Grand Prix Deutschland Nürburgring: Bericht (Archivversion) Schachmax

Der Sonntagmorgen am Nürburgring war kühl, und Giacomo Agostini hatte seine alte MV Agusta aufbrüllen lassen, um den 30000 fröstelnden Fans auf den Tribünen das Herz zu erwärmen.Jetzt hatte er Feierabend und spazierte unruhig in der Bar des Streckenhotels hin und her, wo das 250 -cm3-Rennen über eine Monitorwand flimmerte und Max Biaggi hartnäckig die Spitze verteidigte.Erst im Endspurt fiel der Weltmeister zurück, und als Biaggi schließlich als Vierter die Ziellinie querte, spielte ein triumphierendes Lächeln um Agos Mundwinkel. 17mal hintereinander hatte Max Biaggi auf dem Siegerpodest gestanden, doch nun war die Serie gerissen, und der alte Rekord von Ago selbst, der in der Glanzzeit seiner Karriere bei 22 Rennen hintereinander das Podest erobert hatte, besteht weiter - womöglich bis in alle Ewigkeit. »Jetzt kann Ago ruhig schlafen«, meinte Biaggi abgekämpft und immer noch gezeichnet von der schweren Hüftprellung, die er bei seinem Trainingssturz in Assen davongetragen hatte. »Während eines Rennwochenendes haben die Fahrer soviel Adrenalin im Blut, daß sie ihre Schmerzen überspielen können. Erst in den Tagen danach trifft es sie mit voller Wucht«, erklärte Grand Prix-Arzt Claudio Costa die Formschwäche des italienischen Superstars, der im verregneten Freitagstraining nur Platz 14 erzielt hatte und immer wieder neue Schmerzmittel forderte. Die Konkurrenz war dagegen obenauf. Ralf Waldmann strotzte nach seinem Sieg in Assen vor Zuversicht und bewies sich als souveräner Allwetterfahrer, weil er im nassen Freitagstraining ebenso wie tags darauf im trockenen Abschlußtraining die schnellste Runde vorlegte. Spannender machte es sein Teamkollege Jürgen Fuchs. Am Freitag war er sensationell Zweiter hinter Waldi, weil er sich die bei solchen Verhältnissen nützliche Verwendung der Hinterradbremse antrainiert hatte.Im Abschlußtraining stürzte er jedoch gleich in der ersten Runde und zog sich Hüftprellungen und Hautabschürfungen zu. Die Streckenposten richteten seine gelbe Honda wieder auf, Fuchs knatterte mit einem Auspuff über die Rettungsstraße an die Box zurück, wo die Mechaniker in Rekordzeit Auspuff, Fußrastenplatten, Kühler, Bremshebel, Gasgriff und Verkleidung austauschten und Fuchs zwölf Minuten vor Schluß wieder auf die Reise schickten. Wenig später hielt Gattin Tini ein »P 2«-Schild heraus, worauf Fuchs jubelnd wie nach einem Sieg in die Boxengasse zurückkehrte. Doch kurz darauf folgte der nächste Schock: Weil Fuchs wie etliche andere Fahrer ausgangs der Schikane eine Abkürzung über die Bordsteine genommen hatte, wurde ihm seine schnellste Zeit aberkannt. Der HB-Pilot zierte als 32. den Schluß der Rangliste, worauf Teamchef Dieter Stappert mit der Rennleitung Fraktur redete und erreichte, daß der fragliche Teil der Schikane hochoffiziell als Teil der Strecke anerkannt wurde. Fuchs erhielt Startplatz fünf. Und bewies im Rennen, daß er zu recht an die Spitze gehörte. In der ersten Doppelkurve stach er in der letzten Runde Max Biaggi aus und behielt auch die Nerven, als der Weltmeister in der Schikane kurz vor dem Ziel zu kontern versuchte. »Das war eine harte Aktion. Er hat sich reingezwängt, und ich bin voll durch den Dreck geschossen«, berichtete Fuchs. Der Bayer feierte als Dritter den zweiten Podestplatz seiner GP-Karriere, und mit ihm segelte das ganze HB-Team auf einer Woge des Glücks, weil Ralf Waldmann wie in Assen ein perfektes Rennen hingezaubert und den zweiten Saisonsieg geschafft hatte. »Jedesmal, wenn ich in Führung ging, habe ich den Applaus des Publikums gehört. Danke, Jungs«, rief Waldi auf dem Podest und schüttelte kämpferisch die Faust, weil er auch in der Weltmeisterschaftswertung plötzlich wieder Morgenluft verspürte. »In der 22. Runde habe ich einen neuen Rekord aufgestellt. Das zeigt, daß mein Motorrad perfekt abgestimmt war und ich auch mit der Reifenwahl supergut gelegen habe«, erklärte er. »Es konnte gar nicht besser laufen. Ich habe als erster Deutscher einen GP hier auf dem neuen Nürburgring gewonnen und wieder ein paar Pünktchen auf Biaggi gutgemacht. Bei sechs ausstehenden Rennen ist noch alles drin, glaube ich!