Grand Prix England in Donington Park (Archivversion)

Der fliegende Doktor

Mit zwei schweren Stürzen in nur zwei Minuten schien sich das Honda-Werksteam im ersten Training selbst ausradiert zu haben. Doch am Sonntag war der unzerstörbare Valentino Rossi wieder obenauf.

Es war ein »Tag der Angst«, wie die italienische Presse titelte. Erst stürzte Tohru Ukawa in der gefürchteten, bergab führenden »Craner«-Highspeed-Kurve. Der Japaner verlor bei Tempo 200 im vierten Gang die Kontrolle über seine Viertakt-Honda, die steil aufstieg, wie ein Flugzeugpropeller durch die Luft wirbelte und sich dann mit mehreren wuchtigen Einschlägen in den englischen Rasen selbst zerstörte. Valentino Rossi drehte sich an der Unfallstelle noch aufmerksam im Sattel um. Dann gab er für den Rest der Runde wieder Gas. Bis in der nicht minder gefürchteten letzten Kurve, der »Goddard«-Spitzkehre, das Hinterrad des Weltmeisters ausbrach. Beide Fahrer wurden ins »Queen’s Medical Centre« von Nottingham verfrachtet, und jetzt begann das bange Warten, was bei den Röntgenaufnahmen und Computerscans herauskommen würde. Ukawa hatte ähnliche Saltos geschlagen wie sein Motorrad, war zusammengekrümmt liegengeblieben und von Sanitätern abtransportiert worden, Rossi schwebte im Spagat zwei Meter über seinem Motorrad, bevor er den instinktiven, bei Tempo 60 aber aussichtslosen Versuch machte, dem harten Aufprall durch Laufschritte zu entgehen.Der Unfallverursacher wurde schnell identifiziert: Im Donington Park gibt es nur drei Linkskurven, und weil binnen einer einzigen Viertelstunde nicht nur Ukawa und Rossi, sondern auch Suzuki-Fahrer Sete Gibernau sowie die beiden Yamaha-Reiter Max Biaggi und Shinya Nakano mit frischen Michelin-Pneus ausgerutscht waren, geriet ein neuer, bislang nicht getesteter Zweikomponenten-Reifen in Verdacht. Umgehend wurde der ominöse Typ »D« von den französischen Gummi-Spezialisten aus der Verteilungsliste gestrichen.Bei Ukawa wurden ein Rippenbruch, gezerrte Bänder im Rücken, ein Bruch im rechten Fuß sowie eine Bauchprellung festgestellt, was ihn für das Donington-Wochenende zum Zuschauen verurteilte. Rossi litt unter einer Hüftprellung, einer Fraktur im linken Daumen und heftigen Kopfschmerzen. Schwer mit dem Helm aufgeprallt, fehlte ihm für die zehn Minuten bis zum Eintreffen im Clinica Mobile von Grand-Prix-Arzt Claudio Costa jegliche Erinnerung. Wegen einer Gehirnerschütterung musste er sich mehrmals übergeben. Besorgt rief Mutter Stefania aus Italien an und flehte den Sohnemann an, auf das Rennen zu verzichten. Angesichts seines Vorsprungs von 62 Punkten hätte er tatsächlich locker in die Sommerpause gehen können.Doch so denkt ein Valentino Rossi nicht. »Das Wichtigste ist, dass mir schnell wieder einfällt, wie man Motorrad fährt«, kommentierte er seine Gedächtnislücken schlagfertig. Nachdem er schon die Nacht auf Mittwoch in einer Disco zum Tag gemacht hatte, stand am Samstag der Anschnitt einer Torte für seinen 100. Grand Prix auf dem Programm, abends folgte die Premiere des offiziellen Valentino-Rossi-Buchs, das der englische Journalist Mat Oxley verfasst hat.Vor allem aber ging es Valentino um die Party auf der Strecke. Begeistert von seiner Wahlheimat London, die mit Gigs, Gags und einem Rummel rund um die Uhr genau seinem Lebensdrang entsprach, begeistert auch von der Donington-Piste, auf der er schon viermal gewonnen hatte, wollte er unbedingt antreten. Am Samstagmorgen schwang er sich zum Comeback in den Sattel, im Abschlusstraining war die Entwarnung fürs Honda-Team dann komplett: Rossi holte die Pole Position und überließ es Freund und Feind, darüber zu sinnieren, wie viel seines Leidens nun echt oder Teil der Eulenspiegeleien war, mit denen er seine Gegner verwirrt. »Dem fehlt doch überhaupt nichts. Ich bin auch zweimal gestürzt, habe aber kein solches Theater gemacht«, stellte Max Biaggi fest.Im Stillen wurmten sich etliche von Rossis Konkurrenten, dass sich der unbesiegbare Superstar selbst bei schweren Stürzen unzerstörbar zeigte und es offensichtlich gar nichts gibt, was den Durchmarsch zum Titel wenigstens etwas bremsen kann. Denn am Sonntag kam, was kommen musste: Vor der stolzen Kulisse von 60000 Viertakt- und Rossi-Fans fuhr der Doktor wieder bis in die Endphase auf Platz zwei hinterher, brauchte sich beim Schluss-Spurt zum siebten Saisonsieg aber nicht einmal mehr um ein Überholmanöver zu bemühen: Carlos Checa, von den Engländern freundlich »Checa the Wrecker« genannt, stürzte nach 18 Runden Führung in genau jenem Eck, das sich Rossi am Freitagmorgen ausgesucht hatte, und beerdigte die Hoffnung auf etwas Abwechslung an der Podestspitze.Bei Honda aber wurde gefeiert. Für Jerry Burgess war es der 100. Grand-Prix-Sieg als Cheftechniker, für Rossi ganz passend zur Startnummer der 46. Sieg im 100. Rennen. Bei 82 Punkten Vorsprung auf den lädierten Ukawa kann Rossi bereits in Brasilien im September den nächsten Titel feiern, vier Rennen vor Schluss der Saison. Und seine Zukunft ist so gleißend hell, dass in Italien eine Sonnenbrillenserie mit seinem Namen aufgelegt wurde.Entsprechend verstört sind seine Gegner, die sich darüber aufregten und es wie Sete Gibernau »als Demütigung« empfanden, dass Rossi schon im Damensitz auf dem Tank den Zielstrich überquerte und so den Aufstieg nach dem Fall zelebrierte.Statt mit Worten sollten die Rivalen lieber auf der Strecke Revanche suchen, so wie es Carlos Checa versucht hatte. Nach seinem Ausrutscher sagte der Spanier mit dem Stier auf der Verkleidung das einzig Richtige: »Ich spürte eine echte Chance auf den Sieg. Deshalb bereue ich auch nicht, alles riskiert zu haben. Ein zweiter Platz hat in dieser Saison sowieso alle Bedeutung verloren – das Einzige, was zählt, ist ein Sieg über Rossi.«Alex Hofmann wäre beim Deutschland-GP am Sachsenring bereits das eine oder andere Pünktchen recht. Als Ersatz für den verletzten Loris Capirossi im West-Honda-Pons-Team untergeschlüpft, brauchte er das ganze Wochenende, um sich auf der engen Donington-Strecke mit dem brachialen Schub der NSR 500 und den ungewohnten Michelin-Reifen anzufreunden. »Das Motorrad macht solche Wheelies, dass du denkst, es will sich nur überschlagen«, erläuterte Hofmann, warum er es bei seiner Jungfernfahrt sachte angehen ließ und das Feld im Training wie im Rennen vor sich hertrieb. »Ein weiteres sturzfreies Wochenende und viele Kilometer hinter mich gebracht zu haben war ein saugutes Training für den Sachsenring. Dort können wir ganz anders ansetzen«, kündigte er an.
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Grand-Prix-Journal (Archivversion)

