Grand Prix Australien in Phillip Island (Archivversion)

Jacquepot

Wenige Meter vor dem Zielstrich zog Olivier Jacque ein As aus dem Ärmel - und knackte beim Grand-Prix-Finale in Australien den Jackpot der 250-cm3-Klasse.

Bis in die letzte Runde führte Shinya Nakano souverän, und selbst in den letzten Kurven des Grand Prix von Australien sah der kleine Japaner noch wie der neue Weltmeister der 250-cm3-Klasse aus. Chesterfield-Yamaha-Teamkollege Olivier Jacque attackierte, verbremste sich, attackierte erneut und verbremste sich wieder.Die Wende kam im allerletzten Linksknick auf dem Weg zur Zielgeraden. Vorher noch klar im Hintertreffen, saugte sich Jacque in dieser Mutkurve an seinen Teamkollegen heran, scherte kurz vor dem Zielstrich aus dem Windschatten aus, zog mit Nakano gleich - und hatte im entscheidenden Moment die Nase vorn.16 Grand Prix währte die Saison, 25 Runden und fast 40 Minuten das letzte Rennen. 14 Tausendstelsekunden oder drei Viertel einer Motorradlänge machten am Schluss den Unterschied. Während Olivier Jacque mit der Weltmeisterfahne aufrecht in den Fußrasten stehend an den 40 000 Zuschauern in Phillip Island vorbeiflanierte, kauerte Shinya Nakano in einer Ecke des Parc fermé und ließ seinen Tränen freien Lauf. »Ich wusste, dass Olivier das ganze Rennen über in meinem Windschatten klebte. Als er auf der Zielgeraden näher rückte, konnte ich sogar seinen Motor hören. Doch es gab nichts, was ich hätte tun können”, meinte der Verlierer fassungslos.Beobachter Valentino Rossi war anderer Ansicht. »Nakano sollte sich den eigenen Kopf abreißen. Er hat den Titel verspielt”, wunderte sich zweifache Weltmeister. »Das entscheidende Rennen ist keine Frage der besseren Rundenzeiten, sondern eine Frage der Psychologie und der besseren Nerven. Du kannst nicht einfach Vollgas geben und auf das Prinzip Hoffnung setzen. Nakano hätte sich hinter Jacque zurückfallen lassen und ihn von hinten beobachten sollen. Statt dessen marschierte er wie ein Opferlamm zur Schlachtbank!”Für die Franzosen war hingegen ein Traumfinale perfekt, das bis zum Schluss in einen Alptraum hätte abkippen können. Fröstelnd hatte sich Teamchef Hervé Poncharal in der schlaflosen Nacht vorher im Bett gewälzt und darüber nachgedacht, was im Rennen alles schief gehen konnte.Er dachte an das Desaster von Rio, wo Nakano von einem Kolbenklemmer aufgehalten wurde und Jacque mit gleich zwei Stürzen Nerven zeigte.Vor allem aber dachte er an das WM-Finale zwischen den Aprilia-Stars Tetsuya Harada und Loris Capirossi in Argentinien 1998, bei dem der Italiener seinen japanischen Teamkollegen abgeschossen und sich einen Feind fürs Leben geschaffen hatte. »Denkt an die Zukunft”, hatte sich Poncharal seine Fahrer nochmals zur Brust genommen. »Unser Budget für die Halbliterklasse ist unabhängig vom Resultat dieses Rennens für volle zwei Jahre abgesichert. Unser einziges Risiko ist, dass etwas zwischen euch passiert, was die Zusammenarbeit unmöglich macht. Deshalb: Bleibt fair”, beschwor er Nakano und Jacque.Eigentlich waren diese Ermahnungen gar nicht nötig. Dank Poncharals Fingerspitzengefühl waren zwei gegensätzliche Welten schon längst vorher zu einer Gemeinschaft zusammen gewachsen, wie es sie in den deutschen All-Star-Teams Roth/Bradl und Waldmann/Fuchs nie gegeben hatte.Verblüffenderweise drückte der Japaner seinem französischen Konterpart dabei den Stempel auf. Tief beeindruckt davon, dass Nakano Siege und unschlagbar schnelle Rundenzeiten vorlegte, gleichzeitig aber auch alle Herzen eroberte, bemühte sich der ursprünglich ungehobelte Jacque plötzlich um die Umgangsformen eines Gentleman. Und obwohl Nakano bald auf französisch radebrechte und den Geschmack von Baguette mit Olivenöl schätzen lernte, verwandelte sich das Team in ein Aushängeschild für das Land des Lächelns - zuvorkommende Gesten statt lauter Worte, Hilfsbereitschaft statt herabrasselnder Rolltore.Die Rivalität wurde voll und ganz über den Wettkampf ausgetragen, und was Shinya Nakano an fahrerischer Finesse in die Waagschale werfen konnte, glich Olivier Jacque durch seinen Kampfgeist aus. Es kam nicht von ungefähr, daß der Franzose an dem ungemütlich kalten, von Regenschauern und stürmischen Winden begleiteten ersten Trainingstag in Phillip Island die grössten Segel aufzog und trotz der allgegenwärtigen Sturzgefahr eine klare Bestzeit vorlegte. Am Samstag, als sich der Wind gelegt hatte und es bei trockenem Wetter mehr auf Feingefühl und Feinabstimmung ankam als auf den Mut zum Risiko, konterte Nakano mit einer ebenso klaren Pole Position. Die Wetten standen auf den Japaner, weil er besser fuhr und im Gegensatz zu dem sturzgefährdeten Jacque bislang noch keine Blößen gezeigt hatte.Doch im Kampf um den Jackpot zählte am Ende nur, wer im richtigen Moment das As aus dem Ärmel zaubern konnte - und da hatte Jacque mehr an Erfahrung, mehr an Kreativität und mehr an Kaltschnäuzigkeit aufzubieten. »Ich hatte wirklich Lampenfieber, und ich wusste, dass