Grand Prix der Stadt Imola/I––––– (Archivversion)

Original und Fälschung–––––

Mick Doohan demonstrierte beim Imola-Grand Prix die alte Überlegenheit - und holte im Kampf mit WM-Leader Max Biaggi auch verbal zum Gegenschlag aus.

Niederlagen mit demagogischen Klimmzügen in Siege zu verwandeln ist normalerweise Politikern vor der Wahl vorbehalten. Mick Doohan bewies vor dem 500er Grand Prix in Imola ein ähnliches Geschick und nutzte die drei Ausfälle des bisherigen Saisonverlaufs zu einem Seitenhieb auf seinen WM-Rivalen. »Für Max Biaggi besteht die Weltmeisterschaft aus 15 Rennen, für mich nur aus zwölf«, erinnerte er an den Ausritt und Motorschaden in Suzuka, an den Lenkerbruch und Sturz beim Nahkampf in Madrid und an den selbstverschuldeten Sturz übers Vorderrad in Brünn. »Wenn er so gut wäre, wie er tut, hätte er längst eine Hypothek auf die Weltmeisterschaft. Doch der Kampf um den Titel ist immer noch völlig offen - trotz meiner Niederlagen«, verwies der Australier. Denn Doohan hat auch noch seine guten Tage, an denen er mit enormer Kraft und unglaublicher Präzision zuschlägt - wie beim Rennen in Imola. Jeder Widerstand war zwecklos. Max Biaggi wunderte sich schon im Warm Up am Sonntag vormittag, wie locker Doohan Rundenzeiten unter 1.50 Minuten auf den Asphalt legte. Im Rennen war der Weltmeister zunächst Dritter, rückte dem führenden Max Biaggi aber unaufhaltsam näher. In Runde vier, eingangs der »Variante alta«, fügte sich der Römer dann dem Unvermeidlichen.Doohan machte mit gleichem Nachdruck weiter, zog ohne jeden Zwischenfall auf gut sechs Sekunden zum fünften Saisonsieg davon und katapultierte sich wieder auf Rang zwei der WM. Biaggi fiel zwei Runden nach Doohans Überholmanöver auch noch hinter Alex Crivillé zurück, leistete sich auf dem Weg zum dritten Platz einen Ausritt in der unteren Schikane und tröstete sich, einen Sturz vermieden und die wenn auch knappe WM-Führung behalten zu haben. »Ich habe dafür bezahlt, daß wir das Motorrad auf eine geringe Tankfüllung hin abgestimmt haben. Ich mußte bis nach Rennmitte warten, bis ich mein eigenes Motorrad wiedererkannte und bis die Federung wieder vernünftig funktionierte« erklärte Biaggi. »In der neunten Runde habe ich eingangs der Variante bassa zuviel riskiert, bin weggerutscht und mußte aufrichten. Es war die sicherste Lösung, auch wenn ich geradeaus durch den Kies mußte. Denn stürzen wollte ich bei meinem Heim-GP auf keinen Fall. Der Rest des Rennens war ein Kinderspiel. Ich drehte die schnellste Runde, um Barros abzuhängen, und wenn das Rennen noch zwei Runden gedauert hätte, hätte ich auch Crivillé wieder erwischt.« Auch Doohan ist allerdings nicht um Ausreden verlegen. Bislang war keine Entschuldigung eines Fahrers so haarsträubend wie die des Weltmeisters, der nach seinem Ausritt in Japan behauptet hatte, der wegen des Mehrverbrauchs durch das neue Bleifreibenzin zusätzlich getankte Kraftstoff habe seine Gabel durchschlagen lassen. Aber das Eigenlob und die blumigen, bisweilen rätselhaft formulierten Ausflüchte von Max Biaggi bringen ihn trotzdem auf die Palme. »Max hat ein großes Maul und jammert ununterbrochen. Dafür, wieviel er heult, müßte er nächstes Jahr von Kleenex gesponsert werden«, lästerte Doohan. Weil Biaggi andauernd behauptet, Doohans Werksmaschine sei besser als sein eigenes Leasing-Motorrad, hatte der kantige, nicht sonderlich um Diplomatie bemühte Australier schon am Samstag die Geduld verloren. »Biaggi ist als Fahrer stark, doch als Person