Grand Prix Brasilien in Rio de Janeiro (Archivversion)

Karneval in Rio

»Nervös soll er werden, der schwarze Hund«, stieß Ralf Waldmann hervor und schälte sich aus seiner durchgeschwitzten gelben Lederkombi. Das Abschlußtraining der 250 ccm-Klasse beim Grand Prix in Rio war gerade vorbei, Ralf Waldmann hatte die Federung in letzter Minute um ein paar Klicks verstellen lassen und sich mit einer Superrunde unmittelbar vor dem Abwinken von Rang sieben auf Startplatz zwei katapultiert. Eine Armada von fünf Honda stand Spalier, um dem sechstplazierten Max Biaggi mit seiner Aprilia das Fürchten zu lehren.Und der schwarze Hund wurde nervös. »Das ist die übelste Piste, auf der wir je gefahren sind. Warum sind wir hierher zurückgekehrt?« regte sich Biaggi über die Holperstrecke auf, womit er nicht ganz unrecht hatte.Ein schlüpfriger weißer Begrenzungsstrich auf der Ideallinie am Ende der langen Gegengeraden, der nach einer Inspektion von Fahrersprecher Franco Uncini eigentlich hätte entfernt werden sollen, wurde mit schwarzer Tarnfarbe überpinselt und sorgte gleich im ersten Besichtigungstraining am Donnerstag für eine Sturzserie.Ausgangs einer anderen Kurve wurden die Fahrer derart von einer Bodenwelle ausgehebelt, daß sie in Schräglage den Bodenkontakt verloren. »Wir arbeiten daran, daß es vorne und hinten gleichzeitig springt«, spottete Jürgen Fuchs. »Beim Teeren haben die wohl immer wieder Brotzeit gemacht und die Dampfwalze einsinken lassen. Es schüttelt dich fast vom Bock. Ich orientiere mich nur an Farbflecken rund um den Kurs!«Während Fuchs trotzdem die dritte Trainingszeit erreichte, hatte Biaggi mit dem besonders steifen Fahrwerk auf dem Waschbrett seine liebe Not. Außerdem war er mit Nachdenken über seinen noch immer nicht endgültig ausgeheckten neuen Vertrag beschäftigt. »Ich frage mich, warum mir Harada als Teamkollege aufgetischt und sein Vertrag einfach zu meinem Anwalt gefaxt wurde, ohne mit mir zu reden. Dabei habe ich bis jetzt die ganzen Kohlen für Aprilia allein aus dem Feuer geholt«, beschwerte sich Biaggi.Vorbei war der Übermut, mit dem er zu Saisonbeginn von einem Multi-Millionen-Vertrag für die Halbliterklasse geträumt und im Hurra-Stil die ersten Rennen gewonnen hatte.Durch den Vertragspoker abgelenkt und durch die überlegene Honda-Armada in die Enge getrieben, machte er nach dem verunglückten Wheelie von Assen, dem Zusammenstoß mit Olivier Jacque in Österreich und dem Sturz in Imola den nächsten schweren Fehler.Nach sechs Rennrunden bereits Zweiter, blies Biaggi zu ungestüm zur Jagd auf den führenden Jacque, raste mit viel zu hohem Tempo auf eine schnelle Linkskurve zu, kam von der Ideallinie ab auf den rutschigen Pistenrand und stürzte. »Ich kann mich nicht erinnern, warum. Ich weiß nur, daß ich plötzlich im Gras war und Blut im Gesicht hatte«, murmelte Biaggi, bevor er wegen einer Platzwunde am Kinn mit vier Stichen genäht wurde. »Was nun passiert, passiert. Wenn ich den Titel gewinne, okay. Wenn nicht, dann eben nicht. Wir fangen in Australien von vorne an. Das WM-Finale wird ein offenes Duell zwischen Waldmann und mir«.Denn Waldi, der schon bei den letzten Fehlern Biaggis munter WM-Punkte gutgemacht hatte, nutzte auch den neuesten Lapsus des Weltmeisters genüßlich aus. Unverhofft an die dritte Stelle katapultiert, hing er bis zur letzten Runde im Windschatten von Jürgen Fuchs. Markengefährte Olivier Jacque war schon weit auf und davongebraust und ließ sich auf dem Wege zum ersten Grand Prix-Sieg durch keinerlei Markentreue beirren, doch ebenso klar war, daß die Reihenfolge im HB-Team nicht so bleiben konnte.Auf Befehl von Teammanager Dieter Stappert wurde Fuchs ein »P 3«-Schild unter die Nase gehalten, worauf der Bayer zwar bis zur letzten Kurve Überlegenheit demonstrierte, dann aber doch freundlich vom Gas ging. Fuchs winkte seinen Teamkollegen auf Platz zwei hindurch und verkürzte dessen Rückstand in der Tabelle auf nur noch einen Punkt. »Das