Grand Prix Deutschland auf dem Nürburgring (Archivversion) Jacque attaque

Olivier Jacques Schlußattacke brachte das 250er Spitzenquartett am Ring gehörig durcheinander - und Ralf Waldmann doch noch auf Rang drei. Den gleichen Platz feierte Tex Geissler bei den 125ern.

Ralf Waldmann schien die Qualifikation locker im Griff zu haben. Erst Sekunden vor dem Abwinken entriß Olivier Jacque dem großen Star des Deutschland-Grand Prix doch noch die Pole Position in der 250-cm3-Klasse. Tags darauf schlug der Franzose schon wieder zu, und diesmal war es nicht die letzte Trainings-, sondern die letzte Rennrunde, in der er das Geschehen durcheinanderwirbelte. Doch anders als in Österreich, wo der tolldreiste Schlußangriff des frechen Franzosen eine demütigende Niederlage für Waldmann bedeutet hatte, traf sie diesmal Max Biaggi - und war somit eine Art indirekter Wiedergutmachung. Denn Waldi, schon beim vorangegangenen WM-Lauf in Imola wegen eines zu schnell nachlassenden Hinterreifens um den möglichen Sieg gebracht, hatte die Hoffnung, seinen Erzrivalen Max Biaggi beim Heim-Grand Prix aus eigener Kraft schlagen zu können, im Grunde schon aufgegeben. Bis sieben Runden vor Schluß spielte er im dichten, spannenden Gedränge der vier weltbesten 250er Piloten die Hauptrolle, fiel dann aber wieder wegen eines lästig ratternden und rutschenden Hinterrads auf Rang vier zurück. In der letzten Runde war Waldi Dritter vor Tetsuya Harada. Der führende Biaggi hatte mit Olivier Jacque am Hinterrad bereits einen kleinen Abstand gewonnen, als sein Verfolger im Endspurt mit einem seiner berüchtigten Spätbremsmanöver in die umgebaute Schikane hineinwackelte. Jacque schob sich mit Erfolg an Biaggi vorbei, hatte aber beim Einlenken einen Hinterradslide, der ihn selbst wie auch Biaggi zum Aufrichten zwang und eine Menge Speed kostete. Der schlaue Harada flitzte an dem Schlamassel innen vorbei und gewann vor Jacque. Waldi war zwar auf einer ungünstigeren Linie und nahm den langen Weg außen vorbei, sicherte sich aber immerhin Rang drei - und damit die Genugtuung, Biaggi geschlagen und in der WM-Wertung wieder aufgeholt zu haben. »Das war Glück«, strahlte Waldi nach dem Herzschlagfinale. »Dank der Konfusion, die Jacque verursacht hat, bin ich Dritter statt Vierter geworden. Auch Platz zwei wäre möglich gewesen, allerdings konnte ich wegen meines Fahrwerks nicht mehr ordentlich beschleunigen. Doch Hauptsache, die Weltmeisterschaft ist wieder völlig offen!« Das freute vor allem auch Tetsuya Harada, der mit seinem Überaschungssieg ebenfalls bis auf sieben Punkte an Biaggi heranrückte. »Ich rechnete damit, daß in der letzten Runde noch etwas passieren würde. Deshalb wartete ich ab. Doch eine derartige Lücke zu finden, war kein cleverer Schachzug - es war einfach nur Glück«, wies der Japaner alle Komplimente bescheiden zurück. Einfach nur von Pech zu reden, war dem großen Verlierer nicht dramatisch genug. »Ich bin schwarz vor Wut«, zürnte Max Biaggi. Obwohl er wegen immer schlimmer werdener Fahrwerkssorgen mit der Zweitmaschine ausrückte, fuhr sich der Weltmeister immer besser warm und legte einen tollen Schlußspurt hin, nur um ein paar Meter vor dem Ziel um die Früchte seiner Arbeit geprellt zu werden. »Am entscheidenden Punkt vor der Schikane habe ich extraspät gebremst, denn wer hier vorne ist, bleibt es normalerweise bis ins Ziel. Ich kapiere nicht, was in Jacques Kopf herumspukte, als er ein so unmögliches Manöver anzettelte. Als er plötzlich neben mir auftauchte und die einzig vorhandene Linie blockierte, mußte ich voll in die Bremsen, um im Sattel zu bleiben. Das ist doch keine Art, ein Rennen zu fahren!