eine Fälschung - aus Plastik«, schalt er den so ehrgeizig um Originalität bemühten Römer. »Er denkt zuviel an seine Wirkung in der Öffentlichkeit und schmachtet vor Selbstliebe. Er ist besessen davon, sich als Held in Szene zu setzen, ist in Wirklichkeit aber unsicher. Deshalb sucht er nach Entschuldigungen und erfindet Legenden wie mein besseres Motorrad, nur um sich als stärker darzustellen, als er tatsächlich ist. Ich habe viel Respekt für ihn verloren und muß lachen, wenn ich mir seine Diskurse anhöre - er verhält sich wie ein Kind«, rechnete Doohan ab. Der kleingewachsene Biaggi, der sich bei den Rennen mit langbeinigen Filmschönheiten umgibt, dem seichten Luxusleben des internationalen Jet-Sets frönt und den disziplinierten Athleten Doohan schon vor Monaten als Langweiler verspottete, wischte die Vorwürfe seines Rivalen vom Tisch. »Doohan benimmt sich wie Capirossi, der mich immer dann, wenn er mich auf der Strecke nicht besiegen konnte, mit Dingen attackierte, über die die Leute nicht Bescheid wußten. Ich habe seine Erklärungen nicht einmal gelesen. Sie interessieren mich auch nicht«, kommentierte er. Alex Crivillé kommt das Psychoduell der beiden Multi-Weltmeister wie gerufen. In den letzten Jahren wurde Crivillé oft selbst zur Zielscheibe von Doohans Kritik, weil er es gewagt hatte, den Weltmeister bis zur letzten Runde im Windschatten zu verfolgen und dann mit Schlußangriffen zu ärgern. Derzeit geht der stille Spanier unbehelligt seinem Handwerk nach und hofft, als lachender Dritter von den Zwistigkeiten zwischen Doohan und Biaggi zu profitieren. »Ich wurde im Getümmel der ersten Kurve aufgehalten. Als ich Biaggi erwischt hatte, war Doohan über alle Berge. Ich habe ihn trotzdem gejagt und dabei ein paar Fehler gemacht«, berichtete Crivillé. »Dennoch bin ich zufrieden, denn wir sind alle drei in Schlagweite des Titels. Die Nummer eins ist das einzige, was mich interessiert, denn alle anderen Ziffern hatte ich schon auf der Verkleidung.« Daß irgendein anderer Star das Triumvirat Biaggi, Doohan und Crivillé durcheinanderbringen könnte, die vier Rennen vor Saisonschluß innerhalb von nur sieben Punkten liegen, ist mittlerweile so gut wie ausgeschlossen. Wegen der vielen kräftezehrenden Richtungswechsel der Imola-Piste litt Carlos Checa unter Nachwirkungen seiner Milzoperation, hatte Schmerzen im Unterleib und wurde nur Zehnter. Statt in der Tabelle nach oben zu schielen, muß er sich gegen Alex Barros absichern, der nach einem Zusammenstoß mit Okada und Abe zu einer Aufholjagd blies und noch Platz vier eroberte. Jean-Michel Bayle kommt außerhalb der Titelkonkurrenz in Schwung, erschreckte die Gegnerschaft mit der Trainingsbestzeit und fuhr als bester Yamaha-Pilot auf Platz fünf. Die Außenseiter können von solchen Achtungserfolgen derzeit nur träumen. MuZ-Pilot Eskil Suter war wegen einer Virusinfektion angeschlagen, hielt bis Rennmitte an zwölfter Stelle mit und fuhr sieben Runden vor Schluß nach einem Beinahe-Sturz vor Erschöpfung an die Box. Dafür hielten die neuen Mk 2-Modelle von Modenas bis Rennende durch und bescherten ihren Reitern WM-Punkte. Kenny Roberts junior erwischte einen Blitzstart und war nach einer Runde Fünfter, wurde aber wegen PS-Mangel nach hinten durchgereicht und endete als 14. Umgekehrt lief es bei seinem Teamkollegen: Ralf Waldmann vermasselte den Start, war nach einer Runde 19. und hangelte sich noch auf Platz 15.
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250er––––– (Archivversion)

Valentino Rossi fuhr bei den 250ern überlegen voraus - und WM-Leader Tetsuya Harada fuhr gleich mehrmals ins Desaster.
Tetsuya Harada wurde im Training durch einen Highsider abgeworfen, verhedderte sich mit dem linken Bein unter seiner Aprilia und trug einen Schienbeinbruch direkt über dem Sprunggelenk sowie eine Wadenverletzung davon. Während manche Beobachter an das Saisonende des in der WM führenden Japaners glaubten, sorgte Grand Prix-Arzt Claudio Costa für eines seiner bisweilen kaum zu fassenden Wunder: Harada ging am Sonntag an den Start, fiel mit hustendem Motor ins hintere Mittelfeld zurück und machte sich an die Aufholjagd, als sei nie etwas geschehen. Dritter in Runde vier, Zweiter in Runde neun, zoomte er sich sogar an seinen führenden Aprilia-Teamkollegen Valentino Rossi heran, zahlte sechs Runden vor Schluß dann aber doch seiner Verletzung Tribut: Weil er zunehmend Schwierigkeiten hatte, die Gänge zu sortieren, stürzte Harada in der unteren Schikane erneut. Doch der kämpferische Japaner gab immer noch nicht auf, sondern stellte seine angekratzte Maschine wieder auf die Räder und wurde noch Zehnter. »Ich hatte einen riesigen Energieschub. Keine Ahnung, wo ich die Kraft hernahm«, schilderte Harada. Valentino Rossi, der Haupthaar und seine Maschine in die italienischen Nationalfarben getaucht hatte, feierte einen unangefochtenen Sieg vor Lokalmatador Loris Capirossi. Marcellino Lucchi, Vertreter des immer noch verletzten Jürgen Fuchs, war bereits in der zweiten Runde gestürzt. Statt des Aprilia-Testfahrers machte Stefano Perugini ein italienisches Podium perfekt, obwohl der Motor seiner Castrol-Honda trotz des neuen Kühlsystems immer noch zu heiß wurde und nach wenigen Runden an Leistung verlor.

125er––––– (Archivversion)

Die 125er Stars Tomomi Manako und Marco Melandri hätte man bei der Zieldurchfahrt mit einem Handtuch zudecken können.
Manako und Melandri fuhren dem Feld um über acht Sekunden davon. Die beiden Honda-Stars hätten ihre Verfolger noch deutlicher distanzieren können, hielten sich aber mit taktischen Scharmützeln auf. Vor der letzten Durchfahrt der unteren Schikane, wenige hundert Meter vom Zielstrich, riskierte Melandri einen Angriff. Verwegen bremste sich der italienische Teenager neben Manako und schob sein Vorderrad an der schwarzen UGT-Honda vorbei. Doch der Japaner schlug ebenso kaltblütig zurück: Weil Melandri seinen Tempoüberschuß auf einer ungünstigen Linie abbauen mußte, konnte Manako früher beschleunigen und erreichte das Ziel um acht Hundertstelsekunden vor der blauen Benetton-Maschine. »Genial«, freute sich Teamchef Mario Rubatto. »Dem Team sei Dank - meine Maschine war bis zum Schluß perfekt«, revanchierte sich sein von insgesamt drei technischen Ausfällen aus dem Titelkampf geworfener Schützling. Masao Azumas dritter Platz machte das Honda-Aufgebot an der Spitze perfekt und ließ den Vorsprung von WM-Leader Kazuto Sakata auf 40 Punkte schrumpfen, worauf der Aprilia-Star die übliche Weltuntergangsstimmung verbreitete und mehr PS forderte. Aprilia ist durch das ständige Wehklagen bereits so genervt, daß Sakatas Job trotz des WM-Titels zur Debatte steht. Jammert Sakata aus Prinzip, so hatte Youichi Ui ein echtes Problem. Zwei Kolbenklemmer und ein Kolbenringbruch warfen ihn im einzigen Trockentraining auf Startplatz 24 zurück, worauf Konstrukteur Harald Bartol einen Fertigungsfehler ausmachte und bei einem Zulieferer in Bologna neue Zylinder besorgte. Im Rennen kämpfte sich Ui heldenhaft auf Rang sechs, war aber längst nicht zufrieden. »Ich will auf Yamaha siegen - wenigstens einmal«, meinte Ui. So ehrgeizig wie Ui legte sich auch Steve Jenkner ins Zeug und stieß nach dem Start schnell an die achte Stelle vor. Doch schon in der ersten Runde übertrieb er das Risiko, ritt durchs Kiesbett und war einsames Schlußlicht. Bis zum Ziel kämpfte er sich noch auf Platz 14 vor.

