Grand Prix Brasilien in Rio de Janeiro (Archivversion) Verkehrte Welt

Der bislang gedemütigte Jürgen Fuchs fuhr beim Rio-Grand Prix plötzlich im Hochadel der Königsklasse mit. Der erfolgsverwöhnte 250er Star Ralf Waldmann mußte dagegen einen empfindlichen Rückschlag einstecken.

Michael Doohan wurde auch beim Grand Prix in Jacarepagua vor den Toren Rio de Janeiros nicht vom Siegerpodest der Halbliterklasse verdrängt. Obwohl der Weltmeister ab der sechsten Runde mit kräftigem Untersteuern zu kämpfen hatte und sich wegen des auf elf Uhr vorverlegten Starts nach Rennende über »eine Reifenlotterie« beschwerte, schaffte es Verfolger Tadayuki Okada wieder nicht, dem übermächtigen Gegner die Zähne zu zeigen. »Es ist zum Haareraufen. Mein Vorderreifen hatte deutlich mehr Grip, doch Mick war trotzdem schneller«, schüttelte Tady verdrossen den Kopf. Luca Cadalora eroberte Rang drei, hatte aber schon nach dem Abschlußtraining angekündigt, ein Sieg über Doohan sei mit seiner Yamaha völlig außer Reichweite. Auch der bislang so aufmüpfige Nobuatsu Aoki blieb diesmal brav im Feld versteckt und mußte mit Platz vier den zweiten Rang in der WM-Tabelle abgeben. Von seinem Bruder Takuma drohte ebenfalls keine Gefahr, weil er sich im Training das linke Schulterblatt gebrochen hatte und trotz heroischer Fahrversuche am Ende doch vernünftig blieb und auf den Start verzichtete. Statt der bekannten Stars sah Doohan auf dem Weg in die erste Kurve eine blaue Maschine schimmern, die nicht mit Nobuatsu Aokis Rheos-Honda identisch war und auch sonst an keine der ihm vertrauten Werksmaschinen erinnerte. Das unbekannte Flugobjekt gehörte Jürgen Fuchs, der beim Aufleuchten der grünen Ampel bereits mit Lichtgeschwindigkeit aus der dritten Startreihe nach vorn drängte. »Ich habe ein 200 Meter langes Wheelie hingelegt und Doohan stehenlassen, als hätte er den Rückwärtsgang drin«, schilderte der elf 500-Pilot begeistert. Schon im Abschlußtraining hatte Fuchs kurzfristig Platz vier belegt, wurde aber nach nur sechs Runden von einem Motorschaden zurückgeworfen. Tags darauf war er überrascht, wie erfolgreich er in der Führungsriege der Halbliterklasse mithalten konnte. Denn anders als beim Strohfeuer des Abschlußtrainings loderte sein Licht im Rennen bis zum Zieleinlauf. In der ersten Kurve »vor lauter Euphorie« etwas zu schnell, wurde Fuchs zwar in die Verfolgergruppe zurückgeworfen. Dort allerdings, zwischen Norifumi Abe, Nobuatsu Aoki und Luca Cadalora, zog er bis Rennmitte alle Register und gab sich erst mit seinem tollen sechsten Platz zufrieden, als seine Vorderradrutscher beunruhigend wurden und von hinten keine Gefahr mehr drohte. Etliche Werkspiloten, darunter so lustlose Hinterherfahrer wie der hochbezahlte Suzuki-Star Daryl Beattie und der im Sito Pons-Team endgültig auf der Abschußliste stehende Alberto Puig, waren durch diese Meisterleistung besiegt und der Lächerlichkeit preisgegeben. »Was der Jürgen auf diesem Bock leistet, ist ein Kunststück«, staunte Masaki Tokudomes Cheftechniker Lucas Schmid am Streckenrand. »Alles, was die Honda-Piloten mit Drehmoment relativ leicht kontrollieren können, spielt sich bei der auf Höchstleistung getrimmten elf mit voller Drehzahl ab. Ein winziger Fehler, und er liegt am Boden.« Doch Fuchs blieb fehlerlos und war nach dem für deutsche Halbliterverhältnisse historischen Resultat im siebten Himmel. Nach Stürzen und Verletzungen, nach technischen und menschlichen Pannen in seinem Team schmeckte dieser Moment des Triumphs besonders süß. Die Erklärung für den plötzlichen Durchbruch war weniger in der prinzipiell unveränderten Maschine als in der Strecke zu suchen, bei der sich die Kurven wie in Assen flüssig aneinanderreihen, die wegen eines neuen Asphaltbelags aber gleichzeitig nur begrenzten Grip hatte. »Ich versuche selbst permanent zu analysieren, was hier anders ist. Die einzige Erklärung ist mein soft abgestimmtes Fahrwerk. Dadurch spüre ich die Reifen besser und brachte genausoviel Leistung auf den Boden wie die Konkurrenz. Das harmoniert auf dieser Strecke perfekt. Ich hatte trotz weniger Grip mehr Schräglage als sonst und war erstmals in der Lage, das Motorrad permanent vorne und hinten am Rutschen zu halten«, schilderte Fuchs. »Selbst die Vorderradslides hatte ich gut unter Kontrolle. Ich habe das Motorrad auf dem Knie abgefangen und bin hinten in die Eisen, bis ich wieder Grip hatte. Es war ein Heidenspaß!