Grand Prix Australien in Eastern Creek (Archivversion) Punktspiel

Nur ein einziger Punkt trennte Max Biaggi und Ralf Waldmann vor dem 250er WM-Finale. Aber auch in den anderen Klassen knisterte es beim Australien-Grand Prix vor Spannung.

Max Biaggi verharrte wie zur Salzsäure erstarrt auf dem Parkplatz der Eastern Creek-Rennstrecke und blickte fassungslos auf seine Windschutzscheibe, von der feine Wassertröpfchen perlten. Es war ein grauer Freitagmorgen, das Radio sagte Regen für das gesamte Wochenende voraus, und mit dem strahlenden Frühlingswetter der vorangegangenen Tage hatte sich auch Max Biaggis Urlaubsstimmung verflüchtet. Für den sonnenverwöhnten Römer war eine nasse Piste die gefährlichste Unwägbarkeit im Kopf an Kopf-Duell um den WM-Titel, für den wetterfesten Ralf Waldmann war sie dagegen die entscheidende Trumpfkarte. »Wenn´s so bleibt, bin ich nicht sehr unglücklich«, schmunzelte der Regenspezialist. Doch Wetterprognosen sind in Sydney so riskant wie Pferdewetten, und als der Himmel ab Freitag nachmittag wieder aufriß, drehte sich auch die Stimmung der beiden 250er Stars. Waldi qualifizierte sich als Vierter und wurde immer wortkarger, Biaggi war überlegen Schnellster und redete, als habe er Kreide verschluckt. »Ich habe Druck von allen Seiten, und es ist schwierig, sich dem zu entziehen. Doch ich fühle mich gut, und mein Team arbeitet in Harmonie«, schwelgte er. Ralf Waldmann mühte sich dagegen mit Fahrwerksschwierigkeiten ab, die allen Honda-Werksfahrern zu schaffen machten. Für die langgezogenen Kurven der Eastern Creek-Piste war die Federung zu weich, doch wenn man sie härter stellte, verlor er zuviel Grip beim Herausbeschleunigen. »Im Abschlußtraining gingen wir beim Set-Up in die falsche Richtung. Im Rennen werden wir auf den Standard vom Freitag zurückrüsten«, meinte er nachdenklich. Nur ein Punkt trennte die beiden in der WM-Tabelle, doch in diesem Moment schien Waldi um Welten zurückzuliegen, was sein Team in der Box, das Waldis zerlegtes Motorrad mit Akribie zusammensetzte, als nicht ganz fair empfand. »Normalerweise ist es schon eine Sensation, daß wir überhaupt so weit gekommen sind, im Finale um den Titel zu fahren«, meinte Cheftechniker Sepp Schlögl. »Wenn Waldi morgen hinter Biaggi ins Ziel kommt, wird er nicht mehr als bester Honda-Fahrer und Vizeweltmeister gefeiert, sondern als Verlierer dargestellt«, argwöhnte Mike Leitner. Doch damit lag er falsch. Denn Ralf Waldmann schaffte es nicht nur, den vermeintlich übermächtigen Gegner zu einem Duell von Mann gegen Mann zu fordern. Er schaffte es im letzten Kampf der Saison auch, den Ruf des glücklichen Sparringspartners loszuwerden, der nur dann Treffer landen kann, wenn sich der große Champion allzu leichtfertig in Gefahr begibt. Ganz anders als in vielen Kämpfen bisher, wo Ralf Waldmann schwere k.o.-Niederlagen hatte wegstecken müssen und Max Biaggi uneinholbar über alle Berge auf- und davonstürmte, stand Waldi diesmal über die gesamte Distanz seinen Mann. Ohne auch nur ein einziges Mal zu wanken und angezählt zu werden, versuchte Runde für Runde von neuem, seinen Gegner aus der Deckung zu locken. Biaggi gab sich auch keine Blöße und stand nach dem Schlußgong mit knappem Vorsprung als alter und neuer Weltmeister fest. Doch Ralf Waldmann hatte zum ersten Mal gezeigt, daß auch ein gesunder und konzentrierter Max Biaggi nicht unantastbar ist. »Mir wäre es am liebsten, wenn Max bei den 250ern bliebe. Denn dann könnte ich ihn im nächsten Jahr besiegen«, grollte