Proton KR V5Sitz mit HeizkraftwerkKenny Roberts zeigte erstmals eine Computerstudie seines neuen MotoGP-Viertakters. Mutmaßungen, der V5 sei eine Honda-Kopie, wies er entrüstet zurück: »Wir haben uns nur die Regeln angeschaut und wie Honda festgestellt, dass fünf Zylinder die beste Option sind.« King Kenny verwies auf die Formel 1, in der sämtliche Teams frei von Kopieverdachten mit V10-Motoren antreten. Die Hauptunterschiede: 75,5 Grad Zylinderwinkel bei Honda, 60 Grad bei Proton. Außerdem winden sich die Proton-Auspuffrohre der hinteren Zylinder wie eine Schneckennudel unter dem Fahrersitz, um auf die erforderliche Baulänge zu kommen. »Ein solches Heizkraftwerk unterm Hintern ist sicher nicht die Lösung«, grinste Derbi-Konstrukteur Harald Bartol.Ducati testetBiaggi bangtMarlboro kehrt dem Yamaha-Werksteam den Rücken, und Max Biaggi bangt um seine Zukunft. »Ich habe nachgefragt und zur Antwort erhalten, man wolle erst einen Sponsor finden und dann die Fahrerfrage entscheiden. Eine wenig elegante Vorgehensweise«, beschwerte sich der Römer. Kontakte zum Ducati-Team, dessen Testfahrer Vittorio Guareschi die Desmosedici bereits in Ladoux, dem Testkurs von Michelin bei Clermont-Ferrand, zum ersten Mal ausprobierte, dementierte er – denn dort steht derzeit eher Carlos Checa auf der Wunschliste. »Für mich hat Yamaha Priorität«, erklärte Biaggi. »Wir haben einiges zusammen durchgemacht, sind seither aber weit gekommen.« Ducati-Superbike-WM-Teamchef Davide Tardozzi wird im Gegensatz zu ersten Ducati-Verlautbarungen mit seiner kompletten Crew weiter die Superbike-WM bestreiten. Für das MotoGP-Werksteam wird parallel eine neue Struktur aufgebaut.Bartol zu KTMKampf um PedrosaHarald Bartols Wechsel zu KTM ist beschlossene Sache. Der Österreicher beichtete Derbi-Teammanager Giampiero Sacchi, dass er in Zukunft nicht mehr zur Verfügung stehe, und führte lange Verhandlungen mit dem spanischen Telefonica MoviStar-Team, weil er sich neben seinem treuen Freund Youichi Ui auch für die Dienste des 17-jährigen WM-Leaders Daniel Pedrosa interessiert. »Rein fahrerisch käme sonst auch Mika Kallio in Frage«, zollte er dem schnellen Finnen, Schützling des Pforzheimers Stefan Kurfiss, Respekt. Während Kallio in England mit Kupplungsdefekt ausschied, holte Steve Jenkner trotz schwerer Erkältung Platz fünf, an der Spitze beging Arnaud Vincent den französischen Nationalfeiertag standesgemäß mit einem Sturm auf die Bastille und gewann.Fortuna statt West?Sito sucht SponsorenWest-Honda-Teamchef Sito Pons sorgt sich um die Treue von Geldgeber West, denn nach dem Verkauf von Reemtsma ist die Budgetvergabe für die Zukunft noch ein Buch mit sieben Siegeln. Deshalb wurde er bei der Zigarettenmarke Fortuna und bei Telefonica MoviStar in Madrid mit der Idee eines neuen, rein spanischen MotoGP-Teams um Toni Elias vorstellig. »Journalisten erfinden vieles«, wich Pons jeglichen Kommentaren aus.

