Grand Prix Australien auf Phillip Island (Archivversion) Trautes Heim, Glück allein

Mick Doohan feierte beim Heimspiel in Australien den fünften und wohl schönsten WM-Titel seiner Karriere. Heimatgefühle bewegen jedoch auch Ralf Waldmann: Der Modenas-Star steht kurz vor der Rückkehr zu seinem alten 250er Team.

Die Mick Doohan-Fans schwenkten rund um die Phillip Island-Strecke schwarze Flaggen mit Max Biaggis Startnummer 6, die an einem der Stände zum Verkauf angeboten wurden. Mit den Zuschauern beim Australien-Grand Prix hatte sich auch das Schicksal gegen den Italiener verschworen. Im Abschlußtraining griffen die kräftigen Windböen aus der Tasmanischen See ausgerechnet nach dem Vorderrad von Biaggis Honda und hebelten sie aus der Spur. Der traurige Held ging bei Tempo 160 zu Boden und konnte sich im Rennen sich gegen die Niederlage im WM-Duell nicht mehr aufbäumen. »Von der Schulter abwärts hatte ich am ganzen Körper schlimme Schmerzen. Überhaupt ins Ziel zu kommen war schon ein Problem«, stöhnte der Römer nach Platz acht, seinem bisher schlechtesten 500er Ergebnis.Mick Doohan verbesserte nicht gerade Biaggis Stimmung. »Alex Crivillé ist besser«, lobte er seinen Repsol-Honda-Teamkollegen, der sich mit Platz drei im Rennen in der WM-Tabelle an dem Italiener vorbeischob. »Wenn sich Biaggi weiterhin nur auf den Kampf gegen mich konzentriert, wird er unangenehme Überraschungen erleben«, äzte Doohan.Beim Heimspiel des Australiers hinkte freilich nicht nur Biaggi hinterher. Die Vorkommnisse in Barcelona, wo Biaggi wegen Mißachtens der gelben und schwarzen Flagge disqualifiziert worden war, und die Absage des vorletzten GP in Brasilien hatten Doohan vorzeitig in die Umlaufbahn zum WM-Titel katapultiert. Vor den eigenen Fans war er bis unter die Haarspitzen motiviert. »Eine solche Chance hat man nur einmal im Leben«, erklärte der vierfache Weltmeister, trumpfte von der ersten Trainingsrunde an mit Fabelbestzeiten auf und gab sich auch bei der verbalen Rechtfertigung seines auf dem Silbertablett dargereichten fünften WM-Titels keine Blöße. »Wenn Ignorieren der gelben Flagge nicht mehr bestraft wird, kann ich künftig fünf Sekunden früher losfahren und behaupten, ich hätte Grünlicht gesehen«, verteidigte Mick Doohan die Barcelona-Disqualifikation von Max Biaggi. »Und wenn ich den Asphalt einer Strecke mit dem Löffel abkratzen kann, ist es unmöglich, Rennen zu fahren«, kommentierte er die Rio-Absage.Bei 21 Punkten Vorsprung in der Tabelle hätte ihn nur noch ein Sturz oder ein Motorschaden aufhalten können. Im Vorjahr einsam in Führung liegend gestürzt, sah sich Doohan diesmal schon in der Besichtigungsrunde von einem Defekt bedroht, weil der Motor nur noch auf drei Zylindern hustete: »Ich fürchtete, in der entlegenen Sibirien-Kurve zu stranden, denn bekanntlich bin ich kein überzeugender Langstreckenläufer mehr. Zum Glück kam ich heil zurück, und meine Mechaniker konnten das Problem lösen. Eine Kerze hatte sich zugesetzt.«Danach gab es kein Halten mehr. Doohan zischte am Start wie ein geölter Blitz davon, hatte nach einer Runde schon 1,4 und nach zwei Runden 2,2 Sekunden Vorsprung. Anschließend beschränkte er sich darauf, seine Gegner unter Kontrolle zu halten. Während im Verfolgerpulk Simon Crafar auf Yamaha sich nach erbittertem Kampf schließlich vor Alex Crivillé, Alex Barros und Norick Abe durchsetzte, fuhr Doohan einsam dem Titel entgegen.Ohne Helm ging er auf eine lange, genüßliche Auslaufrunde, zu der Tausende seiner Anhänger auf die Strecke stürmten, um sich unter dem Podium zu »We want Mick«-Chören zu formieren. »Eine WM zu gewinnen ist etwas ganz Besonderes. Sie beim Heim-GP zu holen ist unbeschreiblich«, jubelte Quick Mick nach seinem fünften Titelgewinn in Serie und zögerte nicht, den sechsten anzupeilen. »Ich bin in den letzten Jahren nicht schneller, aber mental stärker geworden. 1996 wollte ich überall auf und davonfahren. 