Grand Prix England in Donington Park (Archivversion) Eins drauf

Nach zwei Niederlagen war 250er Weltmeister Max Biaggi beim Grand Prix England wieder obenauf - und machte die kühnen WM-Träume von Herausforderer Ralf Waldmann mit einem strahlenden Sieg zunichte.

Massimiliano Biaggi stand unter Druck. Zwei verlorene Rennen, schwindende Optionen für den geplanten Aufstieg in die Halbliterklasse und die Gier der italienische Medien, die der große Star nicht befriedigen konnte. Doch beim britischen Grand Prix in Donington Park machte Magier Max mobil. Im Pressezentrum knallte er vor einem aufdringlichen italienischen Journalisten derart die Faust auf den Schreibtisch, daß die Laptops hüpften. Auf der Strecke fegte er die restlichen Zweifel an seiner Fitneß mit der Trainingsbestzeit am Freitag hinweg. »Seit dem Deutschland-Grand Prix habe ich gelebt wie im Kloster: Lesen, ruhen, früh zu Bett gehen. Nicht einmal joggen konnte ich, weil das die angegriffenen Rückenmuskeln strapaziert hätte«, berichtete er von der Rekonvaleszens nach dem verunglückten Assen-Wheelie. »Derzeit fahre ich mit 80 Prozent meiner Möglichkeiten.«Die waren allerdings mehr als genug. Im Abschlußtraining fiel er zwar auf den zweiten Platz zurück, weil er mit einem extrem kurzen Gabelwinkel experimentierte und die 250er Werks-Aprilia weitgehend unfahrbar wurde. Doch im Rennen zog er wie zu seinen besten Zeiten vom Start weg auf und davon und sparte beim Erreichen des Zielstrichs weder mit Wheelies noch mit anderen Huldigungen ans Publikum, an dem er so dicht wie möglich auf der Wiese vorbeirumpelte.Vor allem aber demütigte er Ralf Waldmann mit einem satten 4,6-Sekunden-Vorsprung. »Ralf hat die Abstimmung seines Motorrads großartig hingekriegt«, meinte Max gönnerhaft. »Aber dies ist ohnehin eine gute Strecke für die Honda, die offensichtlich gewaltig weiterentwickelt wurden. Wir haben hier Schwierigkeiten beim Beschleunigen aus den engen Kurven, denn wegen der Drehschiebersteuerung ist die Leistungscharakteristik der Aprilia äußerst spitz.« Was wie eine nüchterne Analyse klang, war in Wirklichkeit eine Kriegserklärung: Was, so war herauszulesen, würde Max erst auf schnelleren Strecken ohne Spitzkehren mit seinen Verfolgern anstellen?Ralf Waldmann war jedenfalls geknickt, trotz des guten, mutig herausgefahrenen zweiten Platzes. Nach dem Start hatte er den Anschluß an Biaggi verpaßt, weil er von Olivier Jacque aufgehalten wurde und erst nach einer Runde heftigen Drängels ein Lücke fand. Ein dramatischer Vorderradrutscher in der Schikane, bei dem er einen Beinahe-Sturz mit dem Knie ausbalancierte, war der nächste Rückschlag bei Waldis Jagd auf den Weltmeister. Trotzdem steckte er nicht auf und verkürzte seinen Rückstand. Erst als Biaggi im Endspurt das Tempo forcierte und Waldi beim Anbremsen der Melbourne-Hairpin den nächsten Rutscher erlebte, gab er sich geschlagen.Damit entsprach der Zieleinlauf auch der Situation in der WM-Tabelle. »Max ist ziemlich weit weg und unter normalen Umständen nicht mehr einholbar«, sah Waldi seinen 53-Punkte-Rückstand realistisch. Die Euphorie nach den beiden Siegen in Assen und am Nürburgring war ebenso verflogen wie Biaggis Rückenschmerzen, die Übermacht des Weltmeisters war wieder drückende Realität. »Weltmeisterschaft ade«, titulierten manche Tageszeitungen, auch wenn Waldi die Flinte noch nicht ins Korn werfen wollte. »Max könnte auch zweimal ausfallen. In diesem Sport kann vieles passieren. Abgeschrieben habe ich den Titel jedenfalls nicht«, meinte er trotzig.Hinter den beiden ist ein offener Kampf um Platz drei in der 250-cm³-WM entbrannt. Denn Tetsuya Harada erlebte nach dem Ausfall am Nürburgring die nächste Pleite. Diesmal blieb seine