er kämpferisch. Fast wäre es in diesem Jahr schon geglückt. Max Biaggi ging in der ersten Runde in Führung, Waldi ließ sich nicht abschütteln und klebte an seinem Hinterrad. Die anderen Honda-Stars verloren bei dem Tempo, das die WM-Rivalen anschlugen, alsbald den Anschluß, Waldi ritt dagegen unverdrossen Attacken auf Biaggi und schaffte es in Runde acht und neun sogar, dem Italiener die Führung abzuknöpfen. Auch, als Biaggi zurückschlug, war der Kampf noch nicht entschieden. Erst in den letzten acht Runden gelang es dem Römer, Handbreit für Handbreit Boden gutzumachen und schließlich 1,7 Sekunden Vorsprung über die Linie zu bringen. Teammanager Dieter Stappert war schon eine Runde vorher zu seinem Kollegen Carlo Pernat getigert, um zu gratulieren, und jetzt hätte er wohl auch keine Chance mehr dazu gehabt. Denn das komplette Chesterfield-Aprilia-Team lag sich nun jubelnd in den Armen und wurde von wahren Heerscharen an italienischen Reportern umschwirrt. Max Biaggi schwenkte die Nationalflagge und spielte mit, indem er ganz ungewohnt zu überschwenglichen Danksagungen an Aprilia, an seinen scheidenden Sponsor Chesterfield und seine phantastischen Techniker ausholte. »Der Druck war so stark, daß ich frühzeitig aus Italien floh und mich hier am Strand versteckte. Doch jetzt ist die Last von meinen Schultern. Ich fühle mich so leicht und beschwingt, daß ich am liebsten wie ein Vogel davonschweben würde«, freute sich der dreifache Weltmeister. »Bei meiner Taktik heute habe ich alles auf eine Karte gesetzt, denn wenn du im Rennen die ganze Zeit führst, passieren Fehler leichter als beim Hinterherfahren. Erst in den letzten acht Runden konnte ich meinen Vorsprung etwas ausbauen. Ralf Waldmann war in Topform - er ist ein tolles Rennen gefahren«, lobte er seinen Herausforderer. »Ich habe alles gegeben«, bestätigte Waldi. »Mein Motorrad war perfekt, auf jeden Fall besser als im Training. Wenn es so schlecht gewesen wäre wie gestern, hätte ich bestimmt nicht so lange mitfahren können. In Runde 20 hatte ich einen kleinen Ausflug ins Gras, aber es hat nur etwas gestaubt und war nicht weiter von Bedeutung. Doch in den letzten sechs Runden hatte ich arge Probleme mit dem Vorderreifen. Weil ich viel schneller gefahren bin als im Training, habe ich ihm zuviel abverlangt. Er war völlig am Ende!« War es bei ihm der vordere, so hatte Teamkollege Jürgen Fuchs seine Sorgen mit einem zu harten Hinterreifen. »In den ersten Runden war ich mehr neben als auf dem Motorrad«, schilderte er. Während es Olivier Jacque gelang, sich aus dem Verfolgerpulk zu befreien und einsam auf Platz drei zu fahren, blieb Fuchs bis zum Ende in einen abwechslungsreichen Vierkampf verstrickt und belegte hinter Tohru Ukawa und vor Jean-Philippe Ruggia und Nobuatsu Aoki den fünften Platz. War das noch ein akzeptabler Saisonausklang für den ehrgeizigen Bayern, so steckten die deutschen 125-cm3-Asse nochmals eine empfindliche Niederlage ein. »In den ersten fünf Runden kam ich mir vor, als sei ich im Rückwärtsgang. Keine Leistung, kein Topspeed. Das halbe Feld ist auf der Geraden an mir vorbeigeedüst«, jammerte Dirk Raudies. Im Endspurt kam er noch auf Platz elf, rutschte in der WM-Endwertung aber auf die undankbare 13. Stelle ab. Manfred Geissler sackte mit dem dritten Ausfall hintereinander sogar an die 16. Position. Nach einem verheerend verlaufenen Training nur für Starplatz 25 qualifiziert, versuchte er zu ehrgeizig, Boden gutzumachen und stürzte bereits in der vierten