Grand Prix Deutschland auf dem Sachsenring (Archivversion) Der Kunde ist König

Die Leasingkunden Alex Barros und Valentino Rossi stahlen dem 500er-Honda-Werksteam auf dem Sachsenring die Show. Auch Klaus Nöhles schnitt bei den 250ern besser als sein prominenter Teamkollege ab.

Kenny Roberts überholte Loris Capirossi in einer Linkskurve und drängte ihn dabei so brutal nach außen, dass der Italiener auf die Wiese musste und beim Halbliter-Grand-Prix am Sachsenring vom dritten auf den sechsten Platz zurückfiel. »Warum hat er sich nicht eine Stelle gesucht, an der es mehr Platz gibt? Das werde ich ihm heimzahlen”, knirschte Capirossi.Sein Manager Carlo Pernat konnte sich auch Stunden später noch nicht beruhigen. »Warum hat Kenny das nur gemacht?” ging er wild gestikulierend auf Suzuki-Teammanager Garry Taylor zu. Denn Kennys Verweis, er habe die Punkte gebraucht und sei im Übrigen froh, dass Capirossi nicht zu Fall gekommen ist, war eine dürftige Erklärung.Die wahre Antwort für Kennys überhitzten Auftritt heißt Alex Barros und Valentino Rossi. Quasi aus dem Nichts stürmten die beiden Südländer mit ihren vom Werk geleasten Honda an die Weltspitze, und beim Sachsenring-Grand-Prix wurden die ehemaligen Außenseiter zu Angstgegnern, bei denen WM-Leader Roberts immer wieder schwitzend hochrechnet, ob sein 38-Punkte-Vorsprung bis zum Saisonende reichen wird. Denn der Honda-Power hat Suzuki derzeit nichts entgegenzusetzen. »Ich kann meine Gegner ausbremsen. Aber nicht, wenn ich am Ende der Geraden 25 Motorradlängen zurückliege”, brummte Roberts. Die Zylinder seines V4-Motors stehen zu dicht beieinander, um großzügige Kanäle für optimale Frischgaszufuhr unterzubringen. Ein modernes Triebwerk ist freilich schon lange in Vorbereitung – zu lange, wie Roberts findet, der sich außerdem darüber ärgert, dass für Anfang August anberaumten Tests kurzfristig abgesagt wurden.Vom WM-Zweiten Carlos Checa hat er wenig zu befürchten. Das steife Yamaha-Fahrwerk vermittelt zu wenig Gefühl fürs Vorderrad und beantwortet jeden Fehler mit abrupten Gegenreaktionen. »Und im Regen funktioniert das Motorrad schon gar nicht”, fügte der von einem schlimmen Trainingssturz gebeutelte Spanier hinzu. »Für Suzuki war der Umstieg von Showa zu Öhlins letztes Jahr der Schlüssel zum Erfolg, aber nur, weil deren Cheftechniker Warren Willing genau wusste, welche Teile er brauchte. Wir verwenden auch Öhlins-Federelemente, doch am Set-up hin- und herzudrehen reicht nicht aus. Die Impulse müssen vom Werk kommen.”Max Biaggi, der seine Misserfolge seit Saisonbeginn als lückenlose Pechsträhne herunterbeten kann, bläst ins gleiche Horn – und gibt sich gleichzeitig redlich Mühe, die Glanzleistungen seiner Erzfeinde in ein schaleres Licht zu stellen. »Rossi scheffelt Podestplätze, weil er ganz klar das beste Team zur Verfügung hat. Wenn ich mir seine Erfolgskurve so anschaue, frage ich mich, ob Mick Doohan wirklich so gut war – oder ob er seine fünf Titel nur wegen dieses Teams gewann”, teilte Biaggi mal wieder Seitenhiebe aus.Natürlich weiß der Italiener, dass jedes Team nur so gut ist wie sein Fahrer. So ist die Repsol-Truppe um Gilles Bigot, Hondas offizielles 500er-Werksteam, die gleiche wie im letzten Jahr, doch Weltmeister Alex Crivillé hat völlig den Faden verloren. »Am Freitag haben wir eines der Motorräder besonders hart und das andere besonders weich abgestimmt. Alex erklärte, sie wären beide okay. Was