Grand Prix England (Archivversion) - Halbzeitbilanz

Acht von 16 Grand Prix sind bestritten. Zeit, Bilanz zu ziehen.
Halbzeit in der Motorradweltmeisterschaft. Was war los bisher? Honda hatte bereits die Wintertests dominiert, anschließend die ersten acht Rennen gewonnen, davon Valentino Rossi allein sieben. Die Schlagkraft dieses Gesamtpaketes ist erschreckend. Und dann sitzt auch noch der »Doktor« auf dem Überflieger. Yamaha bringt jedes Rennen neue Teile für die M1 und wird so permanent besser – nur halt noch nicht gut genug. Suzuki dreht sich im Kreis. Die späte Entscheidung, schon 2002 den Viertakter einzusetzen, erfordert die Weiterentwicklung während der Saison. Dies und der Reifenwechsel von Dunlop zu Michelin erschweren die Situation zusätzlich. Aprilia ist das Unternehmen MotoGP sehr aggressiv angegangen – sehr viel Hightech wie elektronischer Gasgriff, pneumatisch unterstützte Ventile, extrem hohe Drehzahlen und Spitzenleistung. Vieles musste wieder abgerüstet werden, um das Motorrad fahrbarer zu machen. Dazwischen finden sich immer wieder einige 500er-Zweitakt-Piloten. Zwar mit sehr unterschiedlichen Resultaten, aber alle mit dem Ziel, spätestens 2003 ebenfalls einen Viertakter zu fahren. Die 250er-Klasse hat an Speed verloren, die Top-Piloten sind in die Königsklasse aufgestiegen. Dafür wittern jetzt Mittelfeld-Fahrer ihre Chance. Und einige junge, viel versprechende Talente sind kurz vor dem Sprung in die Spitze. Die Gefahr besteht allerdings, dass die Serie zum Aprilia-Cup verkommt.Zur Sache geht es immer noch in der 125er-Klasse. Da wird gekämpft, gerempelt, gestürzt. Technisch ist die Achtelliter-Klasse sehr ausgewogen, und die Spannung bleibt in den Rennen bis zur letzten Sekunde bestehen. Das Ganze auch noch mit erfolgreicher Beteiligung durch Steve Jenkner.