Grand Prix Imola/I (Archivversion)

Luca und MuZJetztin Rio?Der kuriose Verhandlungsmarathon zwischen MuZ und Luca Cadalora geht in die nächste Runde. Der Italiener sagte den geplanten Einsatz auf der MuZ 500 für den nächsten Grand Prix in Barcelona ab, weil die Honda-Teams dort mehrmals getestet haben und er nur geringe Erfolgschancen sieht. Jetzt ist ein Einsatz in Rio de Janeiro im Gespräch. Jürgen Fuchs erreichte dort 1997 auf der Vorgängermaschine elf 500 Rang sechs - und Luca Cadalora fuhr mit der Red Bull-Yamaha als Zweiter aufs Podest.Bartol, UiAlles zuDerbiDas Comeback von Derbi scheint perfekt: Der Italiener Giampiero Sacchi unterschrieb als Teamdirektor, Harald Bartol wird Technik-Chef. Dabei bringt er nicht nur seinen ursprünglich für das Yamaha-Aral-Team entwickelten und nun von Teamchef Hermann Kurz an Derbi verkauften neuen Motor mit, sondern auch Fahrer Youichi Ui. »Derbi wäre ein Spanier oder Italiener lieber. Doch ich brauche einen Könner, mit dem ich ein neues Motorrad entwickeln kann. Ui hat das Zeug dazu«, erklärte Bartol. Geplant ist, den vorhandenen Membranmotor in den Rennen einzusetzen, gleichzeitig aber eine Drehschiebervariante zu entwickeln. Das Chassis soll Antonio Cobas bauen.Zu Suzuki?Kennywill wegKenny Roberts jr. hat genug davon, mit der Modenas KR 3 hinterherzufahren, will 1998 eine Vierzylindermaschine und hat gute Chancen, bei Suzuki unterzukommen. Daß er dem Team seines Vaters den Rücken kehrt schürt Vermutungen, Kenny Roberts sr. könne seinen bislang chancenlosen Rennstall zum Jahresende zusperren. Ralf Waldmanns Suche nach Alternativen läuft deshalb auf Hochtouren: Yamaha-Teamchef Hermann Kurz lockt mit einer 1998er YZR 500, Docshop-Aprilia mit einem lukrativen 250er Vertrag, außerdem testete Waldi unverbindlich das Kawasaki-Superbike von Harald Eckl - und war auf dem kleinen Kurs in Assen nur um Hundertstelsekunden langsamer als Kawa-Star Akira Yanagawa (siehe Seite 160).Pons, RaineyKrieg derTeamchefsManolo Burrillo, Teammanager und rechte Hand von MoviStar-Honda-Boß Sito Pons, versetzte Yamaha-Teamchef Wayne Rainey in einem offenen Brief in der spanischen Zeitschrift »Solo Moto« eine Serie von Tiefschlägen. Rainey, so Burrillo, wolle das Pons-Team destabilisieren, habe Carlos Checa mit seiner Yamaha-Offerte verunsichert und trage deshalb die Schuld an dessen schwerem Sturz in England. »Als Teamchef ist Rainey ein von Neid getriebener Verlierer, der seit seinen ersten Verhandlungen mit Mick Doohan die Preise treibt und dem die Fahrer trotzdem in Scharen davongelaufen sind«, blieb er auch in Imola bei seinem Standpunkt. Der so Gescholtene war fassungslos. »So etwas wird nicht ohne Rücksprache veröffentlicht«, kommentierte Rainey, »deshalb ist Sito Pons für mich der Autor. Ich bin überrascht, daß eine Zeitung solche Lügenmärchen druckt.«Takuma AokiNoch keineBesserungTakuma Aoki, seit seinem Vorsaison-Sturz auf einer Honda-Teststrecke in Japan von der Hüfte abwärts gelähmt, kam erstmals seit seinem Unfall wieder in ein Grand Prix-Fahrerlager und unterhielt sich dort auch mit seinem Leidensgenossen Wayne Rainey. »Anfangs vertraute ich auf die Wirkung spezieller Heilkräuter, doch es nützte nichts. Derzeit werde ich täglich mit Akupunktur und Handauflegen behandelt. Ich gebe die Hoffnung nicht auf«, schilderte der mittlere der drei berühmten Aoki-Brüder.

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