« Den verdarb sich der bislang so beständige Ralf Waldmann mit einer gewagten Modifikation nach dem Sonntags-Warm Up der 250er. Um beim Bremsen noch mehr zulangen zu können, ließ er sich fürs Rennen härtere Gabelfedern einbauen. »Ich war mir sicher, daß es funktionieren würde. Doch ich hatte von Anfang an unheimliche Vorderradrutscher. Das muß ich mir selber in die Schuhe schieben«, grübelte er nach dem Rennen. Statt aus dritter Position anzugreifen, verlor Waldi den Windschatten der Spitzengruppe und sackte an die sechste Stelle ab. Bei einem »Riesenrutscher« in Runde acht kam er von der griffigen Ideallinie auf den schlüpfrigen Pistenrand und mußte ins Kiesbett, wo seine Marlboro-Honda auf die linke Seite kippte. 17 Sekunden nach der Havarie reihte sich Waldi hinter Kurtis Roberts wieder ein und erreichte trotz abgebrochenen Schalthebels noch den zwölften Platz. Und konnte noch von Glück sagen, daß seine Niederlage nur geringe Auswirkungen in der WM-Tabelle hatte, wo Waldi nun auf Platz drei liegt. Denn seine beiden Hauptgegner im Titelkampf kamen in Rio auch nicht ungeschoren davon. So verlor der neue WM-Leader Tetsuya Harada den Schlagabtausch mit Olivier Jacque, der kaum noch Titelchancen besitzt. Nach einem Beinahesturz vier Runden vor Schluß gab der bis dahin überlegene Franzose die Führung ab, schlug aber bei nächster Gelegenheit mit einem tollkühnen Spätbremsmanöver zurück. In der letzten Runde gab der Japaner seiner kraftstrotzenden Aprilia die Sporen und überholte Jacque auf der Geraden. Einige Kurven später faßte sich der Franzose abermals ein Herz und zwängte sich mit rauchendem Vorderrad zum zweitenmal an Harada vorbei - derart dreiste Manöver auf einem unterlegenem Motorrad hatte man seit den Zeiten von Kevin Schwantz nicht mehr gesehen. Max Biaggi versuchte, Tohru Ukawa mit ähnlichen Mitteln von Platz drei zu verdrängen, scheiterte aber und verschenkte die WM-Führung. Denn statt den Japaner in einer schnellen Linkskurve nach der mehr als einen Kilometer langen Gegengeraden zu schlagen, geriet er auf eine Bodenwelle und legte den spektakulärsten Ausritt des Jahres hin: Biaggi ruderte bei vollem Speed durch die Wiese, überquerte die Piste und hätte dabei um ein Haar Stefano Perugini aufgespießt. Anschließend wirbelte er noch einmal auf der anderen Streckenseite eine lange Staubfahne auf, bevor er endlich in korrekter Fahrtrichtung auf den Asphalt zurückfand. »Das hätte auch schlimmer ausgehen können«, seufzte der Italiener nach seinem vierten Platz. Zum Beispiel so wie das Rennen von Tex Geissler. Bestrebt, nach dem dritten Platz am Nürburgring ein weiteres Topresultat in der 125er Klasse nach Hause zu bringen, ging der frischgebackene Aprilia-Star nach schlechtem Start etwas zu ungestüm auf die Jagd und scheiterte an einem überrundeten Nachzügler. »Plötzlich war er da, ich langte etwas zu heftig in die Vorderbremse - und, puff, bin ich dagelegen. Ich wollte noch weiterfahren, doch der Kupplungshebel war abgebrochen«, schilderte Geissler enttäuscht. Ex-Weltmeister Dirk Raudies hielt als 20. nur die Wild Card-Piloten in Schach, der tapfere Sachse Steve Jenkner lief auf Platz zwölf als bester Deutscher ein.An der Spitze holten die japanischen Fahrer für die deutschen Teams wieder einmal die Kohlen aus dem Feuer. UGT 3000-Star Kazuto Sakata setzte sich trotz Fahrwerks- und Motorsorgen in einer sechsköpfigen Gruppe durch und wurde Fünfter. Teamkollege Tomomi Manako bescherte seinem Technik-Chef Mario Rubatto Platz vier, obwohl sein Motor zu fett lief. Vom sichergeglaubten Podest wurde er erst im Endspurt verdrängt. Vorwitzig schob sich Youichi Ui aus dem Windschatten am Ende der Gegengeraden vorbei und bescherte der Yamaha des schwäbischen Händlers Hermann Kurz hinter Seriensieger Valentino Rossi und Honda-Star Nobby Ueda den ersten großen Erfolg. »Ich wäre auch mit Platz vier einverstanden gewesen. Doch im Rennverlauf stellte ich mit Begeisterung fest, wie schnell mein früher so kraß unterlegenes Motorrad mittlerweile geworden ist.« Der Österreicher Harald Bartol hatte Uis Yamaha mit seiner Ingenieurskunst zum Silberpfeil verwandelt, gleichzeitig sind Mut und Einsatzfreude des sturzfreudigen kleinen Japaners bereits legendär. Auch abseits der Rennstrecke liebt Ui die Herausforderung. Beim Kurz-Urlaub vor GP-Beginn warf er sich mit Todesverachtung zum Wellenreiten in die schwere Brandung, wurde von einer Superwoge unter Wasser gedrückt und eine halbe Ewigkeit später mit zerschundenem Gesicht an den Strand gespuckt.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote