Grand Prix Australien/Phillip Island und Malaysia/Sepang (Archivversion) Erste Sahne

Die ersten Champions konnten feiern: Rossi krönte sich in Australien zum neuen Halbliter-Weltmeister, Katoh zog in Malaysia mit dem 250er-Titel nach.

Interviews mit Daijiro Katoh sind die Höchststrafe für jeden Journalisten, weil man dem schweigsamen kleinen Japaner die Worte buchstäblich aus der Nase ziehen muss. Wir wissen, dass er am 4. Juli 1976 in Saitama geboren wurde, mit drei Jahren sein erstes Pocket Bike bewegte, als Neunjähriger japanischer Meister in dieser Disziplin wurde und mit 18 bereits den Status eines Honda-Werksfahrers erreicht hatte. Wir haben gesehen, dass er in Japan mit einem cremefarbigen Porsche in den Streckenhotels vorfährt und dass er mit seiner Frau Maikiko und Söhnchen Ikko von Fahrerlager zu Fahrerlager tingelt. Fabrizio Cecchini, der Cheftechniker von Katohs italienischem Gresini-Honda-Team, vergleicht seinen Star mit einem scheuen Reh, das seine Umgebung stets vorsichtig auskundschaftet und blitzschnell die Flucht ergreift. Mechaniker Ivan Brandi sieht in ihm eine Katze, die immer weiß, wie und wohin sie gehen muss. Außerdem, fügt er hinzu, sei er ebenso wasserscheu – eine Anspielung auf die beiden einzigen schweren Niederlagen der Saison, die Regenrennen in Mugello und Assen.Eine von Daijiros Lieblingsbeschäftigungen ist der Schlaf, und wie eine Katze kann auch er aus völliger Entspannung plötzlich die Krallen ausfahren und zum Angriff übergehen. »Letztes Jahr in Suzuka war er eine Viertelstunde vor der Besichtigungsrunde noch nicht in der Box. Ich begann ihn zu suchen und fand ihn im Tiefschlaf«, erinnert sich Cecchini. »Dann klappte er die Augen auf, stieg aufs Motorrad und gewann das Rennen. Eine solche Ruhe habe ich bei einem Fahrer noch nie erlebt.« Das war der dritte von mittlerweile vier Suzuka-Siegen hintereinander, doch längst hat der 25-Jährige auch alle anderen Strecken dieser Welt gemeistert und holte sich mit dem 16. Sieg seiner Karriere in Malaysia vorzeitig den WM-Titel der 250er-Klasse. Die letzten Versuche von Aprilia, das Ruder nochmals herumzureißen, scheiterten kläglich: Neue Zylinder, Auspuff- und Zündanlagen machten Tetsuya Haradas Maschine zwar schneller, doch erwischte der einzig verbliebene Rivale Katohs sowohl in Australien als auch in Malaysia die falschen Reifen und lief missmutig als Zweiter ein. Im nächsten Jahr braucht die 250er-Konkurrenz Katoh nicht mehr zu fürchten. Denn das 51-Kilogramm-Leichtgewicht steigt 2001 auf eine Werks-Honda NSR 500 um – und wird damit genau jene Maschine steuern, die auch Weltmeister Valentino Rossi gerne hätte. Denn die Tatsache, dass Honda ihn zum Saisonstart 2002 unbedingt auf den Fünfzylinder-Viertakter RC 211 V setzen will, ist ein Haar in der Suppe des 22-jährigen Publikumslieblings. »Jetzt, wo wir ein siegfähiges Paket beieinander haben und eigentlich einen längeren Erholungsurlaub verdient hätten, sollen wir von vorne anfangen – wieder ein Scheiß-Winter mit jeder Menge Tests und ein Saisonstart 2002, zu dem wir genauso müde eintreffen werden wie zu den letzten Rennen dieses Jahres«, schimpfte Rossi vor einer kleinen Schar italienischer Journalisten.Das war ein paar Tage nach dem frischen Ruhm seines Titelgewinns in Australien, wo er in seiner ersten Begeisterung über die WM-Titel aller drei Zweitaktklassen bis 125, bis 250 und bis 500 cm3 noch davon geschwärmt hatte, die GP1-Viertakter seien wie eine vierte Kategorie, wie ein erneuter Aufstieg und damit auch jene neue Herausforderung, die er brauche, um seine Motivation zu bewahren. Doch Rossi ist sich bewußt, wie gefährlich schmal der Grat am Gipfel ist – siehe den jähen Absturz von Alex Crivillé und Kenny Roberts, siehe die eigene Niederlage am Sachsenring –, und will auf jeden Fall sicherstellen, dass er für 2002 eine siegfähige Maschine zur Verfügung hat. Derzeit stecken die Verhandlungen mit Honda wieder einmal fest. Vorläufig habe er vor, »die letzten Rennen auf einem richtigen Motorrad« zu genießen, grinste Rossi derweil, und ließ dem Vorsatz Taten folgen. Eine Abordnung seines Fan-Clubs aus Tavullia und seine Mutter Stefania – Vater Graziano blieb wegen Flugangst zu Hause – entschädigte er mit einem Sieg in Phillip Island für die Reisestrapazen. Hätte ihm schon in Australien ein achter Platz zum Titelgewinn gereicht, setzte er eine Woche später in Malaysia mit dem zehnten Saisonsieg noch eins drauf und fuhr um zeitweise über vier Sekunden auf und davon. Max Biaggi verteidigte in Sepang seinen Ruf als Sturzkönig, stach innen in eine Lücke, die keine war, und riss Kenny Roberts mit zu Boden. Weil ein Lenkerstummel fehlte, musste Biaggi auf eine Fortsetzung seines wilden Ritts verzichten und bangt nun um die Vizeweltmeisterschaft: Loris Capirossi, der zwei Runden vor Schluss an Garry McCoy vorbei auf Platz zwei huschte, liegt vor dem Saisonfinale in Rio de Janeiro nur noch vier Punkte hinter seinem Landsmann.Ein Meister steht auch bei den 125ern bereits fest: Harald Bartol. Die Werksmaschinen des österreichischen Konstrukteurs bohrten sich mit zuletzt fünf Siegen hintereinander durch das dichtgedrängte Feld, zwei Siegen von Gilera-Star Manuel Poggiali ließ Youichi Ui auf der baugleichen Derbi einen lupenreinen Hattrick bei den Überseerennen folgen, die Poggiali wiederum jeweils als Zweiter beendete. Nach diesem durchaus spannenden Durchmarsch hat Ui bei 23 Punkten Rückstand auf Poggiali noch mathematische Titelchancen, doch die Konkurrenz von Honda ist schon mal ausgeschaltet. »Mission erfüllt«, rieb sich Giampiero Sacchi, Manager beider Teams, in Malaysia die Hände.

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