sich auch das Team furchtbare Sorgen machte. Das Letzte, was ich tun wollte, war, in Shinya reinzudonnern und Katoh den Titel auf dem Silbertablett zu servieren. Deshalb habe ich in jeder Kurve extra runde Linien gewählt und damit jedes Risiko vermieden, Shinya zu berühren”, schilderte Jacque. »Doch ich wusste, dass ich im letzten Streckenteil Vorteile hatte und habe bis zu letzten Runde mit verdeckten Karten gespielt. Erst beim Endspurt zum Zielstrich habe ich versucht, Shinya zu überholen. Ich konnte es selbst nicht glauben, als mein Vorderrad an seiner Maschine vorbeiwanderte. Sicher war ich erst, als mir einer unserer Mechaniker die Flagge in die Hand drückte!”In den Stunden danach fiel der erste französische Weltmeister seit Christian Sarron 1984 mit seligem Lächeln jedem um den Hals, der ihm über den Weg lief, und von Händedruck zu Händedruck glätteten sich auch die tiefen Sorgenfalten im Gesicht von Hervé Poncharal. »Die letzte Runde hat mir am meisten Angst eingejagt - ich fürchtete, meine Fahrer würden alles riskieren und alles aufs Spiel setzen”, seufzte er. »Doch ich muß OJ danken, daß er sich als echter Sportsmann gezeigt und von seinem zweiten Platz aus keinerlei Dummheiten gemacht hat.”Während im Tech 3-Team gefeiert und Vizeweltmeister Nakano getröstet wurde, stieg im Aprilia Germany-Team das letzte Abendmahl mit Ralf Waldmann, der neben der WM 2000 auch seinen Job bei Aprilia verloren hatte. »Ich wünschte, alles würde auch in Zukunft so weiter gehen”, sagte Waldi in der wehmütigen Abschiedsstimmung in die Runde. Bei der Saisonbilanz von zwei überlegenen Siegen, zahlreichen fantastischen Aufholjagden und einer nur ganz knappen Niederlage gegen Daijiro Katoh im Kampf um den dritten Platz in Australien hätte der 34jährige Rennveteran auch eine solche Zukunft verdient. »Der Waldi ist eine Kapazität, einer der ganz Großen in unserem Sport”, meinte Aprilia-Germany-Techniker Mike Leitner noch am selben Abend bei einer Suzuki-Party.»We are the champions”, brüllte der angeheiterte Kenny Roberts senior begeistert in den Abendhimmel, während sich Kenny junior, Kevin Schwantz und viele andere drinnen an der voll besetzten Bar des »Banfields Motor Inn” vergnügten. Der neue Halbliter-Weltmeister hatte das Saisonfinale an ein durch und durch italienisches Podium mit Max Biaggi, Loris Capirossi und Valentino Rossi verloren, und das kümmerte die seligen Partygäste ebenso wenig wie die Erinnerung an die Saison 1998, in der die Modenas-Teamkollegen Kenny Roberts junior und Ralf Waldmann auf der wenig konkurrenzfähigen KR 3 in etwa die gleichen Ergebnisse zustande gebracht hatten.Während für die Karriere von Kenny junior danach klug die Weichen gestellt wurden, mußte Waldi froh sein, überhaupt weiter fahren zu können. In zwei Jahren bei Aprilia fand sich kein einziger deutscher Sponsor, der den Millionen-Etat des italienischen Werks spürbar entlastet hätte. Jetzt, wo Aprilia-Renndirektor Jan Witteveen sparen muss und auf junge Talente wie Marco Melandri oder Klaus Nöhles setzt, hängt Waldis Zukunft am seidenen Faden. Falls er nicht aufhört oder Teamkollege von Troy Corser im Aprilia-Superbike-Team werden will - auf Einladung von Jan Witteveen testet Waldi demnächst eine solche Maschine – bleibt nur noch die Hoffnung auf die Honda NSR 250, die der Belgier Olivier Liegois für die nächste Saison reservierte.Sponsoren hat Liegois-Manager Andy Leuthe allerdings noch nicht gefunden. »Bei mir stapeln sich die Absagen. Containerweise«, stöhnt Leuthe, der sein Glück auch bei West und Beck´s versucht hatte. »Doch ich gebe nicht auf. Wenn Waldi weiter fährt, werden die Rennen in den dritten Programmen der ARD ausgestrahlt – das ist für Sponsoren wie auch für GP-Promoter Dorna interessant.« Olivier Liegois hat zehn Prozent der Leasinggebühr von 1,2 Millionen Mark für ein Set der Honda NSR 250-Werksmaschinen bereits nach Japan überwiesen, besitzt aber auch schon eine Rückversicherung: Wenn das Budget für Waldmann nicht zustande kommt, steht Roberto Locatelli in der Reihe. »Drei Sponsoren zu finden, die jeweils 1,5 Millionen Mark in einen italienischen Weltmeister investieren, ist eine Sache von zwei Wochen. Die sind halt Patrioten”, ist sich Andy Leuthe seiner Sache sicher.Beim Saisonfinale in Australien verabschiedete sich 125er-Champion Locatelli vorzeitig mit einem Sturz und überliess Masao Azuma, Star im Benetton Playlife-Team von Olivier Liegois, kampflos den Sieg. Steve Jenkner fuhr mit einem zu kurz übersetzten, aber ansonsten perfekten Motorrad auf Platz sieben.Azumas Teamkollege Stefano Bianco, Vertreter des verletzten Mirko Giansanti, unterlief derweil ein besonders amüsanter Fauxpas: Am ersten Trainingstag gerade mal 15 Jahre alt geworden, verwechselte der aufgeregte WM-Debütant seinen GP-Renner mit einer Strassenmaschine - und versuchte, im fünften Gang loszufahren.
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GP-Teams 2001 (Archivversion) - Hondas Haifischmaul

