Grand Prix England in Donington Park (Archivversion) Waldi, faß

Ralf Waldmann schnappte beim England-Grand Prix in der letzten Kurve zu - und machte mit einem Sieg über Tetsuya Harada fette Beute.

Dreimal wechselte die Führung in der letzten Runde, und Tomomi Manako, der fand, er habe endlich seinen ersten Saisonsieg in der 125-cm3-Klasse verdient, nahm vor der letzten Kurve besonders kräftig Anlauf. Im Training hatte der Japaner vom deutschen UGT 3000-Team erstmals die verblüffende Wirkung einer Karbonbremse kennen- und schätzengelernt, und vielleicht spielte auch sein Vertrauen in die moderne Technik eine Rolle, als er seine halsbrecherische Schlußattacke anzettelte. Vor der berüchtigten Zielkurve, einer unübersichtlichen Bergab-Spitzkehre, ließ er das Gas auch dann noch stehen, als der führende Valentino Rossi längst den Vorderreifen zum Qualmen brachte. Mit nahezu blockierenden Rädern zog Manako mit seinem Rivalen gleich. Die Grenzen der Physik waren erreicht, als er mit voll gezogener Bremse nach links in die Kurve abwinkelte und auf ein welliges Asphaltstück kam. Manako stürzte und erreichte mit zerborstener Verkleidung noch als Achter das Ziel, Rossi schaute sich suchend um und feierte unbedrängt den neunten Saisonsieg. »Wer nichts wagt, gewinnt auch nicht. Es war meine allerletzte Chance im Kampf um den Titel«, meinte Manako trotzig. »Wenn er nicht angegriffen hätte, wäre ich mit ihm böse gewesen«, erklärte Teambesitzer Ralf Schindler. »Manako fuhr ein starkes Rennen. Es war völlig richtig, anzugreifen. Er war halt zu weit innen«, analysierte Cheftechniker Mario Rubatto. »Viel zu weit innen«, gestikulierte Sieger Valentino Rossi zur Bestätigung. Der zwölftplazierte Tex Geissler kommentierte den Ausrutscher seines Teamkollegen mit einem Schmunzeln: »Manako hatte so viel Tempo-Überschuß, daß er ohne Sturz als Geisterfahrer auf der Gegengeraden gelandet wäre.« Doch nicht alle, die sich in Gefahr begeben, kommen darin um. Wie in einer Kopie des 125er Rennens sausten auch Tetsuya Harada und sein Verfolger Ralf Waldmann im Finale der 250-cm3-Klasse Rad an Rad auf diese Spitzkehre zu. Harada verbremste sich und machte einen weiten Bogen. Waldi stach blitzschnell und kaltblütig in die Lücke, zirkelte gekonnt an dem verdutzten Japaner innen vorbei und sicherte sich ausgerechnet in jener Kurve, in der er 1995 im Schlußspurt gegen Harada den kürzeren gezogen hatte, den zweiten Sieg der Saison. Diesmal war Waldi in der Form seines Lebens. »Ein phantastisches Rennen, auch für die Zuschauer«, strahlte der Sieger. Vom vierten Startplatz hatte sich der Honda-Pilot sofort an die zweite Stelle katapultiert. Zunächst führte Loris Capirossi, fiel aber alsbald wegen eines ratternden Vorderrads zurück und wurde von Tetsuya Harada abgelöst.Gemeinsam mit dem Japaner machte sich Waldi auf und davon, hielt sich im Duell um den Sieg aber klug im Windschatten und übernahm erst in der 18. Runde das Kommando. »Ich hätte schon früher in Führung gehen können, wollte aber meine Reifen schonen. Die Taktik war vollkommen richtig«, rieb er sich später die Hände. Denn während Waldi mit gleichbleibenden Rundenzeiten den Ton angab, hatte Tetsuya Harada zunehmend Schwierigkeiten mit seinem wegschmierenden Vorderrad. Sechs Runden vor Schluß verbremste er sich in der Schikane und legte einen Ausritt hin, bei dem er gut und gern 100 Meter auf Waldi einbüßte. 