Grand Prix Frankreich in Le Castellet (Archivversion)

Der Stoff aus dem die Träume sind

Der Sieg ging an Alex Crivillé, doch die spannendsten Geschichten beim französischen GP schrieben andere: V2-Pilot Tetsuya Harada etwa oder der tapfere Rebell John Kocinski.

»Heute hätten wir zuschlagen müssen. Solche Chancen kommen nicht alle Tage«, rang sich MuZ-Teamchef Rolf Biland einen Kommentar ab. Luca Cadalora hatte sich für Startplatz sechs qualifiziert, die Maschine lief wie ein Uhrwerk, und nach gutem Start standen die Ampeln auf Grün, dem deutsch-schweizerischen Team einen großen Erfolg zu bescheren. Dann kam jener Highsider eingangs der vierten Runde, bei dem Luca Cadalora Windschutzscheibe und Verkleidung zertrümmerte. »Ich war genau hinter ihm. Unglaublich, daß er nicht zu Boden ging«, berichtete Teamkollege Jürgen van den Goorbergh, der drei Runden später wegen defekten Zündungs-Impulsgebers stehenblieb.Daß Luca Cadalora mangels Windschutz an die Box steuerte, war núr einer aus einer ganzen Reihe hochdramatischer Zwischenfälle. Max Biaggi, im Training Schnellster und nach den Niederlagen zu Saisonauftakt versessen auf den ersten Sieg, schoß vom Start weg in Führung, leistete sich nach zwei Trainingsstürzen aber schon in Runde drei den dritten Sturz des Wochenendes. Diesmal kam er nicht mit dem Schrecken davon: Gleich drei Finger der linken Hand wurden ausgerenkt, das mittlere Gelenk des kleinen Fingers wurde beim Aufprall so beschädigt, daß Max im Krankenhaus von Toulon operiert werden mußte.Nach Biaggis Abgang übernahm Kenny Roberts jr. das Kommando, baute sich einen komfortablen Vorsprung von bis zu vier Sekunden aus und schien das Rennen mit seiner souveränen, kalkulierten Fahrweise unter Kontrolle zu haben. Alex Crivillé nutzte die höhere Motorleistung seiner Honda allerdings mit der gleichen kühlen Präzision und feilte Meter um Meter von Roberts´ Führung weg. Das unausweichliche Überholmanöver kam in der 21. Runde, und den Versuch, wenigstens im Windschatten der Repsol-Honda zu bleiben, bezahlte Roberts auf der an vielen Stellen tückisch glatten Paul Ricard-Piste schließlich mit einem Sturz. »Ich driftete überall, und in dieser Situation war es eben des Guten zuviel. Ich hatte darauf gesetzt, daß in der letzten Runde irgendetwas passieren könnte, deshalb wollte ich unbedingt an Alex dranbleiben. Ein dummer Fehler«, ging der unverletzte Roberts mit sich selbst ins Gericht.Die schiere Leistung des Honda-Motors war freilich nicht der einzige Schlüssel zu Crivillés Erfolg. Seit Mick Doohans Verletzung sieht sich der Spanier nicht mehr als Gelegenheitssieger, sondern als würdiger Nachfolger des fünffachen Weltmeisters, bereit und in der Lage, sein großes Erbe anzutreten. Vom langen Schatten seines berühmten Teamkollegen befreit, kam Crivillé schon mit besonders breiten Schultern in Frankreich an, und als er nach getaner Arbeit aufs Podest kletterte, strahlte er offener und zufriedener, als man es je bei ihm erlebt hatte. »Dieser Sieg war der wichtigste meiner Laufbahn. Ich habe das mit meinen Kollegen getan, was Doohan früher mit mir und den anderen gemacht hat. Ich hätte mich leicht zum gleichen Ungestüm wie Biaggi und Roberts verleiten lassen können, blieb aber kühl und berechnend. Mit jeder Runde kam ich um drei Zehntel näher an Roberts heran und wußte, daß er mir gehörte«, schilderte Crivillé. »Daß ich ihn schließlich erwischte, hat ihn zu einem Fehler verleitet. Ich dagegen hatte plötzlich zwölf Sekunden Vorsprung, und es gab nichts und niemanden, was mich gefährden konnte. Künftig werde ich überall so konzentriert auftreten - bei jedem Test, in jedem Training und in jedem Rennen.« Der Triumph des Spaniers war ein Erfolg aus dem Schulbuch, in den er seit seiner ersten Halbliter-Saison 1992 allmählich und getreu der Rangordnung bei Honda hineinwuchs. Weil Crivillé kein großes Aufhebens um die eigene Person macht und mit seiner zurückhaltenden Freundlichkeit jede Menge Sympathiepunkte sammelt, gibt es auch niemanden, der ihm den Karriereweg mißgönnt.Doch der Stoff, aus dem die Träume sind, liegt anderswo. Etwa in der Leistung der Zweizylinder-Piloten: Im Training um über 20 Kilometer pro Stunde hinter den schnellsten Vierzylindern, erbeuteten Tetsuya Harada und Sete Gibernau trotzdem den dritten und vierten Platz. »Während Norick Abe am Ende wild durch die Gegend rutschte, hatten meine Reifen Grip bis zum Zielstrich«, freute sich Aprilia-Pilot Harada. »Im Vergleich zur V4-Honda von Okada sah ich auch nicht schlecht aus - ich konnte stets mühelos an ihm dranbleiben.«Denn der Circuit Paul Ricard hat nicht nur berühmte Geraden, sondern auch ein tückisches Kurvenlabyrinth, in dem die leichten Zweizylindermaschinen eindeutig Vorteile hatten. »Nur auf der Mistralgeraden und der anschließenden schnellen Rechtskurve verlor ich Zeit, sonst machte ich überall Boden gut«, freute sich auch Honda-V2-Pilot Sete Gibernau, der seinen Landsmann Carlos Checa in der letzten Kurve übertölpelte und Rang drei ins Ziel brachte.Vor allem aber ist da John Kocinski. »Ich habe sieben Leben wie eine Katze bewiesen. Doch jetzt sind diese Leben aufgebraucht«, schilderte sein Teamchef Erv Kanemoto schon bei Tests im Februar, weil er trotz der überzeugenden Rundenzeiten des Amerikaners keinen Sponsor gefunden hatte und schon damals der letzte gesparte Dollar verpulvert war.Deshalb trat das Kanemoto-Team mit zwei Bankkrediten zu den ersten Rennen an. Kocinski qualifizierte sich regelmäßig für die erste Reihe, stürzte regelmäßig in den Rennen, und rein betriebswirtschaftlich gesehen, hätte man schon lange Bankrott anmelden müssen. »Ich warte auf einen Anruf«, umgab sich Erv Kanemoto auch in Frankreich mit dem ihm selbst wohl ebenfalls unbekannte Geheimnis, wie er den Teambetrieb weiter zu finanzieren gedenke.Doch John Kocinski war immer noch da und sorgte für Spannung - nicht nur durch seinen dritten Startplatz, sondern auch durch seine unverblümten Kommentare zum Thema. »Mit jedem anderen Team als dem von Erv stünde ich nicht in der ersten, sondern in der vierten Startreihe. Um dieses Niveau auch am Rennsonntag zu halten, müßten wir mehr technische Hilfe bekommen. Doch wir sind ein privates Honda-Team, und jeder weiß: Wenn Erv zuviel Hilfe bekommt und an die Spitze vorstößt, dann stört ein solcher Erfolg das eigentliche Werksteam, das alle Lorbeeren für sich in Anspruch nimmt«, ließ der seit seinem Superbike-WM-Titel 1997 gedemütigte Amerikaner Luft ab. »Wir treten von der Ladefläche eines Lastwagens an, um gegen die reichen Werke zu gewinnen und setzen auf ein aussichtsloses Spiel. Denn wir haben kein Geld, und ohne Geld kommst du nur bis an einen bestimmten Punkt. Es ist hart, in den Sattel zu steigen, wenn du nicht weißt, ob du beim nächsten Rennen noch dabei bist. Es wäre angenehmer, die notwendigen finanziellen und technischen Mittel für die ganze Saison garantiert zu haben, um ein hohes Niveau halten zu können.«Immerhin erstaunlich, wie offen sich der früher nur in blumigen Farben von Honda redende Kocinski mit der Politik des Werkes anlegte. Der Amerikaner mag einfach strukturiert sein, doch einen Mangel an Treue zu den eigenen Grundsätzen kann man ihm nicht vorwerfen. Denn als Heijiro Yoshimura, Managing Director der Honda Racing Corporation, nach dem hervorragendem zweiten Platz beim Frankreich-Grand Prix seine Aufwartung machte, blieb John Kocinski eiskalt. »Wozu möchten Sie mir gratulieren - etwa dazu, daß Ihr Team Erster und wir Zweiter sind?“
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Parc fermé (Archivversion)

