Masaki Tokudome, tags zuvor noch als Trainingsschnellster gefeiert, rutschte an die 14. Stelle zurück. Am Start würgte er seine schwarze Ditter-Aprilia ab, hatte einen halben Kilometer Rückstand, holte flugs auf und mußte wegen seines völlig verbrauchten Hinterreifens erneut zurückstecken. Rettete er noch zwei Punkte, so bezahlte Dirk Raudies seinen Vorwärtsdrang mit einem schweren Sturz und buchte den dritten Nuller der Saison (siehe Seite 232).Dafür zogen sich seine HB-Kollegen Ralf Waldmann und Jürgen Fuchs im insgesamt 500. Grand Prix der 250 cm³-Klasse mit den Rängen drei und fünf achtbar aus der Affäre. »Ich habe den Honda-Cup gewonnen und Olivier Jacque dank einer besseren Abstimmung und mehr Topspeed unter Kontrolle halten können«, faßte sich Waldi kurz und bündig.Tetsuya Harada plagte sich in sämtlichen Trainingssessionen mit einer ratternden Vorderradgabel und startete aus der dritten Reihe. Erst mit einem mühevollen Endspurt überrumpelte er Ruggia, blieb aber um drei Hundertstelsekuden hinter dem stolzen Jürgen Fuchs Sechster.Die Möglichkeit, auch nur in die Nähe einer der pfeilschnellen Werks-Aprilia von Weltmeister Max Biaggi oder Wild Card-Fahrer und Mugello-Lokalheld Marcellino Lucchi zu kommen, zogen weder Yamaha-Star Harada noch Honda-Aushängeschild Waldmann ernsthaft in Betracht. »Aprilia hat mit Lucchi einen starken Testfahrer, der die Maschine ständig weiter verbessern hilft. Die japanischen Honda-Tester sind alle um fünf Sekunden langsamer als ich. Wie sollen die mir da ein konkurrenzfähiges Motorrad bauen?«, formulierte Waldi.Das, was das Aprilia-Duo vorführte, war kein normaler Sieg, sondern eine Großdemonstration fast schon peinlicher Überlegenheit. Max Biaggi hatte im Ziel 18 Sekunden Vorsprung auf Waldi, der zweitplazierte Lucchi war auf der Aprilia-Hausstrecke ebenfalls unantastbar und fuhr der Honda-Nummer eins um zwölf Sekunden davon. »Letztes Jahr Dritter, diesmal Zweiter - wenn Biaggi 1997 zu den 500ern wechselt, kann ich vielleicht sogar einmal gewinnen«, freute sich der 39jährige Stamm-Wild Card-Fahrer Lucchi.Auch in der Halbliterklasse hofften die 55000 Fans auf Großtaten ihrer italienischen Helden, zumal Loris Capirossi und Doriano Romboni aus der ersten Reihe antraten. Doch Romboni hatte den Enthusiasmus schon am Samstag gedämpft. »Es ist ein langer Weg in die erste Kurve. Die schnellen Vierzylinder werden reihenweise an mir vorbeiblasen«, warnte er. Ein miserabler Start machte seine Aufgabe noch viel schwieriger, nach zermürbenden Kampf wurde der Aprilia-Held Neunter.Statt Romboni und Loris Capirossi, der bei der Jagd auf die Spitze seinen Vorderreifen übermäßig beanspruchte und zu Boden ging, sorgte Luca Cadalora trotz Fahrwerkssorgen für gute Laune bei den Tifosi und heimste vor dem allmählich in Schwung kommenden Suzuki-Werksfahrer Daryl Beattie Platz vier ein. »Ich habe wirklich alles versucht, um an Doohan und Crivillé dranzubleiben. Wenigstens konnte ich Beattie unter Kontrolle halten. Ich brauchte diesen Podestplatz bei meinem Heim-Grand Prix unbedingt«.Auch Alex Crivillé brauchte ein Erfolgserlebnis, um seinen Jerez-Sturz vergessen zu können. Immer wieder tauchte er vor Doohans Nasenspitze auf und führte das Rennen an, ließ den Weltmeister im letzten Renndrittel aber dann doch in Ruhe und gab sich mit Platz zwei zufrieden. »Der Jerez-Crash steckt mir noch in den Knochen. Doch ich denke bereits darüber nach, wie ich Mick in Frankreich schlagen kann«, grinste der Spanier.Bei den Gespannen war Vizeweltmeister Rolf Biland der große Favorit, hatte aber Ärger mit dem Fahrwerk und Swissauto-Motorenkonstrukteur Urs Wenger, der ihn drängte, zu den bewährten Yokohama-Reifen zurückzukehren und den Exklusiv-Vertrag mit Michelin rückgängig zu machen, den Biland einzig und allein des Geldes wegen unterschrieben hatte.Denn weil Michelin gar keine Gespannreifen herstellt, hatte Rolf Biland Radialreifen aus der Automobil-Formel 3 montiert, die fünf Zentimeter mehr Durchmesser haben als die normalen Gespannreifen und erst fahrbar wurden, als er 10 Kilogramm an Bleigewichten und eine um 15 Kilo schwerere Verkleidung in den LCR-Bug gehängt hatte, die, so Wenger, »aussieht wie eine Hundehütte«.Trotzdem flatterte das Gespann derart, daß Biland im Rennen auf den vierten Platz zurückfiel und Passagier Kurt Waltisperg bei der wilden Fahrt Rippenprellungen davontrug. »Mit dieser Reifendimension hat der Querlenker schon in Ruhestellung 30 Grad Neigung. Bei Einfedern wird’s kritisch«, räumte Biland ein.Urs Wenger hatte am Ende aber trotzdem einen Trost. Statt Rolf Biland bestanden Paul und Charly Güdel die erste Kraftprobe mit Weltmeister Darren Dixon und dem konkurrierenden ADM-Motor, und mit diesem Sieg führte ein Swissauto-Team erstmals eine WM an. »Ohne die Power des Swissauto-Motors wäre ich nicht an Dixon vorbeigekommen«, sagte Paul Güdel zu Wengers großer Genugtuung.

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