Werks-Yamaha bereits in der Besichtigungsrunde stehen. »Es fühlte sich an, als sei sie festgegangen2«, meinte der bitter enttäuschte Japaner. Er brachte die Maschine zwar wieder mühsam in Gang, rollte statt zum fünften Startplatz jedoch direkt in die Box, wo die Mechaniker verrsuchten, der Ursache eines größeren Elektrikdefekts auf die Spur zu kommen. Ein abgefallener Schlauch des Airbox-Systems hatte das Unheil angerichtet.Und so mußte der Tabellendritte hilflos mitansehen, wie Olivier Jacque den zweiten Podestplatz der Saison feierte und seinen Rückstand auf nur noch fünf Punkte verkürzte. »In den langsamen Ecken lag mein Motorrad nicht richtig. Deshalb habe ich Waldmann ziehen lassen«, erzählte der Franzose.Jürgen Fuchs rückte Harada durch Platz vier sogar bis auf einen einzigen Punkt auf den Pelz und berichtete von einem Thriller. »Zu Anfang donnerte mir Laconi in die Seite, im Endspurt geriet ich mit Tempo 160 ins Kiesbett und balancierte an den Airfences entlang auf die Strecke zurück. Daß mein Verfolger Ruggia gestürzt war, hatte ich gar nicht bemerkt«, schilderte der Bayer. »Schade, daß ich am Start behindert wurde. Meine Zeiten hätten für Platz drei gereicht. Ich habe gebremst wie ein Weltmeister.«Wie ein Champion trat auch Masaki Tokudome bei den 125ern auf. Im Abschlußtraining kam er sechs Minuten vor Schluß an die Box, forderte einen Reifenwechsel und legte in der einzigen fliegenden Runde, die ihm noch blieb, die Pole Position vor.Doch beim Rennstart fiel er wegen eines zu fett bedüsten Motors wieder dramatisch zurück. »Mein Motor drehte nicht über 12700 Touren. Zu Rennmitte hatte ich mich schon mit Platz sechs abgefunden«, erzählte Tokudome. Als seine Ditter-Aprilia im Endspurt dann doch frei ausdrehte, schloß er im Nu zur Führungsgruppe auf, bremste Jorge Martínez und den trotz unterlegener Motorleistung verwegen mithaltenden Tomomi Manako aus, profitierte vom Ausfall Valentino Rossis, dessen vordere Bremsscheibe förmlich explodiert war, und holte noch Platz zwei. Nur Stefano Perugini, der 1997 in die 250er Klasse wechselt und Biaggis Gebrauchtmaschinen aus dieser Saison erhalten soll, war nicht mehr vom dritten Saisonsieg abzuhalten.Weil der noch amtierende Weltmeister Haruchika Aoki mit Federungsproblemen Achter wurde, sieht Tokudome wieder Titelchancen. Auch Tomomi Manako und das Yamaha-Kurz-Team, in dem Yoshiaki Katoh trotz eines Sturzes im Rennen den siebten Platz erbeutete, bestätigen die wachsende Schlagkraft der deutsch-japanischen Joint-ventures in der Weltmeisterschaft.Nur die deutschen Fahrer selbst erlebten den nächsten Einbruch. Peter Öttl fiel bei einem Sturz am Samstagmorgen abermals auf den Kopf. Eine Stunde blieb er im Klinomobil, wo Grand Prix-Arzt Claudio Costa eine Infusion anlegte, dann hielt er einen einstündigen Mittagsschlaf. »Trotzdem spürte ich im Abschlußtraining gleich, daß ich in schlechter Verfassung war. Mittlerweile habe ich zu akzeptieren gelernt, daß ich in solchen Fällen nicht vorne mitfahren kann. Ich rechnete mit Platz zehn - dafür kann ich mit meinem elften Platz zufrieden sein«, zog der Star des Aprilia-Eckl-Teams nach dem Rennen Bilanz.An Kampfgeist gebricht es beiden Eckl-Piloten nicht: Tex Geissler blieb wegen einer rupfenden Kupplung mit abgestorbenem Motor am Startplatz stehen, wurde bei einer verzweifelten Verfolgunsjagd auch noch von der Strecke geschubst, gab aber selbst nach seinem Sturz noch nicht auf und erreichte am Ende immerhin auf Platz 20 das Ziel.Größer noch war das Desaster bei Dirk Raudies. In den ersten Warm Up-Runden am Sonntag morgen klar Schnellster, hoffte der Weltmeister von 1993 beim Rennstart auf eine Wende seines Dauerpechs. Doch schon in der ersten Runde war abermals