Grand Prix England in Donington Park (Archivversion) Waldis Wasserschlacht

Regenspezialist Ralf Waldmann nutzte einen späten Wolkenbruch - und feierte wie Halbliter-Held Valentino Rossi einen längst verdienten Sieg.

Ivan Clementi fiel mit seinen Regenreifen auf trockener Piste immer weiter zurück, und als der Italiener in der sechsten Runde am Ende des 250er Feldes angelangt war, hatte er die Nase voll und parkte seine Aprilia an der Box.Nur nicht aufgeben, sagte sich dagegen Ralf Waldmann. Auf einen Tipp von Ex-GP-Star Martin Wimmer, der mit dem BMW-Pace-Motorrad im unteren Teil der Donington-Strecke tiefe Pfützen ausgemacht hatte, war er in letzter Minute auf seine regenbereifte Ersatzmaschine umgestiegen und hatte dabei sämtliche Warnungen seines Teams in den Wind geschlagen. Bei Clementis Rückzug kurvte Waldi an 16. Stelle umher und versuchte, die weichen Profilreifen auf dem rauhen Asphalt durch runde Fahrweise zu schonen. »Wenn ich jetzt an die Box fahre, bin ich der Volldepp«, schilderte er nach dem Rennen seine Gedanken. Als er nach zwölf Runden an 21. Stelle notiert wurde, hatte der Himmel endlich ein Nachsehen und öffnete seine Schleusen, worauf Waldi die Blamage in einen Triumphzug verwandelte. Je stärker es regnete, desto mehr machte er Boden gut, bis zu 13 Sekunden pro Runde. »Ich wusste nicht, wer in Führung lag, ich wusste auch nicht, wie viel Rückstand ich hatte. Ich wusste nur: Jeder überholte Gegner bedeutet einen Platz«, erklärte er seine Angriffslust.Sein Team, das an der Box bereits mit dem Einpacken begonnen hatte, interessierte sich plötzlich wieder für den Monitor: Waldi pflügte an Daijiro Katoh vorbei auf Platz fünf, übernahm sich beim Kampf gegen Naoki Matudo und balancierte über die Wiese, griff wenig später erneut an und war Dritter. In der letzten Runde hatte er nur noch Olivier Jacque vor sich, und wie im Film machte er auch noch die verbliebenen sieben Sekunden wett und ritt im allerletzten Eck die entscheidende Attacke. Während der Franzose seine Intermediate-bereifte Yamaha förmlich um die Kurve trug, stach Waldi spitz innen rein, riss frech und früh das Gas auf und lag am Zielstrich um eine Nasenlänge vorn.»Forza Aprilia«, brüllte er nach seinem 20. Sieg gut gelaunt, obwohl die Reifenwahl und die phänomenale Aufholjagd sein ganz eigenes Husarenstück gewesen waren. »Jetzt bin ich schon 30 Jahre im Rennsport, aber so was hab’ ich noch nie erlebt. Dös gibt´s doch net«, staunte selbst Cheftechniker Sepp Schlögl.Vermeintlich greifbar nahe Triumphe unter Dach und Fach zu bringen war noch nie die Stärke seines sensiblen Stars, der in 14 Jahren Grand-Prix-Sport noch keinen Titel erbeutet hat. In verzweifelten Situationen Kaninchen aus dem Hut zu zaubern schon eher – wie bei einem Torjäger, dem in der 93.Minute doch noch der entscheidende Treffer glückt.Und verzweifelt genug war die Situation. Nach seinem Jerez-Sieg zum WM-Kandidaten emporgehoben, stürzte er prompt wieder ab. Ausrutscher in Le Mans, in Mugello, in Barcelona. Und dann das Regenrennen in Assen, bei dem die Flugwettervorhersage versagte und Waldi auf harten Intermediates wie ein Storch im Salat durch die Gischt balancierte. »Dort musste ich zusehen, wie ich zweimal überrundet wurde. Hier hat sich das Blatt zu meinen Gunsten gewendet. Die Grenze zwischen Held und Versager ist im Rennsport eben so fein wie nirgendwo sonst«, philosophierte er.Und sah sich »in einem fahrerischen Hoch«, mit dem er am Sachsenring auftrumpfen, eine gute Position für die anstehenden Vertragsverhandlungen erkämpfen und vielleicht sogar das Ruder in der WM herumreißen könne. Doch wen kümmert schon der Gesamtstand, wenn die einzelnen Rennen so dramatisch sind wie Waldis Wasserschlacht.Oder wie der Lauf der Halbliterklasse, in dem Kenny Roberts mit kluger Zurückhaltung die WM-Führung zementierte, aber Jeremy McWilliams und Valentino Rossi für die Schlagzeilen sorgten.Auf abtrocknender Piste hatte sich der Ire mit seiner Zweizylinder-Aprilia unter dem Jubel der britischen Fans an die Spitze gesetzt. »Ich plante, auf zwei Sekunden davonzufahren. Als mir das nicht gelang, verlor ich die Konzentration und machte Fehler.« Deshalb huschte Rossi vier Runden vor Schluss vorbei, und in der vorletzten Spitzkehre schlug dann auch Roberts zu. »Ich bremste innen rein und parkte meine Suzuki dann vor Jeremys Nase. In diesem Moment wurde mir klar: Die Zweizylinder werden nie gegen die Vierzylinder gewinnen«, hielt Roberts fest.McWilliams blieb damit ein immer noch fabelhafter dritter Platz, den er seinem tödlich verunglückten Landsmann Joey Dunlop widmete. Und Rossi feierte den Triumph, der schon bei dem tollen Dreikampf in Mugello in der Luft lag. »Wir hatten bestialische Rutscher, weshalb ich die letzten Runden besonders vorsichtig und die Kurven jeweils im nächsthöheren Gang zu fahren versuchte«, schilderte der mit 21 Jahren und 144 Tagen jüngste italienische Halbliter-Sieger aller Zeiten. »Trotzdem kann ich sagen: Im Gegensatz zur Aprilia 125 und 250 habe ich mich auf der 500er-Honda im Regen sofort wohl gefühlt.«Begeistert kündigte er an, künftig jeden Sonntag um den Sieg mitzufahren. »Achtung, Rossi kommt«, warnte sein Mentor Mick Doohan die Rivalen im Halbliterfeld. Cheftechniker Jerry Burgess bescheinigte ihm »außergewöhnliche Kaltblütigkeit« und bestätigte, in Kürze sei auch mit dem ersten Sieg im Trockenen zu rechnen. Zumal das Formtief vieler anderer Stars anhält. Auch der von Kenny Roberts senior versuchshalber angeheuerte Anthony Gobert versagte und erreichte auf der Dreizylinder-Modenas gerade mal den 15. Platz.Wer jedoch auf der Erfolgswelle surft, bleibt dort oben - wie Youichi Ui. Im wegen Regen zweigeteilten 125er-Rennen glühte er zum vierten Saisonsieg, wobei er den knappen Zeitvorsprung auf Emilio Alzamora nach dem Neustart clever über die Distanz rettete. Die deutschen Piloten erwischten ein schlechteres Los: Steve Jenkner wurde nach einer Stop-and-go-Strafe wegen Frühstarts 18., Reinhard Stolz reiste nach einem Trainingssturz wegen einer Gehirnerschütterung vorzeitig ab.

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