Grand Prix compact (Archivversion)

Die texanische Rennlegende Kevin Schwantz war Zaungast beim französischen GP in Le Mans und sprach mit MOTORRAD-Reporter Friedemann Kirn über die Lage der Liga.

Kevin Schwantz, wie gefällt Ihnen die neue MotoGP-Klasse?
Insgesamt sind die Motorräder nicht viel anders als die alten 990er, mit viel Spitzenleistung, aber auch einem sehr breiten Leistungsband. Die Jungs können das Hinterrad am Kurvenausgang dank dieses Leistungsbands weiterhin kontrolliert am Durchdrehen halten, bis der kritische Punkt überwunden ist. So werden Highsider vermieden.
Auffallender ist, dass die neue Formel
einige andere Hersteller als bisher ins Rampenlicht gerückt hat. Suzuki ist einer davon. Ducati war schon mit der 990er gut und ist jetzt noch besser geworden. Ein verdientes Siegerpaket.
Was passierte mit dem alten Sieger, mit Nicky Hayden? Warum hat er so große Probleme?
Die vielen kleinen Probleme, welche die anderen Honda-Piloten haben, kommen bei ihm alle zusammen. Ein Beispiel: Dani Pedrosa ist kleiner und mag das
Gefühl für die Vorderpartie seines Motorrads nicht besonders. Nicky findet das Lenkverhalten auch nicht toll. Was hinzukommt, sind seine 20 Kilo Mehrgewicht: Die Maschine beschleunigt schlechter und hat wegen der zusätzlichen Masse ein kritischeres Brems- und Einbiegeverhalten. Alle Probleme treten bei Nicky wie unter einem Vergrößerungsglas zutage. Er kämpft mit den Reifen, mit der Lenkung, mit dem Feedback vom Vorderrad, mit der Leistung, also mindestens vier Dingen gleichzeitig, während Pedrosa
jeweils nur eine oder zwei Sorgen hat.
Was denken Sie über Haydens Hauptkritik, dass das Motorrad schlicht nicht
genug Power hat für seinen Fahrstil mit langen Hinterrad-Drifts?
Ich glaube nicht, dass Honda nicht genügend Leistung hätte, um das Hinterrad zum Durchdrehen zu bringen. Aber ich glaube, dass die viele Elektronik, die in den modernen Maschinen steckt, das Fahrverhalten zu sehr gezähmt hat. Mein Vorschlag deshalb: Schraubt die ganze Elektronik ab. Ich denke, das würde den echten Rennsport in diese Klasse zurückbringen und es wirklich sehr, sehr aufregend machen. Die Motorräder wären nicht so benutzerfreundlich, wie sie derzeit sind, und die Konkurrenz wäre nicht so eng wie jetzt im Qualifying. Dafür
würde es etwas von dem alten Gefühl
der Königsklasse zurückbringen. Es wäre wieder die alte Liga der Top-Elite.
Valentino Rossi ist einer dieser
Könner. Wie beurteilen Sie die derzeitige Situation des Italieners?
Rossi setzt sicher auf die nun beginnende Europa-Saison. Früher betrachtete auch ich die ersten Überseerennen als einen Saisonstart, bei dem es vor allem darum ging, keine Dummheiten zu machen. Mit Beginn der Europa-Saison fühlte ich mich stets viel wohler. Wir
hatten unsere Team-Trucks, die Hospitalities, die Motorhomes, alles war einfacher und leichter. Ich denke, dass sich Valentino ab jetzt ebenfalls viel mehr zu Hause fühlen wird. Er kämpft mit einer Tonne Enthusiasmus gegen einen jungen Wilden, der ihn viermal geschlagen und der ein sehr, sehr schnelles Motorrad zur Verfügung hat. Aber ich denke nicht, dass das Yamaha-Camp in Panik verfallen ist.
Ducati hat zusätzlich auch noch die beste Elektronik. Stoner kann trotz seines aggressiven Fahrstils sehr effizient aus den Kurven beschleunigen.
Nach dem, was ich hier in Le Mans im Trockenen gesehen habe, hat nicht Stoner, sondern Hopkins das beste Paket. Seine Suzuki funktioniert perfekt, fährt am flüssigsten, mit dem geringsten Aufwand für den Fahrer. Danach folgt Rossi. Stoners Motorrad bewegte sich hier dagegen viel mehr, als ich es kürzlich noch beobachtet habe. Es sieht aus, als ob er am Kämpfen ist. Doch obwohl er sichtlich Druck machen muss, kann er zehn Runden in hohem Tempo aneinanderreihen. Das macht einen guten Rennfahrer aus.

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