Grand Prix Deutschland auf dem Sachsenring (Archivversion) Runde Sache

Fünf namhafte Halbliter-Stars fuhren geradewegs ins Kiesbett. Doch für Sieger Kenny Roberts, WM-Leader Alex Crivillé und 62200 begeisterte Zuschauer wurde der Grand Prix auf dem kurvigen Sachsenring zur runden Sache.

»I love you all« rief Luca Cadalora, breitete die Arme aus, und die Fans in der brechend vollen Karthalle des Sachsenrings kreischten vor Begeisterung.Der Michael Jackson des Motorsports gab sich die Ehre. Scheu, mimosenhaft und zerbrechlich wie eine Porzellanpuppe hatte er sich nach den letzten Rückschlägen aus der Öffentlichkeit geduckt. Jetzt, beim deutschen Grand Prix, schwebte er bei der von MOTORRAD-Redakteuren moderierten Fahrerpräsentation im Moonwalk über die Bühne, und genauso einzigartig tanzte er im Training übers enge Parkett der 3,5-Kilometer-Strecke.Möglich wurde Cadaloras Comeback auf der MuZ-Weber 500, weil der Neuseeländer Simon Crafar an der Michelin-Bereifung der Maschine gescheitert war und nach den eher ernüchternden Fahrversuchen in Donington das Handtuch warf. Weil er keine Alternative hatte, fuhr Rolf Biland in der Woche nach dem England-Grand Prix zum großzügig renovierten italienischen Landsitz Cadaloras, um in der Seele des alternden Stars nach Restspuren von Motivation zu suchen.Daß er gleich »einen ganz neuen Luca« fand, zählt zu den unerklärbaren Wundern des Showbusiness. Die in Assen angeknackste Rippe auskuriert und von der Familie umsorgt, strotzte Cadalora plötzlich vor Ehrgeiz, der Konkurrenz eine Lektion zu erteilen, und das ausgerechnet am Sachsenring, der nur sechs Sekunden Vollgas zuließ und auf dem er noch nie zuvor gefahren war.Doch nach wenigen Proberunden hatte er mit dem Kurvengeschlängel bereits innige Freundschaft geschlossen. »Es macht Spaß, hier zu fahren. Die Piste erinnert mich an die alten Strecken wie Maggione in Oberitalien, auf denen ich meine ersten Rennen gefahren bin. Das muß so ungefähr 20 Jahre her sein«, feixte Cadalora.Und wo er schon mal im richtigen Rhythmus war, komponierte er gleich noch die passende Melodie dazu. »Der Motor hat Leistung im Überfluß, setzt aber immer noch zu abrupt ein. Wir könnten es verantworten, ein paar PS zu opfern, wenn wir dafür eine flachere Leistungskurve bekämen«, überlegte er und schlug dem Team vor, es mit weniger hohen Überströmkanälen zu versuchen.Wenger ließ die Auspuffanlagen um drei Millimeter verlängern, die Zylinder um 0,3 Millimeter kürzen und die Zylinderköpfe entsprechend ausdrehen. Die Maßnahme wurde zum Volltreffer: Mit einem Aufwand von, so Luca Cadalora, »5000 Lire und einer Stunde Arbeit« hatte die MuZ plötzlich jene Leistungscharakterisitk, die sich der Italiener »seit drei Monaten gewünscht« hatte.Begeistert glühte er auf den dritten Trainingsplatz und gab den andrängenden Journalisten die köstlichsten Antworten auf die Frage, warum er mal schnell, mal langsam war, mal durch Engagement überzeugte und dann aus heiterem Himmel wieder durch Abwesenheit glänzte. »Von einem großen Künstler kannst du auch nicht erwarten, daß er jedesmal ein perfektes Bild produziert«, lachte er.Die Welt war wieder in schönster Ordnung, und die Stimmung erreichte ihren Höhepunkt, als Landesvater »König Kurt« Biedenkopf dem Star am Startplatz auf die Schulter klopfte und anmerkte, dieses großartige Team sei aus der Region nicht mehr wegzudenken.Doch leider war der King of Pop am Ende wieder nur der Operettenkönig. Perfekt gestartet, klebte Cadalora bis zur zweiten Runde am Hinterrad von Norick Abe, gab in einer schnellen Bergab-Linkskurve aber dann doch etwas zuviel Gas und beerdigte seine MuZ-Weber vor 62200 fassungslosen Zuschauern. »Als ich ihn stürzen sah, galt für mich nur noch eins: Die zweite Maschine heil ins Ziel zu bringen«, kommentierte Teamkollege