Grand Prix Frankreich in Le Castellet (Archivversion)

Die Freiheit nehm´ ich mir

Max Biaggis Revolution wurde beim Frankreich-GP vorläufig gestoppt - doch auch andere Aufständler haben entdeckt, daß der mächtige Mick Doohan zu schlagen ist.

Luca Cadalora trällerte ein Lied ins Mikrofon und klang wie ein glücklicher Gondoliere in einer romantischen Mondnacht auf dem Canal Grande.Es war schwärmerische Liebe auf den ersten Blick, die den italienischen Motorradstar gefangenhielt, denn kaum, daß er sich der Dame seiner Sehnsucht scheu zum ersten Mal genähert hatte, waren die beiden auch schon unzertrennlich. »Die Nervosität legte sich nach wenigen Runden. Die Reflexe kehrten wie von selbst zurück, es war, als habe mein letzter Grand Prix nicht sieben Monate, sondern nur sieben Tage zurückgelegen«, frohlockte Luca in Le Castellet von seinem Comeback auf der Halbliter-Werks-Yamaha des verletzten Jean-Michel Bayle. Die Antwort darauf, was er den langen Winter über gemacht habe, nahm ihm sein schlagfertiger Teamchef Wayne Rainey aus dem Mund. »Er hat jeden Tag stundenlang im Fitneßstudio Gewichte gestemmt«, sagte er und krümmte sich dabei vor Lachen, weil der schlaksige Italiener in Wirklichkeit allenfalls die Gabel mit Spaghetti zur Hochstrecke bringt. Die berühmte Mistralgerade auf dem Circuit Paul Ricard bot ihm in jeder Runde eine kleine Verschnaufspause, und weil Cadalora mit der in vielen Details verbesserten 500er Werks-Yamaha unbekümmert Maximal-Schräglagen meisterte, fuhr er den anderen Stars dieser Marke im Training wie im Rennen auf und davon und feierte nach einem problemfreien Spaß-Wochenende den sechsten Platz. Für seinen Landsmann und WM-Leader Max Biaggi stand schon deutlich mehr auf dem Spiel. Sein Vorsprung war in den letzten Rennen in sich zusammengeschrumpft, und so locker wie bei seinem Sensationssieg zum Saisonauftakt in Suzuka dreht der vierfache 250er Weltmeister schon lange nicht mehr am Gas. Kurz vor Ende des Abschlußtrainings in Frankreich trieb Biaggi seine Honda mit schierer Gewalt auf den vierten Startplatz, und als er in der letzten fliegenden Runde noch schneller fahren wollte, kam ihm der mittlerweile allseits als Verkehrshindernis gefürchtete Alex Barros in die Quere. Biaggi berührte das Hinterrad des Brasilianers, stürzte schwer auf die linke Hüfte, riß sich den Nagel des rechten Mittelfingers ab und brach sich den darunterliegenden Knochen an. Im Rennen wurde er von diesen Verletzungen wenig behindert, eher schon von dem nervtötenden Vorderrad-Rattern, das sich schon beim zweiten Rennen in Malaysia eingeschlichen hatte. »Das Chassis«, so Biaggi, »wurde nach dem Sturz in Malaysia mit allen erdenklichen Tests auf Herz und Nieren geprüft, und es wurden keinerlei Schäden festgestellt. Aber aus Erfahrung als Fahrer behaupte ich, daß sich der Rahmen bei einem Sturz verziehen kann, ohne daß sich dies gleich mit der Meßuhr nachweisen läßt«. Mit dem fünften Platz in Le Castellet mußte sich der Römer von der WM-Führung verabschieden, seine Revolution war vorläufig niedergeschlagen, und Mick Doohan, der die Trainingsbestzeit erobert hatte und beim Start des Rennens sofort in Führung stürmte, schien freie Bahn zu haben. Doch den Aufstand gegen den Weltmeister, den Biaggi in