Grand Prix England in Donington Park (Archivversion) Sturzkönig

Valentino Rossi steckte im Training einen 200 km/h-Sturz weg, startete aus der dritten Reihe und gewann überlegen. Seinen Gegnern gehen allmählich die Ideen aus.

Valentino Rossi ging im Freitagstraining bei Tempo 200 im fünften Gang zu Boden. Während seine Nastro Azzurro-Honda spektakuläre Saltos schlug und mit gebrochener Hinterradschwinge, krummer Gabel, zerschlagenem Kühler und zerfetzten Verkleidungsteilen liegen blieb, stapfte der Italiener unversehrt wie eine Comic-Figur nach einem Bombenanschlag in Richtung Streckenrand.Rennsportkollegen wie der deutschen 125er-Held Jarno Müller staunen ungläubig über die Tatsache, dass es den »Doktor« in seiner ganzen Karriere noch nie mit einem Knochenbruch erwischt hat. Der Sachse zum Beispiel hatte sich am selben Tag schuldlos in die Italjet von Stefano Perugini gebohrt und sich das rechte Schlüsselbein gebrochen. »Herzoperation, Blinddarmentfernung, rechtes Schlüsselbein, jetzt das linke – mein Oberkörper sieht allmählich richtig männlich aus«, übte sich der 23jährige in Galgenhumor.Der junge Herr Rossi dagegen scheint solche heftigen Kontakte mit dem harten Asphalt wie ein Wollknäuel wegstecken zu können. Vielleicht ist es gerade diese frappierende Lockerheit, die ihn beim Gasgeben so überlegen macht. Das Fahrwerk seiner Werks-Honda ist höher gestellt als jedes andere, was für massiven Gewichtstransfer beim Bremsen und Beschleunigen, für überlegene Lenkbarkeit und Handlichkeit, aber auch für ein extrem nervöses Fahrverhalten sorgt. »Mein Motorrad tanzt seit einigen Rennen wie eine Primaballerina. Jetzt müssen wir herausfinden, wie wir sie zähmen können«, war Rossis fröhlicher Kommentar dazu.Hohes Fahrwerk, hoher Lenker und ein weit nach hinten gerückter Motor mit viel Last auf dem Hinterrad – so fährt Rossi Kreise um die Konkurrenz und mit derart kontrollierten Drifts aus der Kurve, dass man sie zwar an der Motordrehzahl hören, nicht aber an schwarzen Strichen oder gar einem versetzenden Hinterrad sehen kann. Alex Crivillé probierte das Rossi-Set-Up aus, kehrte nach kläglichen Fehlversuchen mit nervtötendem Vorderradrattern aber zu seiner ursprünglichen Fahrwerksvariante zurück, mit der er in England Siebter wurde.Rossi zu kopieren ist mithin ebenso schwer wie ihn zu schlagen. Nach seinem Trainingscrash nur Elfter, blieb der Superheld wegen des nassen Abschlusstrainings auf der dritten Startreihe sitzen, hätte wohl aber auch ganz hinten neben dem Pace Car Startaufstellung nehmen können und trotzdem noch gewonnen. Schon zu Halbzeit des Rennens hatte er den größten Teil des 500er-Feldes mit sichtlichem Appetit vernascht und gönnte sich dann den Nachtisch mit Sahnehäubchen, indem er schließlich genüsslich am bislang führenden Max Biaggi zum fünften Saisonsieg vorbeizog.»Ich habe das Maximum geleistet, war immer am Limit und habe alles riskiert. Einmal ist mir sogar der Lenker eingeklappt, ich wäre fast gestürzt«, grübelte der Römer. »Rossis Honda ist wie von einem anderen Planeten – stärker, schneller, kontrollierbarer. Für die Weltmeisterschaft brauche ich noch wesentlich mehr Hilfe von Yamaha.«Oder eine Honda, weshalb sein Sponsor Marlboro auch im Geheimauftrag bei HRC anfragte, ob man für die Zukunft vielleicht das Lager wechseln könne. Doch trotz der zusätzlichen Dollarmillionen, die Marlboro im Vergleich zu Repsol sprudeln lassen könnte, setzte es ein kategorisches Nein. Denn erstens hat sich Max Biaggi in seiner ersten Halblitersaison 1998 Honda mit despektierlichen Äußerungen über mangelnde technische Unterstützung in die Nesseln gesetzt. Zweitens ist und bleibt er der Erzfeind von Rossi, welcher lieber auf einem Tretroller antreten würde, als Biaggi als Teamkollegen zu akzeptieren.Auch eine Rückkehr Biaggis zu seinem ersten Arbeitgeber Aprilia erscheint trotz des unverhohlenen Interesses von Firmenchef Ivano Beggio ausgeschlossen. Die Entwicklung des V3-Motors verspätet sich, die Qualitäten der neuen GP1-Maschine sowie die pünktliche Einstieg in die WM 2002 lassen sich noch nicht absehen. Außerdem ist ein Konflikt der Sponsoren vorprogrammiert: Die italienische Zigarettenmarke MS ist mit ihrem Löwenkopf bereits auf