Grand Prix Europa in Spa-Francorchamps/B (Archivversion) Spa-Paket

Alle drei Klassen am Start und das moderne Umfeld einer Straßenstrecke: Beim Grand Prix in Spa gab es einen Blick in die Zukunft der Cross-WM. Pit Beirer (Foto) hat`s gefallen.

Spa-Francorchamps ist ein berühmter Straßen-Rennkurs mit langer Tradition. Ob 24-Stunden-Rennen für Zwei- und Vierräder oder Motorrad-Grand-Prix und Formel 1 - die Berg-und-Tal-Bahn in den belgischen Ardennen bildete schon für allerlei spektakuläre Highlights die Kulisse. La Source, die enge Haarnadelkurve bei Start und Ziel, ist den Fans ebenso ein Begriff wie die kurz darauf folgende Vollgassenke von Eau Rouge, die als ultimative Mutprobe im internationalen Rennsport gilt. Eine gerade in Belgien beliebte Disziplin führte in Spa-Francorchamps bislang nur ein Schattendasein in Form einer kleinen Teststrecke am Rande: Motocross. Doch Anfang Juni konnten auch die Offroad-Fans erstmals einen WM-Lauf im Umfeld der Straßenpiste bewundern. Was heißt einen – gleich alle drei WM-Klassen waren am Start vom Grand Prix Europa und absolvierten beim zweiten sogenannten Triple-Header dieser Saison sechs Einzelläufe. Inszeniert wurde der Event auf einem neuen, oberhalb der Formel 1-Startgeraden angelegten Parcours, dessen Architekt und Namensgeber kein Geringerer als der fünfmalige Weltmeister Georges Jobé ist. Auf einer Fläche von acht Hektar baute der Belgier eine Mischung aus Naturstrecke und Supercross. Kostenpunkt: rund eine halbe Million Mark. Der Kurs ist 1753 Meter lang, und die gut zu überblickende Anlage bietet für Cross-Verhältnisse ungewöhnlichen Komfort. Die Fans können zum Beispiel auf einer großen Sitztribüne Platz nehmen. Fahrern und Mechanikern stehen geräumige Boxen zur Verfügung, die bei der Formel 1 von Schumacher, Häkkinen und Co belegt werden. Die immer dickeren Team- und Hospitality-Trucks haben im asphaltierten Fahrerlager weder Probleme beim Einparken, noch laufen sie Gefahr, bei der Anfahrt hängenzubleiben oder sich im Schlamm einzubuddeln. Wurden Infrastruktur und Umfeld von den meisten Fahrern gelobt, gab es in Bezug auf die Rennstrecke neben positiven Stimmen durchaus auch heftige Kritik. Vor allem die Piloten der PS-starken 500er klagten über die vielen Steine und die mangelnde Traktion. Andrea Bartolini, dem amtierenden Weltmeister dieser Kategorie, war der Kurs zudem schlichtweg zu eng. »Ich fahre fast alles im zweiten Gang und kann nur einmal in den dritten schalten«, fühlte sich der Italiener in Spa-Francorchamps sichtlich unwohl. Ein anderes Manko der Strecke stellte sich erst im zweiten Lauf der 125er-Klasse am Samstagnachmittag heraus, als ein Gewitterregen herunterkam. Einige Fahrer klagten nach dem Rennen über Hautreizungen und Verbrennungen und hatten zunächst keine Erklärung für ihre seltsamen Beschwerden. Des Rätsels Lösung: ein Bindemittel im Boden, wahrscheinlich ungelöschter Kalk, das beim Vermischen mit Wasser aufgequollen ist. Pech für diejenigen, die beim Regenrennen Spritzer der ätzenden Lehmpaste auf die bloße Haut bekommen haben. Von Deutschlands Vorzeige-Crosser Pit Beirer kamen keine Klagen. Er gehörte zu den Piloten, denen die Strecke von Georges Jobé von Anfang an riesigen Spaß bereitete. Vor dem Rennen in Belgien hatte der 250er-Kawasaki-Werksfahrer allerdings nicht allzu viel zu lachen. Seit dem ersten Triple-GP Anfang April in Valkenswaard, als Beirer gegen Ende des zweiten Heats wegen eines Konzentrationsfehlers gestürzt war und sich heftig den Kopf angeschlagen hatte, lief nichts mehr nach Plan. »Ich fühlte mich wie ein Hamster, der sich in seinem Rad festgerannt hat«, beschrieb der Vize-Weltmeister seine Situation. Er zweifelte an seinem Motorrad und wurde auf schnellen Streckenabschnitten, wo er normalerweise dank seines wilden Fahrstils Boden gut machen kann, von Problemen am Fahrwerk gebremst. Dazu kamen schwache Starts – Pit Beirer fuhr seinen eigenen Erwartungen bei den letzten Rennen weit hinterher. Doch vor Spa spürte er, das wieder etwas geht. Mit ausgiebigen Tests war die im Winter misslungene Grundabstimmung des Fahrwerks korrigiert worden. Pit Beirer und sein grüner Werksrenner galten plötzlich wieder als siegverdächtige Kombination. Und tatsächlich: Schon aus der