sollen wir da noch machen?” fragte sich der belgische Teamchef. Der 13. Platz im Training war ein Tiefpunkt, nach dem Crivillé freimütig eingeräumt hatte, die dürftigen Rundenzeiten seien nur ihm selbst zuzuschreiben.Verkrampft und lustlos kämpft er mit dem Erfolgsdruck und seiner Maschine, und in seinem Umfeld gibt es niemanden, der den scheuen, übersensiblen Spanier physisch und psychisch wieder auf Trab bringen kann. Dabei ist der Sieger am Sachsenring das beste Beispiel, wie richtige Betreuung Wunder wirken kann: Mehr als zehn Jahre fuhr Alex Barros schon in der Halbliterklasse hinterher, als er im Frühjahr den zweifachen Taekwondo-Weltmeister Rodolfo Hernandez kennenlernte.In wenigen Wochen machte der Venezolaner aus dem freundlichen Mittelklassepiloten einen eisenharten Kämpfer: Hernandez setzte Barros auf eine fettarme Spezialdiät. Sorgfältig abgestimmt ist auch das Körpertraining vor jedem Rennen, bei dem Hernandez sogar zwischen Kraftausdauer für kurvige Strecken wie den Sachsenring und Explosivkraft für schnelle Strecken wie Assen mit harten Bremsmanövern, aber auch Ruhephasen auf langen Geraden unterscheidet. Vor allem jedoch stärkte er mit mentalem Training den Siegeswillen des Brasilianers. So wird Barros auf der Strecke mit geheimnisvollen Farbtafeln zum Angriff stimuliert, und ablenkende Einflüsse von außen hält Hernandez von seinem Schützling so weit wie möglich fern – sogar Barros’ hübsche brasilianische Frau wurde aus dem Fahrerlager verbannt.Ist Barros’ Werdegang zum Siegertypen noch nachvollziehbar, so bleibt Valentino Rossi das »fenomeno”, als das er in Italien gefeiert wird. In der Nacht zum Freitag wurde der erkältete 500er-Neuling noch von Fieber bis zu 40 Grad geschüttelt, so dass er morgens um sechs Grand-Prix-Arzt Claudio Costa anrief und sich an den Tropf hängen ließ. Ungerührt fuhr er nachmittags zur vorläufigen Trainingsbestzeit.Tags darauf im Abschlusstraining hatte er einen Highsider, bei dem er meterhoch durch die Luft gewirbelt wurde, schwer auf dem Rücken aufschlug und benommen von der Piste torkelte. Kaum auf eine Rettungsliege befördert, stand Rossi freilich schon wieder auf und sprintete zu seiner Ersatzmaschine.Im Rennen bewies er zum dritten Mal Nehmerqualitäten. Just in jenem Augenblick, als die Startampel umsprang, langte der vorzeitig losgezuckte Rossi noch einmal in die Bremse und fiel ans Ende des Feldes zurück. Unverzagt machte er sich auf die Socken und übernahm nach einer verwegenen Aufholjagd für drei Runden die Führung. Dass er den Endspurt gegen Barros verlor, störte seine Fans nicht im Geringsten – Rossi wurde von den 72 000 Zuschauern auf den Tribünen in jeder Runde begeistert gefeiert.Ein ähnliches Durchhaltevermögen bewies überraschenderweise Luca Cadalora. Weil das Experiment mit dem übergewichtigen Anthony Gobert auf der filigranen Dreizylindermaschine schief ging, versuchte Modenas-Teambesitzer Kenny Roberts sein Glück mit dem italienischen Altstar, der im Vorjahr auf MZ einen Startplatz in der ersten Reihe erbeutet hatte. Im Abschlusstraining schlug sich Cadalora bei einem Highspeed-Crash jedoch alle Knochen wund, so dass er am Sonntag kaum gehen konnte. Trotzdem biss er die Zähne zusammen und brachte als Vorletzter die Renndistanz hinter sich.Vielleicht hatte er sich ein Beispiel an Ralf Waldmann genommen, der niemals aufgibt, laut einem Spruchband der Fans »kämpft wie ein Germane” und nach