war wichtig für Ralf und seine WM-Chancen«, sagte er vor laufenden Fernsehkameras.Wenig später gab er seine persönliche Meinung preis. »Stappert und ich haben gestern ganz klar besprochen, daß eine Stallorder nicht mehr in Frage kommt. Natürlich konnte keiner voraussehen, daß sich die Dinge auf diese Weise entwickeln würden. Aber bei aller Begeisterung für Waldis WM-Chancen ist es schade für mein Team und meine Mechaniker, die auch hart für den Erfolg geschuftet haben. Waldi hatte genügend andere Gelegenheiten, um in der WM weiter nach vorn zu kommen«.Zumindest verpaßte Ralf Waldmann die Gelegenheit nicht, die Hilfe des Teamkollegen mit herzlichen Worten zu würden. »Ich muß mich bei Jürgen bedanken - er hat mir ein Geschenk gemacht«, deklamierte Waldi. »Mein Motorrad war etwas schneller, dafür konnte er nach der Gegengeraden besser in die Kurve einbiegen. Im Zweifelsfall hätte ich am Schluß noch attackiert, doch so war es mir natürlich lieber.«Den Sturz Biaggis sah Waldi aus nächster Nähe. »Er kam von der Ideallinie ab und hatte einen mächtigen Slide, bevor er in der Wiese endete. Ich dachte nur: Hoffentlich kommt er nicht zurück«, schmunzelte Waldi. »Jetzt lastet der Druck noch härter auf ihm. Ich bin Vizeweltmeister und habe mehr erreicht denn je. Er hingegen ist der Titelverteidiger und muß beweisen, daß er drei Millionen Dollar Jahresgage wert ist. Ich bin viel billiger zu haben!«Wie billig, steht derzeit noch in den Sternen. Teamchef Dieter Stappert bestellte nach dem Barcelona-Grand Prix bereits eine neue Werksmaschine, setzt auf eine Kombination zweier gleichrangiger, bislang ungenannter Sponsoren und hofft, daß ihm die Herstellervereinigung GPMA die mit spitzer Feder aufgesetzte Rechnung nicht mit einer Streichung des Ersatzmaschinenverbots durchkreuzt.Ein Engagement Waldis im Docshop-Team mit Manager Stefan Prein ist dagegen kein Thema. Prein vermißte ehrliches Interesse, Waldi vermißte das versprochene Honorar für einen im Hemd des Docshop-Sponsors »Saini Herbal« absolvierten Fernsehauftritt.Jetzt verhandelt Prein mit HB 125-Star Dirk Raudies, der die technische Leitung des Docshop-Teams mit Nobby Ueda und sich selbst als Fahrer übernehmen könnte. Gern hätte Raudies in Brasilien, dem Land seines ersten GP-Siegs, seine Verhandlungsposition gestärkt, doch Weltmeister Haruchika Aoki und eine Handvoll anderer Piloten trumpften schon im Abschlußtraining mit Fabelzeiten auf. »Eigentlich hätte ich gern gewonnen. Aber wenn die alle so schnell fahren...« grübelte Raudies nach Rang zehn in der Qualifikation.Im Rennen lief es keinen Deut besser. Raudies war zwar nach einem Blitzstart Sechster, fiel dann aber allmählich wieder an die zehnte Position zurück. »Ich hatte keine Chance. Bei Halbgas in den vielen langgezogenen Kurven hat mein Motor gestottert und gekotzt. Ich habe gnadenlos Meter verloren«, berichtete Raudies.Auch Tex Geissler, Alleinvertreter des Marlboro Team Eckls nach den langwierigen Knieverletzungen, die sich Peter Öttl beim Catalunya-Grand Prix drei Wochen zuvor zugezogen hatte, kam nach zwei Trainingsstürzen nicht weit. Am Start blieb seine feuerrote Aprilia fast stehen, Geissler nahm als Allerletzter die Verfolgung auf, kam aber nicht mehr über Rang 16 hinaus.Der schmale Grat zwischen Detonationen und Überfettung bei der Vergaserabstimmung der Werks-Aprilias machte auch Masaki Tokudome zu schaffen. Angetreten, um Weltmeister Haruchika Aoki herauszufordern, mußte der Vorjahressieger von Rio klein beigeben.Denn der von Krankheiten und allen technischen Schwierigkeiten erholte Aoki demoralisierte die Gegner schon mit einer überlegenen Trainingsbestzeit nach Strich und Faden, zeigte dann trotz zwei langer Geraden auch im Rennen keine Scheu vor Windschattentricks, sondern ging frühzeitig in Führung und feierte am Ende souverän den zweiten Sieg der Saison. »Mein Motor war eigentlich immer schnell«, beteuerte Aoki nach einer Serie von fünf höchst