1997 beschäftigte ich mich mehr damit, meine Gegner zu demoralisieren. Dieses Jahr fuhr ich kalkuliert - nur so schnell wie nötig«, schilderte Doohan. »Nächstes Jahr würde ich gern wieder vier oder fünf Rennen gewinnen und dabei meinen Spaß haben.«Hatte Doohan nach der Saisonauftaktniederlage - in Japan wurde er als alter Mann verspottet - noch mit seiner Maschine und der Öffentlichkeit gehadert, so ist seine Vormachtstellung mittlerweile wieder unangefochten. »Die WM ist Doohans Lied und Doohans Tanz. Er sitzt auf einer Goldmine, und keiner kann ihn davon herunterstoßen«, klagt John Kocinski, daß die Honda NSR 500 auf Doohans Fahrstil maßgeschneidert ist und seine Konkurrenten ihn allenfalls kopieren, aber nicht übertreffen können. Der Amerikaner hatte sich für die erste Startreihe qualifiziert, wurde im Rennen jedoch auf Rang zwölf durchgereicht. Noch immer glimmt der alte Hoffnungsfunke in Kocinski, mit Erv Kanemoto gemeinsame Sache machen zu können. »Erv hätte mich nicht mit einem solchen Motorrad herumfahren lassen. Nach drei Rennen hätte er es nach Amerika mitgenommen, auseinandergesägt und für meine Fahrweise neu zusammengesetzt«, gönnte er sich einen Seitenhieb auf seinen MoviStar-Teamchef Sito Pons.Was mit Ralf Waldmanns Modenas anzustellen ist, um sie in eine Siegermaschine zu verwandeln, ginge über solche Maßnahmen weit hinaus. Denn was der Dreizylindermaschine an PS fehlt, hat sie an Pfunden zuviel. Mit 20 km/h weniger Topspeed startete Waldi von Platz zehn. Im Rennen rutschte er kurz nach einer Attacke auf Kocinski bei Tempo 225 aus: »Neben der Piste fing ich die Maschine wieder ab, doch es war bereits zu spät. Ich sprang ab, bin aber trotzdem noch mit mindestens 50 Sachen in die Reifenstapel gedonnert.«Teamchef Kenny Roberts, wegen Magengeschwüren auf Heimaturlaub in Kalifornien, hat das Angebot für eine weitere Saison auf der Modenas deutlich erhöht, was Waldis Lust aufs Hinterherfahren aber nicht entscheidend steigern wird. Der 32jährige will wieder siegen und stolpert bei der Suche nach einer Chance dazu immer wieder über sein altes Team, dem er in Australien freundliche Boxenbesuche abstattete: Manager Dieter Stappert und Cheftechniker Sepp Schlögl.Stappert hat die Ende 1997 abgebrochenen diplomatischen Beziehungen beim Barcelona-GP wieder aufgenommen und steht mit seinem Plan, den besten deutschen Fahrer ins beste deutsche Team zurückzubringen, kurz vor dem Durchbruch. Weil Honda dem bislang erfolglosen Motorkonzept mit zwei Kurbelwellen treu bleibt, plant Stappert die Zukunft mit Aprilia. »Der deutsche Markt hat für uns elementare Bedeutung. Ein deutscher Top-Fahrer in einem deutschen Top-Team wäre eine Traumkombination«, erklärte Aprilia-Technikchef Jan Witteveen - und würde eine solche Zusammenarbeit auch zu Traumkonditionen ermöglichen. »Bislang hat noch kein Satellitenteam bei Aprilia Erfolg gehabt. Wir könnten die ersten sein. Das interessiert mich sehr«, ist Cheftechniker Sepp Schlögl Feuer und Flamme.Auch die Sponsoren stehen Gewehr bei Fuß. Marlboro würde den Löwenanteil des Budgets abdecken, außerdem versucht Docshop-Sprecher Stefan Prein eine Fusion mit dem holländischen Team zu vermitteln, das sich nach der erfolglosen Saison mit Jürgen Fuchs auf die 125er Klasse konzentrieren will und die Stappert-Mannschaft mit Material und Geld unterstützen würde.Noch hüllen sich die Hauptakteure in vornehmes Schweigen. Dieter Stappert redet nicht, weil Marlboro voreilige Schlagzeilen vermeiden will. Ralf Waldmann verweigert jeden Kommentar, weil er sich immer noch nicht entschieden hat.Bis zu seiner Unterschrift dürfte auch noch einige Zeit ins Land gehen, denn zunächst ist Waldi mit Freundin Astrid auf Reisen. Cairns im tropischen Norden Australiens, Hawaii, Miami heißen die Stationen vor dem GP-Finale in Buenos Aires. »Doch wenn’s drauf ankommt«, grinste Waldi, »dann kann ich ja mal eben zwischendurch nach Deutschland jetten.“

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