Grand Prix England (Archivversion) Rossi Bossi

»Rossi Bossi« titelten die englischen Gazetten nach dem fünften
Saisonsieg des Superstars. Eine Vorentscheidung im Titelkampf?

Sachsenring top, Donington Flop«, bilanzierte Alex Hofmann kurz und bündig. Ein frühzeitig zerriebener Hinterreifen war an dem mageren 19. Platz beim England-Grand-Prix ebenso beteiligt wie ein Abstecher ins Kiesbett, weil er zu spät bemerkte, dass die Kollegen wegen eines Nieselschauers in einer Rechtskurve das Tempo drosselten.
Sachsenring top, Donington Flop hieß es auch für Max Biaggi. Es klemmte im Getriebe seiner Camel-Honda, Gangwechsel ließen sich nur mit roher Gewalt vornehmen. Noch schmerzhafter als die Zehen, die sich der Römer am Schalthebel blutig gewetzt hatte, war der Blick in die Tabelle: Nach seinem Sieg beim Deutschland-Grand-Prix nur um einen Punkt von der Tabellenspitze entfernt, warf ihn sein zwölfter Platz auf Rang drei zurück. Und es war
ausgerechnet sein Erzrivale Valentino Rossi, Sonnengott auch der englischen Grand-Prix-Fans, seit er London zu seiner Wahlheimat erkoren hat, der sich für den fünften Saisonsieg und eine mittlerweile stattliche WM-Führung von 22 Punkten bejubeln ließ.
Frisch asphaltiert und frei von
Bodenwellen, die im Heck seiner Yamaha zuletzt ein schaukelpferdartiges Eigenleben ausgelöst hatten, bot die Donington-Piste eine willkommene Chance für den Weltmeister, nach zwei Honda-Siegen wieder einmal einen Gegentreffer zu landen. Vielleicht war die Rossi-Gala mit Trainingsbestzeit und einer überlegenen Alleinfahrt im Rennen auch schon eine Vorentscheidung im Titelkampf. »Es kommen bald wieder Strecken, die der Yamaha weniger liegen. Deshalb ist es beruhigend, mit einem kleinen Punktepolster in die Sommerferien zu gehen«, formulierte Rossi mit gewohntem Understatement.
»Die Konkurrenten werden mindestens fünf Rennen brauchen, um sich von diesem Schlag zu erholen und erneut den Anschluss zu finden«, meinte dagegen Cheftechniker Jerry Burgess ohne Umschweife. Zumal für den Dienstag nach Donington bereits Tests auf dem Programm standen, bei denen Rossi diverse Motorteile sowie eine neue Hinterradschwinge gegen das auf manchen Strecken nicht abstellbare Rühren im Fahr-
zeugheck auszuprobieren gedachte.
Zwar rüstet auch das Honda-Werk munter weiter, doch neben dem technischen Fortschritt stellt sich dort die Frage nach der Moral der Fahrer. »Ich bin mental stark. Stärker, als ich selbst gedacht habe«, beteuert Sete Gibernau bei jeder Gelegenheit. So oft, als wolle er sich selbst einreden, die beiden Rennstürze
in Rio und am Sachsenring seien spurlos an ihm vorübergegangen.
In England reichte es nach den beiden Nullern immerhin zu einem Podestplatz. Ob das genug war, das angekratzte Selbstvertrauen wieder aufzubauen, darf jedoch bezweifelt werden: Neben Sieger Rossi zog ihm nämlich der eigene Teamkollege das Fell über die Ohren. Schon
in der sechsten von 30 Runden stürmte Colin Edwards an Gibernau vorbei auf Platz zwei, blieb dort bis zum Abwinken und sah nach seinem ersten Erfolgserlebnis in der MotoGP-Klasse auch in seinem ewigen Kampf gegen das Chattering (siehe Heft 15/2004) endlich Licht im Tunnel.
»Erster Schritt war eine besonders weiche Hinterradfederung am Sachsenring, wie für einen 50-Kilo-Mann. Damit hatte sich das Chattering erledigt, allerdings wanderte nun das Vorderrad nach außen. Zweiter Schritt: mehr Gabelversatz. 2,5 Millimeter mehr in Donington erwiesen sich als Volltreffer. Ich habe schon auf der ersten Trainingsrunde gedacht: Hey, das geht ja – und staunte nicht schlecht, als
es auch nach acht Runden noch funk-
tionierte«, frohlockte der »Texas Tornado«, der erstmals nach Herzenslust um die Strecke wirbeln konnte – ohne jede Hilfe vom Honda-Werk. Von den letzten Ver-
besserungen, einem Fahrwerk mit modi-
fiziertem Schwingendrehpunkt, hatte man den zweifachen Superbike-Weltmeister mangels Erfolg ausgeklammert. fk

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