Feierabend. »Auf der Gegengeraden ging mein Motorrad wie die Sau. Beim Anbremsen der Haipin habe ich mich hinter Masaki Tokudome eingereiht, dann knallte mir plötzlich Lucio Cechinello von hinten gegen das Vorderrad. Frederic Petit, das arme Schwein, ist noch über mich drübergefahren. Mein Motorrad ist total Schrott; Auspuff, Höcker, alles Matsch«, berichtete Raudies traurig. Schon im Training hatte er düster vom bevorstehenden Rücktritt zum Saisonende geredet, weil neue Sponsoren nach seinen jüngsten Ergebnissen nicht gerade Schlange standen. »Nun schaufeln auch noch andere an meinem Grab«, seufzte Raudies und bettete sich wegen einer Sommergrippe einsam auf das Sofa seines Reisebusses.Jetzt warten seine Fans auf eine Wiedergeburt wie die von Norifumi Abe. Erstmals seit seinem historischen 500er Sieg in Suzuka stand der langmähnige Japaner wieder auf dem Podest, und wie damals war Teamchef Kenny Roberts völlig verblüfft. »Ich dachte, er hätte hier die größten Schwierigkeiten. Doch immer, wenn ich das glaube, dreht er groß auf!«Dank der guten Ratschläge von Ex-Pilot Randy Mamola preschte der Jüngling auf den sechsten Startplatz. Im Rennen fiel er kurz zurück, stürmte dann aber energisch an Loris Capirossi und Alexandre Barros vorbei, profitierte von den Stürzen seiner Yamaha-Teamkollegen Kenny Roberts junior und Jean-Michel Bayle und wurde im Endspurt Dritter hinter dem üblichen Honda-Duo Michael Doohan und Alex Crivillé. »Normalerweise qualifiziere ich mich für die dritte oder vierte Startreihe und verbessere mich im Rennen. Weil ich erstmals seit Malaysia in der zweiten Startreihe stand, wußte ich: Heute ist ein Podestplatz drin«, schmunzelte Abe mit seiner ganz eigenen Logik.Knapp hinter ihm querte Tadayuki Okada den Zielstrich und rettete die Zweizylinder-Ehre immerhin mit dem vierten Platz. Im Training waren die hochgesteckten Erwartungen an die Fliegengewichte nämlich wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen. Aprilia-Star Doriano Romboni, bei dem nach dem Nürburgring-Sturz ein gebrochenes Kahnbein diagnostiziert wurde, fehlte ganz; die Honda-Stars Itoh und Okada qualifizierten sich nur an achter und neunter Stelle. Fahrwerksprobleme in der Zielkurve, wo beide nur spät das Gas aufdrehen konnten, waren der erste Grund. Das überraschende Tempo der Vierzylinder war der zweite. Bei geradezu südländischem Sommerwetter legte Michael Doohan eine Pole Position in 1.32,426 Minuten vor und nahm mit Erleichterung zur Kenntnis, daß er deutlich über eine halbe Sekunde unter Troy Corsers Trainings-Bestzeit auf der Ducati beim Superbike-WM-Lauf im April geblieben war. »Schneller als ein Straßenmotorrad will man schon sein«, lächelte Doohan lässig, der aber im Rennen den offiziellen Rundenrekord von Troy Corser (1.33,47 Minuten) um zwei Zehntel verfehlte. Während der Seriensieger bei seinem 100. Grand Prix den sechsten Saisonsieg einstrich, fuhr Rolf Biland im Rennen der Gespanne abermals hinterher. Aus der 95. Pole Position seiner Karriere gestartet, übernahm er nach einem Ausritt von Ex-Weltmeister Steve Webster zwar Platz zwei, doch der führende Darren Dixon blieb weit außer Reichweite. »Kein Speed, keine Traktion. Das Fahrwerk war schlecht ausbalanciert, in den engen Kurven sprang die Kette über, außerdem lief der Motor zeitweilig wieder nur auf drei Zylindern«, meinte Biland verdrießlich. »Wir haben Dixon ein verfrühtes Weihnachtspräsent gemacht.«Denn der amtierende Champion gewann mit über 20 Sekunden Vorsprung zum dritten Mal hintereinander und dürfte in der WM kaum mehr einzuholen sein. »Ich habe mehr Gegenwehr erwartet. Es war fast schon langweilig«, strahlte der Sieger.

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