Doohan o.k.Comebackin BrünnMick Doohan erholt sich in Rekordzeit von den Verletzungen, die er bei seinem Trainingssturz in Spanien erlitt. Nur sechs Tage nach der Operation seines gebrochenen Schienbeinkopfs in San Francisco wurde der Halbliter-Weltmeister , um insgesamt 18 Schrauben und drei Platten schwerer, aus dem Krankenhaus entlassen und kann sein Knie bereits um rund 20 Grad abwinkeln. »Er ist eisenhart. Unverwüstlicher als jeder andere meiner Patienten«, zollte ihm der weltberühmte Sportunfall-Chirurg Dr. Arthur King Respekt. »Meine Motivation hat durch den Unfall nicht gelitten. Es war wie bei einem Golfer, der einen schlechten Tag hat. Ich machte einen Fehler und bezahlte dafür«, erklärte der Patient. »Doch ich werde zurückkehren, um wieder Rennen zu gewinnen, denn das macht mir immer noch Spaß. Nur die frühere Eile habe ich an diesem Punkt meiner Karriere nicht mehr - ich werde mir bis zum Brünn-Grand Prix Ende August Zeit lassen!«V2 ohne ZukunftChancefür SeteSete Gibernau, Überraschungsdritter beim Spanien-Grand Prix, erhält seine große Chance: Falls er bei Tests auf der Vierzylinder-Honda NSR 500 in Brünn genügend Talent beweist, darf er künftig das Motorrad des verletzten Mick Doohan steuern. »Falls er sich bewährt, muß er auch nach Micks Rückkehr nicht auf die Zweizylindermaschine zurück«, verriet HRC Managing Director Heijiro Yoshimura. Denn das Werksengagement mit der NSR 500 V wird Ende des Jahres wegen der Vielzahl anderer Entwicklungsprojekte ohnehin beerdigt.Mützen, T-ShirtsMax alsModezarMax Biaggi produziert nicht nur schnelle Rundenzeiten, sondern auch neue Mode: In Italien wurde eine »Max Line« mit Mützen, T-Shirts und anderen Memorabilia des Römers eingeführt, die dem erfolgreichen Merchandising von Ferrari-Star Michael Schumacher Konkurrenz machen soll. Während Schumi jährlich 100 000 Kappen absetzt, peilt Max schon mal deren 50 000 an. Auch ein Belgarda-Roller in Max-Farben, der »Aerox R Biaggi«, wird in 6000 Exemplaren aufgelegt. Vielleicht macht Max Schumi dereinst sogar auf der Strecke Konkurrenz: Der Römer speiste anläßlich des Monaco-GP mit den Formel 1-Strategen Bernie Ecclestone, Luca de Montezemolo und Jean Todt und ließ schlagzeilenträchtig durchsickern, man habe ihm verheißungsvolle Dinge in Aussicht gestellt.Circuit Paul RicardBesitzerBernieDie Erben des legendären französischen Spirituosen-Fabrikanten Paul Ricard verschleuderten ein Denkmal: Formel 1-Zar Bernie Ecclestone gelang es, den berühmten Circuit Paul Ricard samt angrenzendem Flughafen zum Spottpreis von 120 Millionen Franc, rund 40 Millionen Mark, zu übernehmen. Nach dem Langstreckenklassiker Bol d´Or Ende September soll mit umfangreichen Umbauten begonnen werden, um die Anfang der 70er Jahre gebaute Strecke wieder Formel 1-tauglich zu machen. Vorsorglich wird auch eine Ovalpiste für Indycar-Rennen eingeplant. Im Jahr 2000 muß der Motorrad-GP-Zirkus nach Le Mans oder Magny-Cours ausweichen. Ob er dann an den Schauplatz an der Cote d´Azur zurückehrt, steht noch nicht fest.110-km/h-BöenVom Winde verwehtDas erste Zeittraining der 125er am Freitag mußte wegen heftigen Windböen mit Geschwindigkeiten bis zu 110 km/h unterbrochen werden. Bei den Rundenzeiten kam es wegen des berüchtigten Mistral zu etlichen Überraschungen: Ralf Waldmann hielt die vorläufige Pole Position bei den 250ern, Zweizylinder-Pilot Tetsuya Harada glänzte mit der 500er Bestzeit.