den ersten Rennen so erfolgreich vorexerzierte, proben neuerdings auch die anderen Fahrer dieser Klasse. Vorbei sind die Zeiten, in denen Doohans Verfolger brav um die Plätze fochten und dem übermächtigen Australier kampflos Seriensiege überließen, und deshalb mußte sich der Weltmeister schon in Runde vier das erste Ausbremsmanöver gefallen lassen. Alex Crivillé quetschte sich an Doohan vorbei, wenig später folgte dann auch Carlos Checa diesem Beispiel und führte das Rennen nicht weniger als 13 Runden lang ununterbrochen an. Den Beweis dafür, außerhalb seiner spanischen Heimat gewinnen zu können, blieb der 25jährige allerdings ein weiteres Mal schuldig. Drei Runden vor Schluß verbremste er sich und verschenkte den knappen Vorsprung, den er sich erwirtschaftet hatte, mit einem weiten Bogen in der engen Startkurve nach der Zielgeraden. Crivillé bedankte sich und war wieder vorn, und in der letzten Runde fuhr auch Mick Doohan innen an dem irritierten Checa vorbei und ließ ihn auf Platz drei zurück. Das letzte Quentchen Nervenstärke, auch in der entscheidenden Phase eines Rennens fehlerfrei zu bleiben und der Konkurrenz keine noch so kleine Chance zu geben, bewies Alex Crivillé. Mit über 300 km/h durchschnitt er den südfranzösischen Frühlingswind, und von allen durch die schiere Kraft der NSR 500 privilegierten Honda-Werkspiloten fand nur Mick Doohan einen Grund zur Klage. »Ich hatte nicht den nötigen Speed. Wahrscheinlich lag es am Vergaser: Der Motor überfettete und verschluckte sich beim Beschleunigen aus den engen Kurven«, erklärte er seinen zweiten Platz. Für Ralf Waldmann stand die Niederlage von vornherein fest. »Wenn es regnet, habe ich Chancen«, hoffte er nach den Wolkenbrüchen des frühen Sonntagmorgens auf weitere Niederschläge. Doch weil es im Rennen trocken blieb und seine Dreizylinder-Modenas KR 3 mit Tempo 282 um satte 20 km/h hinterherhinkte, blieb Waldmann trotz seiner Kurvenkünste nur der zwölfte Platz. Speed war freilich nicht die einzige Droge für Alex Crivillé. Im letzten Jahr schien seine Karriere eine dramatische Wendung zu nehmen, als bei einem schweren Sturz in Assen Nervenstränge und eine Arterie der rechten Hand zerfetzt wurden und er wochenlang um seine Karriere bangen mußte. Kaum von dieser Verletzung erholt, wartete mit dem Tod seines Vaters José im Februar 1998 der nächste Schicksalsschlag auf ihn. Seit seinem Sieg in Jerez ist Crivillé jedoch wieder da, und während manch andere Fahrer an Rückschlägen zerbrechen, bewies der Honda-Werksfahrer in Le Castellet mit dem zweiten Saisonsieg und dem dritten Podestplatz hintereinander, daß ihn die Krisen nicht geschwächt, sondern stärker und erwachsener gemacht haben. Alex Crivillé ist der erste Spanier in der Geschichte des Grand Prix-Sports, der in der Tabelle der 500er WM an die Spitze stürmte, und entsprechend hoch wogen die Emotionen auf der Iberischen Halbinsel. Eine Abordnung spanischer Fans feierte auf der Haupttribüne gegenüber dem Siegerpodest in Frankreich ausgelassen Fiesta und gab einen kleinen Vorgeschmack auf das, was angesichts der Erfolge von Crivillé und Checa beim nächsten Grand Prix Mitte Juni in Jarama bei Madrid los sein dürfte.
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250er (Archivversion)