Runde beim Herausbeschleunigen aus der ersten Spitzkehre. Geissler fiel hart auf den Kopf und wurde im Streckenspital wegen eines gebrochenen Mittelhandknochens verarztet. »Ein Desaster«, murmelte Teamchef Harald Eckl, der seit Peter Öttls unverschuldetem Sturz in Barcelona schon auf den Star im Team hatte verzichten müssen. Auch bei den deutsch-japanischen Teams herrschte nicht nur eitel Fröhlichkeit. Die Yamaha-Kurz-Truppe verlor Youichi Ui wegen eines Schlüsselbeinbruchs im Training, Teamkollege Yoshiaki Katoh brachte wenigstens einen siebten Platz ins Ziel. Ungewohnt abgeschlagen dagegen Tomomi Manako an neunter Stelle. »Wir hatten unerwartet starke Fahrwerksprobleme. Manakos Rennen war ein einziger Eiertanz. Doch immerhin sind wir auf Platz drei in der WM - das ist nicht schlecht fürs erste gemeinsame Jahr«, zog UG-Teamchef Mario Rubatto Bilanz. Doch richtig ausgelassen war die Stimmung nur im Ditter Plastic-Team, wo Cheftechniker Lucas Schmidt eine gewaltige Torte anschnitt, um den 70. Grand Prix und den größten Erfolg in der fünfjährigen Geschichte des Teams zu feiern. Denn Masaki Tokudome zog im letzten Rennen nochmals alle Register. Nach verpatztem Start zunächst an neunter Stelle, boxte er sich bis zur elften Runde an die dritte Stelle vor. Nach sechs weiteren Runden hatte er das enteilte Führungsduo Haruchika Aoki und Garry McCoy gestellt und drängte sich souverän an die Spitze. »Ich war überzeugt, das Rennen gewinnen zu können. Mit Garry McCoy habe ich nicht mehr gerechnet. Er hatte Stahlbremsscheiben drauf und konnte nicht so stark verzögern, vielleicht stach er deshalb so vehement innen rein«, schmunzelte Tokudome über den erfolgreichen Schlußangriff des Australiers, der, spät in der Saison nach einem Wechsel von Bridgestone zu Michelin in Form gekommen, den ersten Sieg des Jahres und seinen ersten Heimsieg in Australien feierte. Daß in jener letzten Runde auch Haruchika Aoki noch den Weg vorbeifand und ihn auf Platz drei verdrängte, fand Tokudome schon weniger lustig. »Unter normalen Umständen hätte ich nochmals kontern können. Doch mein Motor drehte plötzlich nicht mehr richtig aus und hatte keinen Schub mehr«. Nur bei einem Ausfall Aokis hätte Tokudome noch Champion werden können, weshalb er auch mit der Vizeweltmeisterschaft hochzufrieden war. Wieviel Glück Tokudome gehabt hatte, zeigte sich, als die Mechaniker den Zylinder abschraubten und einen gebrochenen Kolbenring entdeckten. Wäre das Rennen noch eine Runde länger gegangen, hätte Tokudome seine Maschine durchs Ziel schieben müssen. Blieb dieser kleine Zwischenfall den Zuschauern verborgen, so brachte der spektakuläre Sturz von Michael Doohan und Alex Crivillé im Halbliterrennen die Stimmung unter den 53000 Fans zum Kochen.Crivillé hatte nach den jüngsten Niederlagen gegen seinen Teamkollegen Revanche geschworen und war besessen von der Idee, Doohan in Eastern Creek zu besiegen und ihm bei seinem australischen Heimspiel den Spaß zu verderben. In der ersten Spitzkehre der letzten Runde griff er Doohan außen an, scheiterte aber, weil sich der Weltmeister ziemlich rüde nach außen treiben ließ und Crivillé in die Verkleidung donnerte. Zornig versuchte es der Spanier eingangs der zweiten Spitzkehre abermals, verkalkulierte sich jedoch und knallte Doohan ins Heck, worauf sich beide im Gras wälzten. Mit schmerzendem Handgelenk schob Crivillé seine Maschine wieder an und schaffte noch Platz sechs. Doohan tat sich etwas schwerer, seine Honda wieder in Gang zu setzen