« So kühn der Traum vom Titel auch scheinen mag, die Vize-Weltmeisterschaft hat Waldi schon sicher in der Hand, falls ihn keine Verletzungen wie der Schlüsselbeinbruch zu Saisonbeginn mehr zurückwerfen. Denn Tetsuya Harada erlebte abermals ein rabenschwarzes Wochenende. Nach einem Sturz im Abschlußtraining in die fünfte Startreihe zurückgeworfen, plagte er sich im Rennen mit Aussetzern und gab in der 18. Runde an aussichtsloser zwölfter Stelle auf. »Das Motorrad lief nur noch auf einem Zylinder. Vielleicht war es ein Zündkabel oder so etwas«, vermutete der Yamaha-Star. Statt Harada schaffte endlich der mutige Olivier Jacque den verdienten Sprung aufs Podest. Nach einem Blitzstart zwei Runden lang in Führung, behauptete er sich mit seiner elf-Chesterfield-Honda unerschrocken in der Spitzengruppe und querte am Ende in Waldis Windschatten als Zweiter die Ziellinie. »Auf diesen Erfolg habe ich lange gewartet. Jetzt kann ich es mir leisten, von einem Sieg zu träumen«, atmete Jacque nach den Stürzen in Assen und Frankreich auf. Noch länger war die Pechsträhne von Masaki Tokudome gewesen, der in der 125er Klasse dreimal hintereinander aus der Pole Position gestartet und jeweils an kleinen Materialdefekten gescheitert war. Am Nürburgring stürzte er in beiden Zeittrainings und verpaßte die vierte Trainingsbestzeit, dafür kam im Rennen die ersehnte Wende. Eine Runde brauchte er, um Weltmeister Haruchika Aoki von der Spitze zu vertreiben, dann spielte er Flaggschiff in einer Formation von acht Werksmaschinen, die in dichter Symmetrie zusammenblieben. Stefano Perugini fuhr Tokudome vier Runden vor Schluß vor den Bug, doch im Endspurt zog der Japaner nochmals alle Register, konterte eingangs der Schikane und machte danach alle Luken dicht, wobei er sich der direkten Linie über die Bordsteine bediente. »Während des Trainings und der meisten Rennrunden bin ich in der Schikane stets ordentlich auf der Strecke geblieben. Erst in den letzten beiden Runden bin ich wie Perugini geradeaus über die Kerbs gerattert. Doch es hat sich bewährt«, schmunzelte Tokudome, nachdem er Teambesitzer Rolf-Peter Ditter auf dem Podium kräftig mit Champagner abgeduscht hatte. Peter Öttl hätte ihm den Triumph um Haaresbreite noch verdorben. Kaum von seinem Assen-Sturz erholt, wurde der Aprilia Deutschland-Star im nassen Nürburgring-Training von Andrea Ballerini aus dem Sattel torpediert und schlug abermals hart mit dem Kopf auf. Öttl erreichte nur den 23. Startplatz, wirkte krank und demoralisiert, war aber dennoch bis spätabends auf den Beinen, um seinen Sponsorverpflichtungen nachzukommen. »Ein furchtbarer Mensch«, seufzte sein sorgenvoller Vater, der ihn am liebsten im Krankenbett gesehen hätte. Statt dessen zeigte Öttl im Rennen wieder einmal, aus welchem Holz er geschnitzt ist. Mit einer seiner zornigen Aufholjagden mischte er das halbe Feld auf und griff in der letzten Runde sogar Tokudome an. Deutlich zu schnell schoß er übers Ziel hinaus und mußte in die Wiese, wirbelte eine gehörige Ladung Schlamm auf Tokudomes Frontpartie, erreichte aber immerhin noch als Sechster das Ziel. »Der Peter ist der größte Kämpfer, den ich je gesehen habe«, zollte ihm Teamchef Harald Eckl Respekt. Während Teamkollege Tex Geissler Platz neun erreichte, hinkte Dirk Raudies trotz einer aerodynamisch ausgefeilten Sitzbank, am späten Samstag abend als Geheimwaffe eingebaut, als 16. hinterher. Weder die Motorleistung noch die Getriebeabstufung stimmten, in den Kurven stempelte das Vorderrad, und als ihm in der letzten Runde der stürzende Yamaha-Pilot Ui den Weg versperrte, war auch der letzte WM-Punkt