«, explodierte Max. Der Gescholtene selbst nahm die Aktion auf die leichte Schulter. Er gab zwar zu, er sei ein Risiko eingegangen, das sich nicht ganz bezahlt gemacht hatte. »Doch trotzdem war es ein lustiges Rennen. Als wir zu viert nebeneinander auf die Zielinie zugesaust sind, hatte ich soviel Spaß, daß ich unter dem Helm grinsen mußte«, erzählte Jacque unschuldig. Nichts zu lachen am Ring hatte Peter Öttl. Das ganze Jahr schon von Rückschlägen gebeutelt, verpaßte der deutsche 125er Pilot auch den Deutschland-Grand Prix und mußte zusehen, wie Teamkollege Tex Geissler auf seinem Motorrad dem größten Erfolg seiner Karriere entgegensteuerte. »Aldrovandi und ich - wir sind die großen Verlierer dieses Wochenendes«, murmelte Fernsehzuschauer Öttl bestürzt. Pierluigi Aldrovandi, Öttls Cheftechniker im italienisch geführten UGT 3000-Team Aprilia, hatte seinen Posten nach dem Imola-Grand Prix wegen überfälliger Gehaltszahlungen und einer Ersatzteilkrise geräumt und war zu Jorge Martínez übergelaufen.Öttl outete sich am Dienstagabend. Von einer Pressekonferenz in Köln, wo er Journalisten das teaminterne Desaster mit einem schlechtlaufenden Motorrad sowie Teile- und Personalmangel beschrieben hatte, mit Wohnmobil und Eltern am Nürburgring angekommen, schwang er sich zu seinem täglichen Fitnesstraining aufs Mountain Bike, raste in einer dunklen Tunnelunterführung aber geradewegs in eine gespannte Kette. »Draußen schien die Sonne, und ich hatte meine getönte Fahrradbrille auf. Es hat mich ohne Vorwarnung erwischt«, schilderte der Pechvogel. Mit schweren Oberschenkelprellungen und einer klaffenden Platzwunde an der rechten Schläfe schleppte er sich blutüberströmt zu ein paar Touristen, die ihn ins Fahrerlager zurückchauffierten. Ein Start stand im ersten Schock nicht mehr zur Diskussion, weshalb Teambesitzer Ralf Schindler seinen DM-Nachwuchspiloten Benny Jerzenbeck auf die Reise schickte, um den bereits zuvor bewährten Ringtausch mit dem Aprilia-erfahrenen Tex Geissler auf Öttls Maschine und Jerzenbeck auf Geisslers Honda-Production Racer vorzunehmen. Am Donnerstag abend fühlte sich Öttl allerdings wieder fit genug für einen Start - zu spät, denn die Meldefrist für einen erneuten Fahrertausch war bereits verstrichen. Ohne allzu große Hoffnungen schwang sich Geissler auf die Öttl-Maschine, stellte aber alsbald mit Genugtuung fest, daß sie nach der Umrüstung von Michelin- auf die gewohnten Dunlop-Reifen perfekt funktionierte und auch vom Leistungsmangel der letzten Rennen nichts zu spüren war. Nahezu spielerisch erreichte er hinter Martínez Platz drei im Abschlußtraining. Im verregneten ersten Rennen des Sonntags zirkelte Geissler seine Aprilia dann schon wieder auf Rang drei - bei einem Sturzfestival, in dessen Verlauf nicht weniger als elf Konkurrenten die Gewalt über ihre Maschinen verloren. »Das ist das beste Grand Prix-Resultat meiner Karriere, und es hier vor eigenem Publikum feiern zu können, ist ein unglaubliches Erlebnis. Ich bin überglücklich!