Grand Prix England (Archivversion)

Ergebnisse:Rennen 125 cm3:Fahrer (Nation) Maschine Zeit (Min) WM-Stand1. Arnaud Vincent (F) Aprilia 42.57,387 Poggiali 1472. Daniel Pedrosa (E) Honda - 0,193 Pedrosa 1313. Manuel Poggiali (RSM) Gilera - 0,699 Vincent 1284. Masao Azuma (J) Honda - 13,482 Cecchinello 915. Steve Jenkner (D) Aprilia - 13,643 Jenkner 806. Joan Olive (E) Honda - 14,073 Nieto 547. Alex De Angelis (RSM) Aprilia - 15,650 Sanna 488. Youichi Ui (J) Derbi - 18,608 Ui 469. Andrea Dovizioso (I) Honda - 20,761 Olive 4610. Shuhei Aoyama (J) Honda - 21,553 Azuma 4511. Stefano Perugini (I) Italjet - 41,238 Borsoi 4112. Andrea Ballerini (I) Honda - 41,942 De Angelis 3513. Jorge Lorenzo (E) Derbi - 46,464 Giansanti 3314. Fabrizio Lai (I) Honda - 46,699 Kallio 3015. Mirko Giansanti (I) Honda - 52,816 Dovizioso 29Trainingsbestzeit: Poggiali in 1.38,078 = 147,666 km/hSchnellste Rennrunde: Cecchinello in 1.38,312 = 147.314 km/hSchnitt des Siegers: 146,098 km/hRennen 250 cm3:Fahrer (Nation) Maschine Zeit (Min) WM-Stand1. Marco Melandri (I) Aprilia 42.55,728 Melandri 1452. Fonsi Nieto (E) Aprilia - 0,717 Nieto 1323. Toni Elias (E) Honda - 3,493 Rolfo 1074. Franco Battaini (I) Aprilia - 3,934 Battaini 805. Roberto Rolfo (I) Honda - 4,407 Elias 766. Randy De Puniet (F) Aprilia - 19,852 De Puniet 767. Haruchika Aoki (J) Honda - 21,770 Locatelli 678. Naoki Matsudo (J) Yamaha - 24,580 Alzamora 639. Alex Debon (E) Aprilia - 25,987 Porto 5810. Shahrol Yuzy (MAL) Yamaha - 26,202 Matsudo 4811. Casey Stoner (AUS) Aprilia - 31,621 Debon 4312. Emilio Alzamora (E) Honda - 36,116 Aoki 3513. Roberto Locatelli (I) Aprilia - 45,339 Stoner 3314. Taro Sekiguchi (J) Yamaha - 45,538 Yuzy 3315. David Checa (E) Aprilia - 57,476 Miyazaki 2518. Dirk Heidolf (D) Aprilia - 1.05,156Trainingsbestzeit: Nieto in 1’33.558 = 154.800 km/hSchnellste Rennrunde: Nieto in 1’34.411 = 153.401 km/h Schnitt des Siegers: 151.815 km/hRennen MotoGP:Fahrer (Nation) Maschine Zeit (Min) WM-Stand1. Valentino Rossi (I) Honda 46.32,888 Rossi 1952. Max Biaggi (I) Yamaha - 2,371 Ukawa 1083. Alex Barros (BR) Honda - 5,533 Biaggi 894. Norick Abe (J) Yamaha - 22,036 Barros 875. Olivier Jacque (F) Yamaha - 28,087 Checa 726. Sete Gibernau (E) Suzuki - 28,400 Abe 727. Daijiro Kato (J) Honda - 28,947 Capirossi 658. John Hopkins (USA) Yamaha - 31,497 Kato 609. Nobuatsu Aoki (J) Proton - 31,947 Jacque 4210. Shinya Nakano (J) Yamaha - 41,454 Hopkins 4111. Tetsua Harada (J) Honda - 49,458 Roberts 4012. Garry McCoy (AUS) Yamaha - 53,709 Aoki 3513. Akira Ryo (J) Suzuki - 54,480 Harada 3214. Kenny Roberts (USA) Suzuki - 54,594 Nakano 3015. Jurgen vd Goorbergh (NL) Honda - 54,866 Ryo 2917. Alex Hofmann (D) Honda - 1.05,901Trainingsbestzeit: Rossi in 1.31,563 = 158,173 km/hSchnellste Rennrunde: Rossi in 1.32,247 = 157,000 km/h New lap RecordSchnitt des Siegers: 155,567km/h

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