und kam mit stotterndem Motor als Achter an.Mit ihren havarierten Maschinen in der Box angekommen, entspann sich ein freundliches Zwiegespräch zwischen den Stallgefährten. »Gratuliere, das hast du fein gemacht«, knurrte der Weltmeister und streckte Alex voll bitterer Ironie die Hand entgegen. »Aber ich sage dir: Dein Verständnis vom Rennsport ist grundfalsch«. Crivillé wollte das nicht auf sich sitzen lassen. »Du warst der erste, der sich danebenbenommen hat. Als ich ein paar Kurven vorher überholen wollte, bist du mir in die Verkleidung gedonnert und hast knallhart versucht, mich von der Piste zu drängen«. Jetzt wurde Doohan erst richtig zornig und baute sich zur Drohgebährde auf. »Wenn du in jener Kurve zuerst angekommen wärst, hättest du mich überholen können. Doch du warst Zweiter, punktum. Und auch wenn wir uns bereits zuvor berührt haben: Sind wir dabei gestürzt oder nicht?« Doohan wiederholte die Frage dreimal, ohne eine Antwort abzuwarten,und stellte Crivillés Fähigkeiten als Rennfahrer in Frage. Crivillé zuckte die Achseln und drehte sich weg. Teammanager Tatsuo Kurosawa brachte die Streithähne nochmals zusammen und forderte sie auf, sich die Hand zu reichen. In Interviews schwelte der Krieg zwischen den beiden natürlich trotzdem weiter. »Der Sturz war nur eine Konsequenz dessen, was Doohan bei meinem ersten Überholversuch gemacht hat. Er hat ein schmutziges Spiel getrieben, denn als ich überholen wollte, hat er mich nach außen abgedrängt. Er tat alles, was ein Rennfahrer nicht tun sollte, einschließlich mir in die Verkleidung zu fahren, nur damit ich nicht vorbeikam. Bei der nächsten Gelegenheit habe ich mich zu ungestüm reingedrängt. Er versuchte, mich abzublocken, ich habe sein Hinterrad berührt und wir gingen beide zu Boden. Ich bin nicht besonders glücklich, daß ich beim Versuch, dieses Rennen zu gewinnen, gestürzt bin, aber als Rennfahrer muß man auch verlieren können. Dieses Talent hat Doohan nicht«. Dafür sah sich der Weltmeister als unschuldiges Opfer. »Meines Erachtens zeigt der Sturz nur, wie Alex schon die ganze Saison über gefahren ist. Ich kann schneller fahren als er, und er kann nicht aus eigener Kraft ein Rennen anführen. Wenn er stattdessen zum Rennende hin zu überholen versucht, kommt er von der Ideallinie ab und macht Fehler.« Für Loris Capirossi und sein Marlboro-Yamaha-Team war das Finale hingegen überwältigend. Völlig unverhofft querte der Italiener als Sieger die Ziellinie, der ebenfalls völlig überraschte Teamchef Wayne Rainey trieb seinen Rollstuhl vor lauter Glück auf mindestens hundert Sachen, um rechtzeitig zum Triumph auf dem Podest zu sein. »So ein Tag, so wunderschön wie heute!«, strahlte Capirossi. »Ich versuchte alles, um an den beiden dranzubleiben, doch mein Vorderreifen ließ frühzeitig nach. Es ist unglaublich, was passiert ist - eine komische Art, ein Rennen zu gewinnen! Ich sah, wie sich Mick und Alex bereits in der zweiten Kurve berührten, deshalb machte ich mich darauf gefaßt, der lachende Dritte zu sein«. Auch Wayne Rainey hatte eine Vorahnung gehabt. »Es ist merkwürdig, wir haben schon heute morgen davon geredet, daß Mick und Alex so etwas tun würden«. Neben dem drittplazierten Carlos Checa gehörte auch Tadayuki Okada zu den Glückspilzen. Der Japaner schaffte als Zweiter das bislang beste Resultat mit einem Halbliter-Zweizylinder - und kam erstmals vor allen beiden Teamkollegen mit ihren bärenstarken Vierzylindern ins Ziel.

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