« strahlte er nach seinem Überraschungscoup in Dutzenden von Interviews. Einer der ersten, die in den Untiefen strandeten, war Geisslers Teamkollege Tomomi Manako. Vom Start weg wirbelte er als erster durch die Gischt, wurde dann von seinem Teamkollegen Kazuto Sakata gestellt, hängte sich zu ehrgeizig in dessen Windschatten und stürzte eingangs der dritten Runde im Castrol-S. Doch auch der japanische UGT 3000-Star hatte kein Glück. Cool hatte sich Sakata einen Zehn-Sekunden-Vorsprung aufgebaut, den auch der von hinten anmarschierende Mega-Star Valentino Rossi nicht mehr hätte vernichten können. Zur Dunlop-Kehre rollte Sakata in der 16. Runde jedoch plötzlich mit totem Motor bergab - Zündkerze gebrochen. Rossi gewann wenig später vor Katoh und Geissler, und UGT 3000-Besitzer Ralf Schindler wußte nicht, ob das nun der Triumph oder die Niederlage des Jahres war - denn eigentlich, so Schindler, »war das Podium heute für die UGT 3000-Fahrer reserviert«.Ein Wechselbad der Gefühle war auch die Entscheidung über die zukünftige Konstellation im Team. Schindler wollte die Werks-Aprilia weder dem Überraschungsdritten Tex Geissler noch seinem Vertragspartner Peter Öttl vorenthalten und ließ sich für sein Entscheidung bis zum Mittwoch nach dem Rennen Zeit. Dann schickte er Öttl, der im letzten Jahr mehrfach Gehirnerschütterungen erlitt und auch bei den Stürzen in dieser Saison immer wieder mit dem Helm aufschlug, »aus Sorge über seine ständigen Verletzungen« in Urlaub. »Herr Schindler und der italienische Teammanager Stefano Cappanera haben diese Entscheidung gemeinsam getroffen. Ich wäre beim nächsten Rennen in Rio gefahren«, erklärte Peter Öttl und enthielt sich weiterer Kommentare.Viel zu sagen hatte auch der enttäuschte Luca Cadalora nicht. Dank einem Magnesium-Motorgehäuse, das seine Yamaha agiler und handlicher machte, brauste Luca Cadalora zwar als Erster am Start davon, überforderte bei seinem Blitzkrieg aber die harte Reifenmischung und ging in der zweiten Runde spektakulär zu Boden. Mit dem frühen Sturz des Vorjahressiegers war die Hoffnung auf etwas Farbe in der allmählich langweilig werdenden Einmann-Show von Quick Mick verflogen. Zunächst erbte zwar Tadayuki Okada die Führung und zog seinen Verfolgern auf mindestens 200 Meter davon. »Doch die Japaner haben zuviel Respekt. Okada könnte auch einen Kilometer Vorsprung haben - sowie Doohan näherrückt, schrumpft seine Moral so, wie wenn du einen Luftballon anpiekst«, verglich Rennbeobachter Wayne Rainey. Und genauso geschah es. So wie Doohan am wenig später gestürzten Checa vorbei auf Platz zwei gerückt war, schmolz Okadas Vorsprung in Rekordgeschwindigkeit in sich zusammen. Ab Runde zwölf herrschte die gewohnte Rangordnung; Doohan gewann, Okada und der stark fahrende Takuma Aoki auf der Zweizylindermaschine machten das Repsol-Trio auf dem Podest komplett. Aprilia-Star Doriano Romboni sicherte sich nach mutiger Aufholjagd einen feinen fünften Platz. Die beiden Modenas-Maschinen von Kenny Roberts waren nach überraschend starkem Training hingegen schon früh von der Bildfläche verschwunden: Bei Jean-Michel Bayle ging die Kurbelwelle, bei Roberts junior der Generator kaputt.

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