Grand Prix Deutschland auf dem Sachsenring (Archivversion) Helden der Arbeit

Wer auf dem Sachsenring gewinnt, ist Superman, sagte Max Biaggi. Doch Helden gab es im anstrengenden Halbliterrennen gleich mehrere.

Dreimal fuhr Michael Doohan während der Trainingstage ins Kiesbett, und als er dann noch lästerte, die Strecke sei hervorragend für nationale Nachwuchswettbewerbe, aber eines Halbliter-Grand Prix nicht würdig, stand er ein viertes Mal im Abseits.Denn von den Knirpsen, die vor den riesigen Steve Jenkner-Billboards ihre Fäuste reckten, bis zu Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf, der für das Unternehmen Sachsenring-GP zehn Millionen Mark lockergemacht hatte und sich am Renntag die Ehre gab, waren sich über 64 000 Fans einig in ihrer Begeisterung für den Sachsenring, die auch die meisten Fahrer über ihre Nöte mit dem engen Streckenverlauf hinwegtrug. Vor allem Ralf Waldmann. »Klar, daß manche Piloten schneller Vierzylindermaschinen am liebsten auf einem Salzsee antreten würden. Denn dieser Kurs ist eine der letzten echten Fahrerstrecken dieser Welt. Hier kannst du ruhig 50 PS weniger haben - wenn du mit deinem Motorrad umgehen kannst, bist du genauso schnell!« Und Ralf Waldmann konnte mit seinem Motorrad umgehen. Gleich in der ersten 500er Qualifikation ging er mit seiner Dreizylinder-Modenas in Führung und behauptete sich auch nach dem Gegenangriff der Vierzylinder-Piloten mit dem vierten Platz. Daß er im Abschlußtraining auf Rang elf zurückrutschte, war ein Tribut an die Schwellung und die zunehmenden Schmerzen im rechten Handgelenk, das er bei seinem Trainingssturz in Assen verletzt hatte. »Die Sehne über dem angerissenen Knochen tut mir beim Bremsen und Festhalten des Lenkers mit der Daumenbeuge sehr weh. Deshalb bin ich in Donington nicht gefahren, und wenn es nicht das Rennen am Sachsenring wäre, hätte ich auch bei diesem Grand Prix ausgesetzt.« Doch Waldi ist ein Haudegen, der weiß, was er seinen Fans schuldig ist. Wo immer er auftauchte, wurde er von Anhängern fast erdrückt. Nachdem ihm einer der Autogrammjäger dann noch mit dem Helm gegen die schmerzende Hand geschlagen hatte, zog er es vor, sich bei Rollerfahrten durch die Menschenmengen mit einer Sturmhaube und besonders schmalen Sehschlitzen zu tarnen. Mit dick bandagiertem Handgelenk ging er ins Rennen, war zunächst Elfter und gewann die erste Position durch den Sturz von Norick Abe, der bereits in der sechsten Runde übers Vorderrad ins Kiesbett rutschte. Fünf Runden später wurde Donington-Sieger Simon Crafar vom Glück verlassen und trennte sich ebenso mit einem Vorderradrutscher vom zweiten Platz. Waldi, der sich etwa zeitgleich am Honda-V2-Piloten Jürgen van der Goorbergh vorbeikämpfte, war damit Achter. Als Sete Gibernau kurz vor Schluß wegen eines verschlissenen Hinterreifens aufgab, rückte Waldi an die siebte Stelle vor und wurde für seine Schmerzen nach dem Zieleinlauf mit unbeschreiblichem Jubel belohnt. Nach einer langen Ehrenrunde mit wehendem Deutschland-Wimpel gönnte er sich und den Zuschauern einen Burn-out, und weil er auch dann noch weiterfeiern wollte, hüpfte er bei der Rückkehr zur Box auf die Boxenmauer, um noch einmal mit gereckten Fäusten zum Triumphgeheul anzusetzen. Dabei hatte er nicht einmal mehr genügend Kraft in der lädierten rechten Hand, um sich den linken Handschuh auszuziehen. »Es wäre besser gegangen, wenn ich gesund gewesen wäre. Aber ich habe die Zähne zusammengebissen«, hielt er fest. »Zwei Dinge haben mir das Leben leichter gemacht: die geheime Traktionskontrolle, die das Team in den letzten zwei Jahren entwickelte, und die Begeisterung der großartigen Zuschauer. Nach dem heutigen Tag kommen im nächsten Jahr noch mehr Fans - hundertprozentig!