durchschnittlichen Resultaten. »Einzig mit dem Fahrwerk hatten wir Schwierigkeiten. Doch hier hat alles wunderbar funktioniert«.Tokudome hielt sich anfangs zwar im Windschatten und fuhr tapfer mit, verlor ab Rennmitte aber den Anschluß an Aoki und den Spanier Emilio Alzamora und mußte sich mit Rang drei zufriedengeben. »Fahrwerksseitig hatte Honda hier einen Vorteil, ich bin das ganze Wochenende über schlimm gerutscht und über die Bodenwellen geeiert«, erklärte Tokudome. »Außerdem lief mein Motor nicht wie gewohnt, wahrscheinlich war die Vergaserbedüsung zu fett«.Hielt er sich mit Platz drei bei 23 Punkten Rückstand auf Aoki wenigstens eine theoretische WM-Chance offen, so stürzte United Grey-Star Tomomi Manako bereits in der fünften Runde aus allen Titelhoffnungen. »Aus der Traum«, meinte Cheftechniker Mario Rubatto. »Doch er kann nichts dafür - der Gasschieber ist hängengeblieben. Zum Glück ist ihm das nicht bei Tempo 200 am Ende der Geraden passiert...«Was man zuweilen aus unvorgesehenen Zwischenfällen erwirtschaften kann, demonstrierte der Meister aller Klassen. Michael Doohan führte im Halbliterlauf bis zur 16. Runde und wurde dann zum Opfer von Norifumi Abe, der mit dem Messer zwischen den Zähnen und wilden Vorderradrutschern Platz zwei im Training erbeutet und sich fürs Rennen den zweiten Sieg nach seinem Triumph in Suzuka zu Saisonbeginn vorgenommen hatte.Ein paar Ecken später liefen die beiden auf den Japaner Toshi Arakaki auf, der den verletzten Jean Pierre Jeandat im italienischen Paton-Team ersetzte, aber weitgehend als rollendes Verkehrshindernis umherkurvte und erst stürzte, als er die Rangordnung zwischen Abe und Doohan bereits durcheinandergebracht hatte. »Es ist mir schleierhaft, wie solche Leute, die kaum das Niveau für eine nationale Meisterschaft haben, einen GP-Start kriegen«, zeterte Doohan später.Denn kaum, daß er sich innen an dem überrundeten Arakaki vorbeigequetscht hatte, verpaßte Abe die Ideallinie. Der überraschte Doohan rauschte Abe um ein Haar ins Heck, nahm statt dessen aber einen Umweg über die Wiese und fand nach einer spektakulären Cross-Einlage auf die Strecke zurück.Alex Crivillé war lachender Dritter und führte eine Weile vor Abe und Doohan, doch der Weltmeister schlug auf beeindruckende Weise zurück. Mit Siebenmeilenstiefeln machte er erst Abe, dann Crivillé dingfest und buchte am Ende doch noch den achten Sieg der Saison. »Es war unglaublich«, sagte Doohan, und ähnliches sagte auch der drittplazierte Abe, wenn auch aus ganz anderen Gründen. »Als Mick und ich an dem Überrundeten vorbeifuhren, wär eich um ein Haar gestürzt. Das hat mich die Konzentration gekostet«, beteuerte Abe.
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Parc fermé (Archivversion)

OrganisationschaosKatastrophenohne EndeDas Chaos im Fahrerlager von Jacarepaguá war perfekt. Am Mittwoch überbrückten Elektriker leichtfertig eine durchgebrannte Hauptsicherung, worauf etliche Kabelstränge in den Boxen in sich zusammenschmolzen. 48 Stunden später schnitt der Chef der zuständigen Firma die Versorgungskabel für Fernsehen und Zeitnahme durch, worauf das erste Zeittraining der 125er nach einer Runde mit der roten Flagge unterbrochen wurde.Der Sabotageakt hatte finanzielle Gründe: Die Stadt Rio als Co-Sponsor, die die Installationskosten schon im letzten Jahr schuldig geblieben war, zahlte abermals nicht. Erst als DORNA-Chef Carmelo Ezpeleta mit einer Garantie für 400000 Mark einsprang, flammten die Monitore wieder auf. Ab Samstagnachmittag bis Sonntagmorgen waren dafür sämtliche Telefon- und Faxleitungen tot.Kurz vor Trainingsbeginn war das aus Stangen und Holzbrettern zusammengeschusterte Podium von einem Windstoß umgeblasen worden und hatte ein Ambulanzfahrzeug zertrümmert, dessen Insassen gerade eine Kaffeepause machten. Die IRTA-Leute Mike Trimby, Neill Bird und ihre Frauen Eilleen und Fiona waren schon bei der Anfahrt zur Strecke mit voller Wucht von hinten gerammt