Valentino Rossi und Alex Crivillé absolvierten bereits die ersten erfolgreichen Tests mit der Honda NSR 500 von 2001 mit modifiziertem Heck und zentralem Lufteinlass für die Airbox. Wichtiger als die optischen Retuschen ist das neue Fahrwerk, das endlich auch auf Problemstrecken wie Sepang in Malaysia für genügend Traktion sorgen soll. Die Motoren blieben nach dem Desaster des vergangenen Frühjahrs dagegen unangetastet. Neben den Repsol-Piloten Crivillé/Ukawa, den Pons-Fahrern Capirossi/Barros, Jürgen v.d. Goorbergh (Rizla) und Rossi (Nastro Azzurro) will Shell Advance mit einer NSR 500 antreten, hat aber weder Fahrer noch genügend Budget. Regis Laconi, von Red-Bull-Yamaha gefeuert, müsste dort zwei Millionen Dollar mitbringen. Bei Yamaha sind die Paarungen komplett: Biaggi/Checa (Marlboro), Jacque/Nakano (Gauloises/Tech 3), McCoy/Haga (Red Bull), Abe/Cardoso (Antena 3). Kenny Roberts’ neuer Teamkollege Sete Gibernau fuhr in Australien bereits die Suzuki RGV 500 und soll laut Teamchef Taylor »helfen, die neue Maschine zu entwickeln«. Kommentar von Ex-Weltmeister Barry Sheene im australischen Fernsehen: »Sete weiß nicht einmal, wie man einen Schnupfen entwickelt...«

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