Sportlich war das Aprilia-Trio wieder eine Klasse für sich. Doch zwischen Harada, Rossi und Capirossi knistert es.
Jürgen Fuchs erlebte wegen Motoraussetzern die fünfte Pleite der Saison und ruckelte nach verheerendem Start auf den zwölften Platz (siehe Seite 218).Sein Aprilia-Markengefährte Loris Capirossi hatte beim Losfahren noch das gleiche Problem und fiel weit zurück, setzte dann aber zu einer souveränen Aufholjagd an und war binnen sieben Runden Dritter hinter seinen Teamkollegen Tetsuya Harada und Valentino Rossi. Dann geschah etwas Merkwürdiges: Harada machte sich so lange vor Rossi breit, bis Capirossi aufschließen und in Führung gehen konnte. Als er realisierte, was passiert war, schlug Rossi zurück und schob sich selbst an die Spitze. Den möglichen Sieg verschenkte er durch ein unnötiges Wheelie, das die Zuschauer ebenso entzückte wie seinen Gegner Harada. Der Japaner bedankte sich und gewann, Rossi wurde Zweiter vor Capirossi. Daß Harada Capirossi die Steigbügel hält, liegt an einer gemeinsamen Antipathie gegen den jungen Helden, der den beiden in der Gunst von Publikum und Medien regelmäßig die Butter vom Brot nimmt. »Die beiden haben gegen mich ein Komplott geschmiedet. Sie tuscheln, geben sich versteckte Zeichen, und im Training drehen sie jedesmal ab, wenn ich in ihren Windschatten gerate«, beschwerte sich Valentino. »Harada war mal mein Idol, doch ich bin von ihm enttäuscht. Er treibt ein falsches Spiel, und Capirossi ist töricht genug, sich darauf einzulassen«. Olivier Jacque (Honda) wurde von den französischen Fans als Held gefeiert: Obwohl er wegen seinem Knöchelbruch noch am Stock humpelte, erbeutete er Platz vier.

125er (Archivversion)

Kazuto Sakata heimste den dritten Saisonsieg ein, Steve Jenkner feierte als Siebter das erste Top-Resultat.
Tomomi Manakos Honda war so minutiös abgestimmt, daß er seine Verfolger um ein paar Längen abschütteln konnte. Dann ging jene Schraubenmutter verloren, die das Schaltgestänge auf dem Getriebeausgang hält, und mit ihr auch der sichergeglaubte Sieg und die WM-Führung. »Wenn ich Weltmeister werden will, muß ich mindestens die Hälfte der ausstehenden Rennen gewinnen«, rechnete Manako vor. Das wird spannend, denn auch sein UGT 3000-Kollege Kazuto Sakata bekommt seine pfeilschnelle Aprilia immer besser in Griff und demonstrierte die eigenen Titelambitionen mit einem knappen Sieg über den 15jährigen Senkrechtstarter Marco Melandri. Bei Tests in Mugello hatte Sakata das chronische Fahrwerksrattern mit einer modifizierten Hebelumlenkung für die Hinterradfederung unter Kontrolle gebracht.Bei den gleichen Tests entdeckte auch Steve Jenkner eine bessere Grundabstimmung für seine bislang zu unhandliche Marlboro-Aprilia, worauf der tapfere Sachse in Le Castellet erstmals in dieser Saison in die angestrebten Top Ten-Ränge vorstieß und wie 1997 in Brünn den siebten Platz belegte. »Das hat mal wieder Spaß gemacht«, hielt Jenkner trotz eines schlechten Starts wegen »dieser Schweine-Ampel« fest.