« Denn die Zuschauer bekamen noch mehr zu sehen als Waldis tapferen Auftritt. Teamkollege Kenny Roberts, der die Modenas KR 3 sensationell auf den zweiten Startplatz gestellt hatte, focht bis zum letzten Renndrittel mit Alex Crivillé um Platz vier. Erst dann fiel er wegen »alptraumhaften Vorderradratterns« auf Rang sechs zurück, stellte damit aber trotzdem noch das beste Resultat in der knapp zweijährigen Geschichte des Motorrads sicher. Dennoch blieb es bei Achtungserfolgen für die leichtgewichtige Konkurrenz der Drei- und Zweizylindermaschinen, denn auch bei einem Durchschnittstempo von nur knapp über 140 km/h in dem Kurvenlabyrinth wurde die Welt der besten und abgebrühtesten Halbliter-Stars mit ihren 200-PS-Vierzylinderraketen nicht aus den Angeln gehoben.Für den gestürzten Crafar sprang der mutige Red Bull-Yamaha-Teamkollege Regis Laconi als Fünfter in die Bresche. Alex Crivillé kämpfte Alexandre Barros nieder, wurde Dritter und glänzte abermals durch seine Beständigkeit. Doch an das Niveau der beiden Weltstars an der Spitze des Rennens vermochte niemand heranzureichen. »Nach meinem Geschmack könnten wir von jetzt an überall auf neuen Rennstrecken antreten«, grinste Max Biaggi nach seinen Bestzeiten an beiden Trainingstagen. »Ich war überzeugt, daß ich mich in Szene setzen kann, wenn wir auf einer neuen Piste fahren, wo keiner einen Erfahrungsvorsprung ausspielen kann. Die Rundenzeiten geben mir recht.« Der Kurvenkünstler genoß das Fahren auf dem Sachsenring und nannte es einen großen Spaß - wenn auch einen anstrengenden. »Wer hier gewinnt, ist Superman«, meinte Biaggi vor dem Rennen. Daß es am Ende nur zum zweiten Platz reichte, war für Supermax freilich kein Grund zu Selbstzweifeln. »Ich fühle mich nicht als Besiegter. Wegen des wärmeren Wetters entschied ich mich für einen härteren Vorderreifen. Mit vollem Tank fühlte sich die Maschine jedoch unsicherer an als im Training, deshalb bin ich in der Anfangsphase für eine Weile auf den dritten Platz zurückgefallen. Danach waren meine Rundenzeiten wieder konkurrenzfähig und teilweise schneller als die von Mick - doch leider war der bereits über alle Berge.« Der Weltmeister verschaffte sich auf seine eigene Weise Respekt. Trotz zweier Ausritte im Abschlußtraining wegen etwas zu engagierter Vorderreifentests und trotz seines Widerwillens gegen die Strecke setzte sich Doohan kaltblütig durch. »Wir hatten eine Menge Schwierigkeiten im Training. Noch auf dem Startplatz haben wir nochmals an der Einstellung der Vordergabel gedreht«, erklärte Mick. »Mit vollem Tank funktionierte auch mein Motorrad schlecht, deshalb hat mich Barros für drei Runden gestellt. Doch ich schaffte es wieder, in Führung zu gehen und Biaggi davonzufahren. Zwischendurch holte er wieder auf - aber ich war sorgsam darauf bedacht, ihn stets mit drei Sekunden auf Distanz zu halten.« Die MuZ 500 flitzte mit etwas größerem Rückstand als 13. über die Ziellinie, dennoch stand auch deren Pilot Eskil Suter im Rampenlicht. Am Startplatz wurde der 31jährige Schweizer von Sachsens Landesvater Kurt Biedenkopf mit Handschlag begrüßt, auf seiner Ehrenrunde wurde er von den Fans stürmisch gefeiert, im Team erntete er anerkennendes Schulterklopfen. »Ein großartiges Wochenende. Das gibt uns Auftrieb für die Zukunft«, formulierte MuZ-Geschäftsführer Petr-Karel Korous nach drei technisch störungsfreien Tagen. Steht Suter trotz der für den amerikanischen Ex-Superbike-Star Mike Hale anberaumten Tests in Le Castellet auch für Brünn als Fahrer fest, so verpaßte Wild Card-Pilot Jörg Schöllhorn die einzige Chance seines Lebens, einmal einen Grand Prix zu fahren. In seiner ganzen Karriere niemals verletzt, erlebte der 34jährige ausgerechnet zwei Wochen vor dem Sachenring-GP beim DM-Lauf am Nürburgring einen »massiven Highsider«. Leider versagten die konsultierten Mediziner - erst Grand Prix-Arzt Claudio Costa entdeckte die Brüche, die Schöllhorn anhaltende Schmerzen im linken Fuß bescherten. Darauf zog er seine Nennung zurück.

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