Grand Prix-Debüt (Archivversion) Barth ins Ungewisse

Neuland für Supersport-Meister Markus Barth: Auf einer 250er-Yamaha wurde er überraschend in den Grand Prix-Sport katapultiert.

Der Wechsel von seiner Superbike-Ducati auf die MuZ-Weber 500 kam dem Australier Anthony Gobert vor, als sei er von einem Sofa auf eine Hobelbank umgestiegen. Hart und brutal in jeder Hinsicht.Einen scheinbar noch krasseren Wechsel galt es kürzlich für MOTORRAD-Tester Markus Barth zu bewältigen. Lucas Oliver Bulto hatte sich bei einem Trainingssturz in Australien das Knie gebrochen, und das Pech des Spaniers bescherte dem 27-jährigen deutschen Supersport-Meister das Glück, seine brave, nur moderat getunte Serien-600er gegen eine jähzornige, kompromisslose Grand Prix-250er des Aral-Yamaha-Kurz-Teams tauschen zu können. Kurzfristig bei der Teamvereinigung IRTA als Bulto-Ersatz nominiert und ins nächste Flugzeug nach Südafrika gesetzt, begann eine Expedition ins Ungewisse - denn Barth hatte bis auf seine Moto Cross-Einsätze Ende der 80er Jahre noch nie einen Rennzweitakter bewegt. Zum Glück passte das Leder des nahezu gleich großen Bulto wie angegossen, denn selbst zum Schneidern einer neuen Kombi hatte es nicht gereicht. Noch knapper wurde die Zeit, als Barth im ersten freien Training auf der Welkom-Piste von einer gebrochenen Einlassmembran aufgehalten wurde. Der Schwabe aus Gerstetten bei Heidenheim kam erst in den letzten Minuten zu ein paar fliegenden Runden.Doch im ersten Zeittraining am Nachmittag sorgte Barth dann für eine Riesenüberraschung. Ohne die geringsten Eingewöhnungsschwierigkeiten(HA)düste er erfahrenen Kollegen wie dem Ex-Suzuki-Werkspiloten Johan Stigefelt auf einer Edo-Yamaha davon und qualifizierte sich auf Platz 22. Die ungewohnt harte Federung, der abrupte Einsatz des kreischenden Zweitakters, die extrem angewinkelte Sitzposition - nichts von alledem war dem gutgelaunten Grünschnabel auch nur die Erwähnung wert. »Das ist ja ein Spielzeug, so leicht ist das zu fahren”, freute er sich, nachdem er 17 Runden ohne eine einzige Schweißperle auf der Stirn absolviert hatte. »Das Einzige, was mir fehlt, ist die Motorbremse beim Runterschalten.« Vielleicht war Markus Barth beim Einbiegen in die Kurve deshalb so flott. »Der bremst genauso spät und energisch wie Tomomi Manako und ist beim Einbiegen zum Teil noch schneller. In der letzten Sektionszeit T 4 vor Start und Ziel, in der es nur auf die Kurvengeschwindigkeit ankommt, ist Markus so schnell wie Valentino Rossi”, staunte Teamkoordinator Erich Zürn beim Studium der Data Recording-Ausdrucke.Nur beim Beschleunigen am Kurvenausgang und auf dem Weg zum nächsten Bremspunkt verlor Barth Zeit. Das lag zum Teil daran, dass sein Motorrad viel zu lang auf nahezu 250 km/h übersetzt war, aber selbst im Windschatten nur 215 km/h erreichte. »Beim Topspeed fehlen mir im Vergleich zu den besten Werksmaschinen 15 km/h. Im Kopf habe ich locker noch drei, vier Sekunden”, stellte Barth selbstbewusst fest. Doch während Teamkollege Manako seine Position bis kurz vor Ende der Qualifikation verteidigen konnte und als Fünfter immer noch das beste Trainingsresultat seiner 250-cm³-Karriere erbeutete, wurde Neuling Barth am Samstag in Technikprobleme verstrickt. »Heute morgen habe ich die Maschine fünf Runden eingefahren, kam zu einem Check an die Box und wollte dann Manako hinterherfahren. Eine halbe Runde später ging der Motor fest. Und im Abschlusstraining war ich schon 18. und kam zum letzten Reifenwechsel an die Box, worauf meine Mechaniker etwas an der Federung verdreht haben. Leider in die falsche Richtung”, schilderte er seinen Weg zum 23. Startplatz. Während Manako im Rennen lange beherzt in der Spitzengruppe mitfuhr und nur wegen zu weicher Reifen am Ende auf Platz zwölf abrutschte, drehte Barths Motor lediglich bis 12 000/min. Statt ins Mittelfeld vorzustoßen, fuhr der Debütant aussichtslos hinterher und beendete das Rennen auf Platz 20. »Ich bin echt enttäuscht. So lange ich Motorrad fahre, hat mich noch nie jemand überrundet - das ist bitter”, biss sich Barth auf die Unterlippe.Doch zumindest hatte er sein erstes Grand Prix-Wochenende trotz aller Widrigkeiten sturzfrei hinter sich gebracht und sein Team vom eigenen Talent überzeugt, so dass er für den nächsten Lauf in Rio de Janeiro zum nächsten Versuch eingeladen wurde.Und abermals setzte sich Barth mit seinen Kurvenkünsten in Szene. Im verregneten Training des ersten Tages lag er bis eine Minute vor Schluss an 15. Stelle, und das, obwohl er den einzigen Satz Regenreifen schon am Vormittag strapaziert hatte. »Es gab eine Sektion, da war ich sogar schneller als Waldi«, freute sich der GP-Neuling. »Nur wo´s geradeaus geht, verlor ich Zeit.«Auf der Nelson Piquet-Rennstrecke geht es lange geradeaus. Satte 1,1 Kilometer misst die Gegengerade. Weil sein Motorrad dort nur Tempo 231 erreichte und der nächstlangsamsten Maschine um fünf und der schnellsten um 28 km/h hinterherhinkte, blieb Barth im Abschlusstraining chancenlos und musste sich mit dem deprimierenden 25. und letzten Platz abfinden. Trotzdem biss sich der Schwabe tags darauf auch wieder durchs Rennen und fuhr erst an die Box, als der kränkelnde Motor zwei Runden vor Schluss auch noch zu vibrieren begann. Wenigstens blieb ihm diesmal die Überrundung erspart.

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