Jürgen van den Goorbergh nach der Fahrt auf Rang zwölf. »Für mich ist das Wichtigste, daß Cadalora Biß und Speed gezeigt hat. Wenn ein Fahrer im Kampf um die Spitze stürzt, geht das absolut in Ordnung«, fand Rolf Biland.Immerhin war Cadalora mit seinem Mißgeschick in illustrer Gesellschaft, denn schon in der ersten Runde hatte es seinen Freund Max Biaggi erwischt. Der Yamaha-Star bog an fünfter Stelle zu schnell in die letzte Doppel-Linkskurve vor Start und Ziel ein und rutschte ins Kiesbett. »Ich weiß nicht, warum das passierte, bin aber sauer, daß ich das angestellt habe«, ging er kleinlaut mit sich selbst ins Gericht. »Wir hatten die goldrichtigen Reifen gewählt - das Rennen wäre zur Spazierfahrt geworden«, bemerkte Cheftechniker Mike Sinclair.Der Rückschlag traf Biaggi zu einem ungünstigen Moment. Carlos Checa war ihm im Training davongefahren, worauf Max seinem Ärger über die ewigen Probleme mit der Werks-Yamaha Luft machte und polterte, die Maschine seines Teamkollegen sei in Kurven stabiler als die eigene. »Max soll mehr Gas geben, dann stabilisiert sich das Fahrwerk schon«, konterte Checa, der zwei Trainingsstürze ungerührt wegsteckte und in der Qualifikation wie im Rennen wie ein wilder Stier Platz vier erbeutete.Zu Rennmitte war Tadayuki Okada an Checa vorbeigedüst, verlor aber kaum zwei Runden später das Gleichgewicht und damit auch den Anschluß in der WM-Wertung. »Ich habe zuviel Druck gemacht und das Vorderrad überfordert. Es ist ein Jammer, denn ich fühlte mich wohl im Sattel und hätte am Ende bestimmt mit um den Sieg gekämpft«, zürnte der Honda-Werkspilot.Nicht minder jäh wurde der energische Vorwärtsdrang von Alexandre Barros gestoppt. Bei einem Angriff auf den führenden Kenny Roberts bog der Brasilianer zu schnell in eine Linkskurve ein. Roberts stach innen in die Lücke, beim Herausbeschleunigen war das Hinterrad der Werks-Suzuki im Weg des MoviStar-Honda-Vorderrads. Barros stürzte, fuhr noch auf Platz acht weiter und war beleidigt. »Ich war klar schneller und hatte das Rennen in de Tasche. Ich werde mit Kennys Manöver für zukünftige Begegnungen merken«, schimpfte der Brasilianer. »Ich war auf der Innenspur und hatte damit die Vorfahrt«, hakte Roberts das Thema ab.Für den langen Rest des Rennens wurde Roberts von Alex Crivillé belästigt, verteidigte sich gegen die Vorstöße des Spaniers jedoch mit einer perfekten Fahrt. »Hart bremsen, am richtigen Punkt beschleunigen und trotz nachlassender Reifen auch in der Kurvenmitte nicht den Schwung verlieren«, lautete Kennys Erfolgsrezept. »Ich mache mir trotz dieses Sieges keine Illusionen. Wir haben auch weiterhin zuwenig Beschleunigung und Topspeed, auf dieser engen Strecke hat sich das nur weniger ausgewirkt. Doch es kommen auch wieder schnellere Pisten«, war sich Roberts im klaren.Mit seiner magischen Anziehungskraft hatte das Sachsenring-Kiesbett insgesamt fünf namhafte Piloten verschluckt, und der in der WM-Wertung klar führende Alex Crivillé brauchte eigentlich gar nichts anderes zu machen, als fest im Sattel sitzen zu bleiben. »Roberts zu überholen, wäre ein zu großes Risiko gewesen. Nach fünf Siegen brauche ich wohl niemandem zu beweisen, daß ich Rennen gewinnen kann«, erklärte der spanische WM-Leader, warum er den Suzuki-Star so auffällig in Ruhe ließ.Im Training hatte sich das Team mit der Federung derart verrannt, daß man am Sonntag auf die Abstimmung des Vorjahres zurückgriff. »Ich habe meine Leute zwischen Warm-Up und Rennen noch nie so besorgt gesehen. Doch das Motorrad hat wunderbar funktioniert«, strahlte Crivillé.Freilich tat auch der WM-Leader alles für den Erfolg: Beim Üben perfekter Starts, auf der engen Sachsen-Piste besonders entscheidend, verbrannte Crivillé nicht weniger als vier Kupplungen.

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