den offiziellen 250ern und 125ern von Aprilia vertreten und finanziert auch das GP1-Projekt. Biaggi geht aber nur dorthin, wo auch Marlboro hinsteuert.Mangels Alternativen wird der Römer 2002 wohl dort bleiben, wo er ist. Dasselbe gilt für Weltmeister Kenny Roberts, der sich in Donington Park mit zehn Runden Führungsarbeit abrackerte, um dann wie üblich wegen überstrapazierter Reifen zurückzufallen. »Suzuki kann noch 100 Jahre Rennen fahren; ich vielleicht noch sechs – und die will ich nicht auf zweitklassigem Material vergeuden«, klagt der Weltmeister. Insgeheim hofft er, Honda werde sich aus marktpolitischen Gründen in Zukunft vielleicht wieder einmal für einen amerikanischen Topfahrer erwärmen.Dass gebrauchte Honda-Leasingmaschinen allerdings für den Kampf um die WM keine brauchbare Alternative darstellen, musste das Team von Sito Pons erfahren, das trotz der Weltklassepiloten Loris Capirossi und Alex Barros zu einer Außenseiterrolle verdammt ist. Am liebsten würde Pons seinen Fahrwerks-Spezialisten Antonio Cobas, Schöpfer von Alex Crivillés erstem Weltmeistermotorrad JJ Cobas 125 im Jahre 1989, deshalb eine ganz neue GP1-Maschine mit zugekauften Motoren bauen lassen. Noch zuckt der als geizig bekannte Pons aber schmerzlich berührt zusammen, wenn er von den Summen hört, die bei den ersten Viertaktprojekten gehandelt werden. Falls sein derzeitiger Hauptsponsor, die Zigarettenfirma West, das bisherige 2,5 Millionen Dollar-Budget nicht drastisch aufstockt, bleibt den Spaniern nichts anders übrig, als bei Honda auf ein Ende der Eiszeit zu hoffen.Vor kurzem erst blitzte Loris Capirossi allerdings rundweg ab mit der Anfrage, einmal eine Rossi-Maschine testen dürfe. Dass er in Donington Park auf Rang zehn zurückfiel und seinem Teamkollegen Alex Barros den dritten Platz auf dem Podest überließ, hing freilich nicht mit seiner Enttäuschung zusammen: Im Rennen litt er unter schweren Krämpfen im von einem Trainingssturz her angeschlagenen linken Trizeps.Daijiro Katoh beherrscht die 250er Klassen ebenso übermächtig wie Rossi die 500er. Nach dem sechsten Saisonsieg des kleinen Japaners grübelt auch hier die Konkurrenz, was sie noch alles anstellen muss, um Katoh auf trockener Straße endlich auch mal schlagen zu können. Tetsuya Harada war in Donington nah dran, büßte seine Führung aber wegen einer gebrochenen Zündkerze ein und fiel schließlich aus. Aprilia-Markengefährte Marco Melandri klagte über ein Motorrad, das in den Kurven die Spur nicht hielt, musste sogar den überragenden Roberto Rolfo auf einer privaten Aprilia vorbei lassen und quittierte Platz drei mit bitterer Enttäuschung. »Katoh konnte sich sogar einen Ausritt durchs Gras leisten, und wir haben wieder verloren – worüber soll ich mich da freuen?«Dem Assen-Sieg von Jeremy McWilliams folgte auch im Aprilia Germany-Team eine kalte Dusche, weil sich der Nordire nach einem Highsider im Rennen das Schlüsselbein brach. Wenigstens sorgten die deutschen Teilnehmer mit einer soliden Gesamtleistung für Trost: Alex Hofmann Neunter, Klaus Nöhles Zwölfter mit Aufwärtstendenz und Katja Poensgen sicher als 23. im Ziel.Steve Jenkner, der Achtelliter-Held der letzten Wochen, wurde nach dem dritten Platz in Assen dagegen von Fahrwerkssorgen eingebremst. »So perfekt wie bei den letzten Rennen, wo ich an x-beliebigen Stellen überholen konnte, funktionierte mein Motorrad diesmal nicht«, kommentierte er Rang sieben.Die große Show lieferte wieder der kleine Spanier Toni Elias. Wie ein Stierkämpfer mit dem Schwert stach er im passenden Moment blitzschnell ins Herz von Gilera-Star Manuel Poggiali, als der, seinerseits von Masao Azuma eingebremst, eine kleine Lücke öffnete. Tonis Attacke war so hart, dass er mit seinem Hinterrad Poggialis Vorderrad ansäbelte und der Italiener aufrichten musste, um nicht zu Boden zu gehen.Youichi Ui war zu diesem Zeitpunkt längst enteilt und holte nach langer Durststrecke endlich wieder einen Sieg. Vor allem aber freute sich sein Derbi-Team, dass er noch am Leben war. »Nach meinem Sturz in Assen habe ich die Streckenposten nämlich nach einer Pistole gefragt«, verriet Ui, »wenn sie eine gehabt hätten, wäre ich jetzt tot.“

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