125er (Archivversion)

Robert Locatelli fegte bei den 125ern überraschend auf und davon. Der kleine Italiener war mit dem Teufel im Bunde.
Nach dem Training klagten die Aprilia-Werksfahrer, beim Beschleunigen hätten sie gegen die Honda-Piloten keine Chance.Doch im Rennen stellte Roberto Locatelli die Rangordnung auf den Kopf und zog mit einer makellosen Fahrt zu seinem ersten Grand Prix-Sieg auf und davon. »Heute bin ich gefahren wie Doohan, Biaggi oder Rossi zu ihren besten Zeiten«, triumphierte der 24jährige Blondschopf, der seine Kontrahenten ganz offensichtlich verhext hatte: Denn auf dem Podium lachte er plötzlich mit dem leibhaftigen Teufel um die Wette.Um volle sechs Sekunden distanzierte Locatelli seine Verfolger, doch um Platz zwei gab es das bei den 125ern übliche Gerangel. Vor 55 000 begeisterten Zuschauern zwängte der Franzose Arnaud Vincent eine zweite Aprilia am Honda-Establishment vorbei auf Rang zwei, und der Spanier Emilio Alzamora faßte sich ein Herz und vertrieb den bislang unangefochtenen WM-Leader Masao Azuma vom dritten Platz.