Startrunde des ersten Laufs kam der Deutsche als Dritter zurück, schob sich bald darauf auf Platz zwei, ehe er zur Halbzeit des Rennens WM-Leader Mickael Pichon austrickste und die Führung an sich riss. Die Konkurrenz hatte Beirers Speed nichts mehr entgegenzusetzen, der erste Laufsieg in einer zuvor eher enttäuschenden Saison war unter Dach und Fach. Nach Beginn des zweiten Heats sah es zunächst danach aus, als könne Pit Beirer einen Doppelschlag landen. Doch dieses Mal war die Führung nur von kurzer Dauer. In der zweiten Runde zog Weltmeister Fred Bolley vorbei. Statt fortan auf Angriff zu schalten, beschloss Beirer, lieber den zweiten Platz und sichere Punkte ins Ziel zu bringen. Trotz Krämpfen in den Unterarmen war das auch kein großes Problem, denn der auf Platz drei folgende Pichon stellte keine Gefahr dar. Der Franzose erlebte in Spa sein schwächstes WM-Wochenende in diesem Jahr. Trotzdem führt der Suzuki-Werkspilot die Tabelle weiterhin souverän vor Bolley und Beirer an. Ebenfalls erwähnenswert sind die Auftritte von Jungstar Marco Dorsch und Routinier Collin Dugmore. Der Youngster überzeugte im ersten Durchgang mit Platz zwölf, für Dugmore sprang im zweiten Rennen sogar Rang acht heraus. Zuvor hatte der Südafrikaner mit deutscher Lizenz leider aufgeben müssen. »Im ersten Rennen bin ich gleich zweimal gestürzt, war dabei unter dem Motorrad eingeklemmt und habe mir die Hüfte etwas angeschlagen«, berichtet der KTM-Pilot. Kommt es in der 250er-WM zwischen den drei Spitzenfahrern durchaus zu packenden Kämpfen, hat sich die Halbliter-WM mittlerweile zu einer Ein-Mann-Show entwickelt. Gegen Joel Smets und seine Viertakt-Werks-KTM ist zur Zeit kein Kraut gewachsen. Auch vor heimischer Kulisse lieferte der Belgier zwei souveräne Laufsiege ab. An der Spitze kontrollierte er das Tempo, hatte freie Linienwahl und musste sich nicht wie viele seiner Gegner mit aufgewirbelten Steinen und anderen Unannehmlichkeiten herumärgern. Ähnlich souverän zog Smets` KTM-Stallgefährte Peter Johansson auf den Plätzen zwei und drei seine Bahnen. Andrea Bartolini und Marnicq Bervoets, die beiden Yamaha-Teamkollegen und stärksten Konkurrenten für KTM in diesem Jahr, konnten in Spa dagegen nur jeweils in einem Lauf punkten. Bervoets hatte im ersten Rennen nach einem Crash schon in der zweiten Runde die Nase voll. Weltmeister Bartolini schmiss seinen Viertakter im zweiten Durchgang gar zweimal weg, ehe er endgültig die Segel strich. 20 000 Zuschauer zogen sich den Dreifach-Grand- Prix trotz stolzen Eintrittspreisen von umgerechnet 75 Mark für das Wochenend-Ticket rein. Was sie in Spa-Francorchamps sahen, war durchaus ein Blick in die nahe Zukunft der Motocross-WM. Grand Prix mit allen drei Klassen und auf Strecken, die nicht zwingend im Umfeld einer Straßenpiste liegen müssen, aber eine vergleichbare Infrastruktur bieten – das wird wohl ab der nächsten Saison Programm. Schlechte Perspektiven für klassische Naturstrecken wie zum Beispiel Gaildorf oder Schwanenstadt, die solche Bedingungen kaum erfüllen können. Und die Reduzierung auf einen Lauf pro Kategorie scheint auch beschlossene Sache zu sein. Verkündet wurde der bevorstehende, in der Cross-Szene heiß diskutierte Umbruch allerdings noch nicht, als Francesco Zerbi, Präsident des Weltverbands FIM, Carmelo Ezpeleta, Chef des Straßen-WM-Promoters Dorna, und Cross-WM-Promoter Giuseppe Luongo in Spa vor die internationale Presse traten. Stattdessen gaben die hohen Herren bekannt, dass die Dorna noch in der Höhe festzulegende Anteile an Luongos Action Group übernehmen wird. Luongo soll weiterhin für den sportlichen Bereich in der Cross-WM zuständig sein, in Sachen TV-Vermarktung und der Präsentation bei Sponsoren wird die Action Group aber – auch auf Wunsch von FIM-Präsident Zerbi – eng mit der Dorna kooperieren. Die Grand-Prix-Vermarkter und ihre Kollegen vom Motocross ziehen künftig also an einem Strang. Bleibt zu hoffen, dass dabei nicht alle Offroad-Traditionen über Bord gekippt werden. Der Straßenkurs von Spa ist übrigens ein gutes Beispiel dafür, wie sich Tradition und Moderne verbinden lassen. Beim Umbau in den 80er Jahren hat er kaum etwas von seinem traditionellen Flair verloren.

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