worden, weil sie den Fehler begingen, vor einer roten Ampel stehenzubleiben.Wenig später bekam Sicherheitschef Bird Arbeit mit einem jugendlichen Dieb, der die Geldbeutel im Zeitnahmebüro geplündert hatte. Weil die Polizei das gestohlene Geld nicht finden konnte, steckten sie den Kopf des Übeltäters kurzerhand in eine Kloschlüssel. Unmittelbar vor dem Ertrinken wurde der Ganove geständig: Er hatte die Scheine in Plastik aufgerollt und in den Darm geschoben.Abschreckende Wirkung hatten die Polizeimethoden nicht: In der Nacht zum Samstag wurden insgesamt sechs Computer aus vergitterten Boxen geklaut, zwei davon vom Ditter Plastic-Team.Daryl BeattieComebackgeplatztSuzuki-Star Daryl Beattie, dessen Comebackversuch schon drei Wochen zuvor in Barcelona scheiterte, gab nach dem 18. Platz im ersten Zeittraining von Rio endgültig auf und jettete am Samstagabend nach Australien, um sich von jenem Arzt operieren zu lassen, der auch seine offenen Wunden der am linken Fuß abgescherten Zehen zum Heilen gebracht hatte. Beim Röntgen hatten die Streckenärzte nämlich die Ursache der seit seinem Frankreich-Sturz andauernden Schmerzen im genagelten linken Handgelenk entdeckt: Ein abgesplittertes Stück Knochen, das orientierungslos im Gelenk umherwanderte. »Natürlich bin ich enttäuscht. Doch jetzt weiß ich wenigstens, was den Heilungsprozeß verzögert hat«, meinte Beattie und versprach erneut, 1997 topfit zurückzukehren.Gobert, RGV 250Suzuki-SensationenDer holländische Teamchef Arie Molenaar, der Haruchika Aoki vom Nobody zum Weltmeister machte und nun an Francesco Pileri verlor, plant die nächste Sensation. Zweieinhalb Jahre nach John Kocinskis unrühmlichem Abgang von Lucky Strike Suzuki will er die RGV 250 in den GP-Sport zurückbringen. Neben dem Japaner Noriyasu Numata, der mit der RGV 250 1995 japanischer Meister wurde, ist der Holländer Jürgen van den Goorbergh als Fahrer im Gespräch.Gleichzeitig sickerte ein Sensationstransfer durch, den Suzuki 500-Teamchef Garry Taylor vergebens zu dementieren versucht. Superbike-As Anthony Gobert, wie Scott Russell vor seinem Einstieg ins GP-Geschäft in Rob Muzzy´s Kawasaki-World Superbike-Team angestellt, hat einen GP-Halblitervertrag für 1996 in der Tasche. Der frustrierte Russell verhandelt weiterhin mit dem elf 500-Team von Michel Métraux, wo 500000 Dollar Gage zur Debatte stehen. Nach dem Australien-GP tritt er ebenso wie der von der Zusammenarbeit mit Honda enttäuschte Alexandre Barros in Eastern Creek zu Tests auf der elf 500 an.Alberto PuigDie nächsteOperationAlberto Puig, seit seinem Frankreich-Crash 1995 schwer angeschlagener Star im spanischen Team Fortuna Honda Pons, quälte sich in Rio durch sein letztes Rennen der Saison. Weil sein genagelter und verschraubter linker Unterschenkel seit Jahresbeginn entzündet ist und Puig mit zwei Gramm Antibiotika täglich mittlerweile auch seinen Magen ruinierte, begab er sich in die berühmte Mayo-Klinik in Rochester, New York, um nach bislang bereits zehn Eingriffen zur nächsten Operation anzutreten und sämtliches Metall aus den Knochen entfernen zu lassen. Wenn die Entzündung abgeklungen ist, soll ein Nerventransplantat wieder für Empfindungen in dem gefühllosen Unterschenkel sorgen, außerdem soll eine Fehlstellung im Knöchel korrigiert werden.Team PowerhorseCorser undCadaloraLuca Cadalora, erst zu Saisonbeginn auf Honda umgestiegen, kehrt als Teamkollege des GP-Einsteigers Troy Corser im Powerhorse-Team des Österreichers Alfred Inzinger zu Yamaha zurück. Cadalora selbst hält sich zwar noch bedeckt, doch erhielt das Gerücht Nahrung von Dunlop-Sprecher Jeremy Ferguson: Er ließ verlauten, die Rückkehr von Dunlop zu den V 4-Maschinen der Halbliterklasse sei mit einem Neueinsteigerteam in greifbarer Nähe gewesen, durch einen als Dunlop-Gegner wohlbekannten, kurzfristig ins Team gerückten italienischen Superstar aber wieder in weite Ferne gerückt.

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