Grand Prix Frankreich (Archivversion) - Die Deutschen: WM-Punkte in allen Klassen

Aprilia-Pilot Ralf Waldmann rückte nachträglich sogar noch auf Platz vier vor.
Vorsichtig aus dem Mittelfeld gestartet und mit gewohnter Tapferkeit nach vorn gefahren, mußte Ralf Waldmann nach Rennende zunächst um seinen fünften Platz bei den 250ern bangen - der sechstplazierte Engländer Jason Vincent hatte gegen Waldi wegen Überholens bei gelber Flagge protestiert. Einen Videobeweis fand die Rennleitung nicht und ließ den Deutschen straffrei laufen. Beim Sichten der TV-Bilder wurde jedoch ein Verstoß von Franco Battaini entdeckt, der dafür fünf Strafsekunden bekam - plötzlich war Waldi Vierter. Deutschlands große 250er Nachwuchshoffnung Alex Hofmann sauste nach einer Runde als Elfter an seiner Boxentafel vorbei. »Ich konnte das Tempo meiner Gruppe zwar nicht ganz halten, bin meine Zeiten anschließend aber konstant bis zum Ende durchgefahren«, schilderte Alex und verbuchte, auch dank einer Vielzahl prominenter Ausfälle, am Ende einen tollen achten Platz. Das war auch das Ergebnis von Steve Jenkner bei den 125ern. »Um ganz nach vorn zu kommen, fehlen mir noch zwei, drei Zehntel pro Runde«, analysierte Jenkner. »Doch ich weiß, wo die stecken. Am Freitag hatten wir mechanische Probleme mit Motorpassungen, deshalb waren wir am Samstag beim Abstimmen einen Schritt hinterher, und im Rennen hat prompt der Hinterreifen abgebaut.« Reinhard Stolz faßt im italienischen Polini-Team immer besser Tritt und hätte mit Sicherheit Punkte erbeutet, wenn ihm nicht die trudelnde Maschine des gestürzten Max Sabbatani in die Quere gekommen wäre. Bernhard Absmeier fuhr seinen 17. Platz ohne solche Zwischenfälle nach Hause. Halbliter-Privatfahrer Markus Ober wurde der Start zum Verhängnis: Gleich in der ersten Kurve von Jose-Luis Cardoso und Michael Rutter umgerissen, fuhr er dem Feld tapfer hinterher und wurde am Ende mit zwei Punkten belohnt.

250er (Archivversion)

Weil bei Valentino Rossi die Kette absprang, feierte Honda-Werkspilot Tohru Ukawa den ersten Sieg seiner Karriere.
Eigentlich schien Aprilia-Werksfahrer Valentino Rossi nur am Anfang ein Problem zu haben. Wegen eines Elektrikdefekts verpaßte er die Besichtigungsrunde, düste gerade noch rechtzeitig zur Startaufstellung und glühte im Rennen ab der zweiten Runde überlegen voraus.Doch so locker, wie der Italiener voranstrebte, war auch seine Hinterradkette. Bei der Überrundung Tomomi Manakos mußte er kurz vom Gas, als er dann wieder aufdrehte, sprang die Kette ab. Daß Rossi sich bückte und die Kette wieder über den hinteren Zahnkranz streifte, war vergebliche Liebesmüh`: Sie hatte sich auch vom Antriebsritzel getrennt.Freilich war Rossis trauriges Ende nicht der einzige prominente Ausfall. Kaum von seinem Markengefährten Tohru Ukawa auf Platz drei verdrängt, warf Weltmeister Loris Capirossi seine Honda wegen eines verbrauchten Hinterreifens ins Kiesbett, blieb bei dem spektakulären Sturz jedoch unverletzt. Jeremy McWilliams rückte auf, fuhr aber im letzten Renndrittel ohne Hinterradbremse und stürzte in der letzten Runde mit Platz zwei vor Augen.Am Ende feierte der 26jährige Japaner Tohru Ukawa auf der Werks-Honda vor Shinya Nakano (Yamaha) und Stefano Perugini (Honda) den ersten Sieg seiner Grand Prix-Karriere.

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