dahin. Luca Cadalora hätte sein Motorrad unter solchen Bedingungen unlustig in der Box geparkt. Glücklicherweise erwischte der sensible italienische Halbliter-Star nach langer Durststrecke wieder eines jener Wochenenden, an dem seine Kanemoto-Honda wie auf Schienen durch die Kurven lief. Im Rennen übernahm er flugs die Führung, wurde nach neun Runden zwar von Michael Doohan abgelöst, schlug im letzten Renndrittel aber zurück und stellte den zweiten Saisonsieg sicher. »Am Anfang rutschte ich stärker als Doohan, außerdem schoß ich in der Dunlop-Kehre über den Bremspunkt hinaus und verspielte meinen gesamten Vorsprung, deshalb hat er mich erwischt. Ein paar Runden später ließen seine Reifen nach, und ich war wieder an der Reihe«, erzählte Luca, der vom neuen Nürburgring seit seinem allerersten GP-Sieg 1986 auf einer 125-cm3- Garelli begeistert ist. Doohan kam mit Alex Crivillé im Schlepptau als Zweiter ins Ziel und nahm seine Niederlage mit Gelassenheit. »Ich habe bei zwei Starts am Nürburgring zweimal das Ziel verpaßt, deshalb war mir das Ankommen am wichtigsten«, winkte er ab.Denn was alles passieren kann, zeigte sich im Suzuki-Team. Terry Rymer, der den mit Gleichgewichtsstörungen kämpfenden Daryl Beattie nach neuesten Informationen bis mindestens zum Barcelona-GP im September ersetzen wird, stolperte bereits in der Aufwärmrunde über den vor ihm gestürzten Laurent Naveau, verstauchte den linken Knöchel und brach den linken kleinen Finger.Noch während das Ambulanzfahrzeug um die Strecke kreiste, wurde das Rennen gestartet und zwangsläufig sofort wieder abgebrochen. Rymer nutzte den Regiefehler und die 20 Minuten Pause, um auf sein Ersatzmotorrad zu steigen, stürzte aber nach acht Runden erneut. Noch schneller war der Einsatz des Suzuki Deutschland-Wild Card-Piloten Michi Rudroff beendet. Ein Highsider katapultierte den Bayern in der schnellen, im vierten Gang gefahrenen Bergauf-Rechtskurve nach der Dunlopkehre von seinem weißblauen Motorrad. »Mei, bin ich geflogen. Ich hab´ gedacht, ich bin hin«, schilderte Rudroff schreckensbleich. Weil der Unfall in der Besichtigungsrunde geschah, hatte der arme Rudroff neben dem Schaden auch noch den Spott. Doch auch für die elf 500-Truppe mit dem Swissauto-V4-Motor endete das Wochenende fatal. Star Juan Borja rollte mit verstopftem Vergaser an die Box, weil Loris Capirossi bei einem Ausritt Dreck aufgewirbelt hatte. Teamkollege Adrian Bosshard stürzte trotz der seelischen Betreuung durch eine Hypno-Therapeutin und wird von Teambesitzer Michel Métraux in England durch Wild Card-Fahrer Chris Walker ersetzt. Für die Motorenkonstrukteure von Swissauto war das Waterloo perfekt, denn schon im Gespannrennen am Samstag nachmittag hatten sie eine empfindliche Niederlage einstecken müssen. Paul und Charly Güdel waren auf nasser Piste mit Intermediates gestartet und führten überlegen, doch als die Sonne zwischen den Wolken hervorbrach, schmolz der stolze 14 Sekunden-Vorsprung blitzartig dahin. Am Ende retteten sich die Schweizer, im Hauptberuf Reifenhändler, gerade noch auf den undankbaren vierten Platz. Rolf Biland scheiterte wegen eines Swissauto-Werksmotors, der wie die Solo-Kraftwerke übrigens auch von ständigen Aussetzern geplagt wurde. Der Exweltmeister landete auf Rang sechs und mußte zähneknirschend mitansehen, wie Darren Dixon, Klaus Klaffenböck und Steve Webster, alle drei mit den altertümlichen ADM-Reihenvierzylindern ausgestattet, die Podestplätze abräumten. »Ich beginne jetzt, Lotto zu spielen. Da sind die Chancen größer«, brummte Biland. Während er auf Sieg gesetzt hatte, war für Rolf Steinhausens Schützling Ralph Bohnhorst Dabeisein alles. Nachdem er ein loses Elektrokabel zur Versorgung der Benzinpumpe mit dem Werkzeug eines Streckenpostens repariert hatte, fuhr er mit zwei Runden Verspätung weiter - und erreichte noch Platz 15.

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