dem 250er-Rennen in der Tagespresse als das Stehaufmännchen des deutschen Zweiradrennsports gefeiert wurde. In der ersten Kurve vom übereifrigen Spanier Fonsi Nieto ins Kiesbett torpediert, fuhr Waldi als Allerletzter weiter und leistete sich eine Runde später an der gleichen Stelle voll Zorn den nächsten Verbremser. »Ich wollte es mit Gewalt versuchen”, gab er zu. »Doch dann habe ich mich gefangen. Platz acht ist nicht schlecht dafür, dass man hier kaum überholen kann. Vor allem Anthony West war schwer zu schlagen – doch am Schluss habe ich ihn weich gekriegt.”Der Jubel bei seiner Aufholjagd muss wie Balsam gewesen sein, denn am Vortag hatte ihm sein eigener Teamkollege die Show gestohlen. Während Waldi in der zweiten Startreihe feststeckte und feixte, sein Alter habe ihn wohl von einer schnellen Risikorunde abgehalten, glühte Nöhles auf Startplatz vier und war noch Stunden später von Journalisten umringt. »Nach Ennepetal muss man sich jetzt Nettetal merken – ein schöner Ort mit netten Leuten an der holländischen Grenze”, ließ der 23-Jährige launig wissen. »Hier am Sachsenring macht das Fahren unheimlich Spaß, ich bin permanent am Driften. Vor allen in der neuen schnellen Linkskurve gebe ich richtig Zunder – und kann auf die Yamahas von Nakano und Jacque 20, 30 Meter gutmachen.”Im Rennen hielt er dem Erwartungsdruck stand und bugsierte seine Semi-Werks-Aprilia auf den fünfen Platz, sein bislang bestes Grand-Prix-Resultat. So aufzudrehen wie Sieger Olivier Jacque ist freilich noch Zukunftsmusik: Der Franzose prügelte seine Yamaha über drei Zehntelsekunden pro Runde schneller um den engen, kurvenreichen Kurs als der flotteste Halbliterpilot und schüttelte Tohru Ukawa mit Lässigkeit aus dem Windschatten.Bei den 250ern ist Jacque damit so klarer WM-Favorit wie Youichi Ui bei den 125ern. Wie Jacque mit Ukawa ging der kleine Japaner mit den Aprilia-Stars Roberto Locatelli und Simone Sanna um und feierte den dritten Sieg hintereinander.Nur aus dem erhofften Podestplatz für Steve Jenkner wurde nichts. Wegen Mangel an Hinterradgrip und wegen des Erfolgsdrucks beim Heimspiel sackte der Lokalmatador auf den 25. Trainingsplatz ab, wurde durch einen Massensturz in der ersten Rennrunde aber an die siebte Stelle nach vorn gespült. Mit frisch erwachtem Ehrgeiz kämpfte sich Jenkner auf Platz fünf, hatte dann jedoch einen Rutscher und ratterte durch die Wiese. Am Ende blieb ein versöhnlicher zehnter Platz.Wenn schon nicht in den GP-Klassen, so gab es doch immerhin Podest-Plätze deutscher Fahrer im Rahmenprogramm. Zum ersten Mal gastierte der BMW-Boxer-Cup in Deutschland, mit Ex-Endurance-Weltmeister Stéphane Mertens als Sieger, MOTORRAD-Mitarbeiter Markus Barth auf Platz zwei und Eurosport-Kommentator Jürgen Fuchs auf Platz drei.Der Boxer-Cup, 1999 auf Initiative der französischen und belgischen BMW-Zweirad-Chefs Jean-Michel Cavret und Raoul de Frangh entstanden, tritt dieses Jahr dreimal im Rahmenprogramm bei der Endurance-WM an. Und dank guter Kontakte zwischen GP-Veranstalter Dorna und Berthold Hauser, in der Münchener Zentrale für die Rallye-Dakar-Einsätze verantwortlich, brummen die R 1100 S auch dreimal bei den Grand Prix mit. So spektakulär, dass im Pressezentrum selbst eingefleischte Zweitakt-Berichterstatter den Laptop zur Seite schoben, um zu schauen, was da draußen die Strecke und Fans zum Beben brachte.

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