30 000 Zuschauer und Waldi selbst glaubten, das Rennen sei damit entschieden und wunderten sich nicht schlecht, als Harada in der vorletzten Kurve der letzten Runde plötzlich wieder zur Attacke ritt. »Ich muß den Hut ziehen, wie schnell Harada nach seinem Fehler wieder den Anschluß fand. Denn er hatte beim Anbremsen Riesenprobleme«, anerkannte Waldi. Daß er diese Probleme so clever ausnutzte und den Spieß nochmals umdrehen konnte, war eine großartige Leistung, besser als die bei seiner Alleinfahrt zum ersten Saisonsieg in Jerez, wo Waldi von einem Unfall in der ersten Kurve profitiert hatte. Besser auch als der zweite Platz von Österreich, wo er sich von Olivier Jacque die Butter vom Brot hatte nehmen lassen. Besser vor allem als der Sturz beim letzten GP in Brasilien, auch wenn er dort mit Zehenspitzengefühl und abgebrochenem Schalthebel noch Platz zwölf gerettet hatte. »Jetzt bin ich doppelt froh, daß ich dort noch durchs Ziel gefahren bin. Denn diese Punkte können am Saisonende entscheidend sein«, frohlockte Ralf Waldmann. Bei nur sechs Punkten Rückstand auf Harada war Waldi wieder wer in der WM-Wertung. Zumal sein Angstgegner zum Außenseiter wurde. Max Biaggi, der von Pech und beinahe schon sprichwörtlichem Vorderradrattern verfolgte 250er Titelverteidiger, stürzte zu Rennmitte aus vierter Position. »In der Kurvenmitte schüttelte das Motorrad vorn besonders schlimm. Irgendwann hat der Vorderreifen eben die Haftung verloren. Ich habe es satt, Verletzungen zu riskieren, nur um überhaupt ein Resultat nach Hause zu bringen«, knurrte Biaggi. »Auf drei Strecken lag die Maschine perfekt, und diese drei Rennen habe ich gewonnen. Überall sonst hatte ich diese unerklärlichen Fahrwerksprobleme. Wir tappen im dunkeln und wissen nicht einmal, in welche Richtung wir arbeiten müssen. Ich will nicht sagen, daß die WM für mich gelaufen ist. Doch es sieht von Mal zu Mal düsterer aus.« Von einem Durchmarsch im Stile Michael Doohans kann Biaggi derzeit höchstens träumen. Der Australier lieferte sich mit dem immer frecher angreifenden Tadayuki Okada ein Gefecht bis zum Zielstrich und entspannte sich erst, als mit dem zehnten Saisonsieg auch der vierte 500er WM-Titel in Folge vorzeitig unter Dach und Fach war. Dann allerdings riß er sich den Helm vom Kopf und ging mit der australischen Flagge auf eine lange, genüßliche Auslaufrunde. »Nur ein Sieg ist die richtige Art, Weltmeister zu werden. Alles andere wäre nicht stilecht gewesen«, kommentierte er. Denn spannend sollen die Rennen ja bis zum Saisonende bleiben, auch wenn der Titel schon vergeben ist. Dafür sorgen nicht nur Okada und Nobuatsu Aoki mit ihrem Kampf um die Vizeweltmeisterschaft, sondern vor allem die kleinen Außenseiter, die sich immer aufdringlicher unter das Volk der japanischen Vierzylindermaschinen mischen. Weil Jean-Michel Bayle sich im Training die Schulter auskugelte und Kenny Roberts jr. im Rennen einen Ausritt hatte, ließ der große Erfolg der Modenas-Dreizylindermaschinen weiter auf sich warten. Dafür aber setzte sich diesmal der Brasilianer Alexandre Barros durch. Erst rammte er Norifumi Abe, so daß der Yamaha-Star durch die Wiese mußte und neben seiner Orientierung auch noch die Konzentration verlor. Im Endspurt profitierte er dann noch von den Hustenanfällen der Yamaha von Luca Cadalora, die wegen eines defekten Zündkabels nur noch auf drei Zylindern lief - und sauste mit seiner privaten Zweizylinder-Honda sensationell auf Rang drei.

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