Grand Prix Frankreich in Le Castellet (Archivversion)

Ueda verletztTraurigesJubiläumSein 100. Grand Prix geriet für Noboru Ueda zum traurigen Jubiläum. Bei einem Highsider wegen Kolbenklemmers riß er im 125er Rennen den Italiener Gianluigi Scalvini mit zu Boden, wurde von dessen Maschine getroffen und trug einen offenen Bruch des rechten Oberarms davon. Dabei wurde der für die Kontrolle der Finger zuständige Hauptnerv durchtrennt, konnte bei einer Operation in Marseille aber wieder zusammengefügt werden. Teilweise kehrte das Gefühl in der Hand wieder zurück, doch ob sich der fröhliche Japaner vollständig von der Verletzung erholen wird, kann derzeit keiner voraussagen. »Auch Mick Doohan hat seine schwere Verletzung von 1992 überwunden und wurde anschließend viermal Weltmeister. Ich möchte auf jeden Fall wieder fahren«, kündigte der unverwüstliche Publikumsliebling an.MuZ-PilotenGlückloseSucheDas 500er MuZ-Team hat bei der Suche nach einem Top-Piloten als Ersatz für den verletzten Doriano Romboni wenig Fortune. In Le Castellet sollte der Franzose Jean-Philippe Ruggia antreten, erhielt von seinem Bimota-Supersport-Team aber keine Freigabe. Für Jarama wurde die GP-Premiere des Spaniers Gregorio Lavilla geplant, der in der Superbike-WM zuletzt spektakuläre Erfolge feierte und bei einem ersten Test auf der MuZ vielversprechende Zeiten erzielte - doch Lavilla biß bei seinem De Cecco-Ducati-Team ebenfalls auf Granit. Hinter den Kulissen laufen deshalb immer noch Verhandlungen mit Luca Cadalora, der bei Yamaha derzeit Jean-Michel Bayle vertritt. Der Italiener erklärte zwar, er werde die Rennen lieber im Fernsehen anschauen, statt auf die MuZ zu steigen. Doch MuZ-Sponsor Michel Métraux und Leo de Graffenried, Manager des WM-Vermarkters Dorna, planen, den bei einem Comeback von Bayle wieder arbeitslosen Cadalora notfalls mit Dorna-Geldern von den Qualitäten der 500er zu überzeugen. Vorläufig allerdings bleibt MuZ-Testfahrer Eskil Suter im Amt, der beim Frankreich-GP Startplatz 15 eroberte und nach zwei Rennrunden stürzte.KleiderordnungRüge fürRossiAprilia-Star Valentino Rossi, der nach seinem zweiten Platz in Mugello in fröhlichem Strand-Outfit mit Shorts und Sonnenbrille auf die Ehrenrunde ging, mußte sich spießbürgerliche Kritik gefallen lassen: Francesco Zerbi, Präsident des Weltverbands FIM, und Dorna-Direktor Carmelo Ezpeleta echauffierten sich in einem Brief an Aprilia, die Grand Prix seien ein ernster Sport und ein solches Gebaren sei unakzeptabel. Rossi wurde von dem Vorgang in Kenntnis gesetzt, blieb aber von einer Strafverfolgung verschont.Jacque sauerNur neueWellenHonda-Werksfahrer Mick Doohan fand heraus, daß seine Handlingprobleme nicht nur vom Bleifreisprit, sondern auch von der Vordergabel stammten. Showa hatte in der exklusiven Werksgabel Detailveränderungen vorgenommen, von denen Doohan nichts wußte. Seit er auf die auch für Leasingkunden erhältliche SWS («Special Works Support«) Version zurückgreift, liegt sein Motorrad wie ein Brett. Andere technische Sensationen gibt es bei Honda nicht: Die 500er und 250er Teams wurden zwar mit besser vergüteten Kurbelwellen ausgestattet, um die Laufleistung der Wellen auf Vorjahresniveau zu heben, doch die Weiterentwicklung der maroden 250er steht still, weil sich bei Honda alles auf die technische Vorbereitung der Suzuka-Acht Stunden-Teams Ukawa/Itoh, Slight/Okada, Kocinski/Edwards und Takeda/Katoh konzentriert. Das Chesterfield-Honda-Team von Olivier Jacque ist darüber so sauer, daß Teamchef Hervé Poncharral nächstes Jahr zu Yamaha desertieren und in die Halbliter-WM einsteigen will. Auch im Castrol-Honda-Team von Stefano Perugini herrscht Verbitterung. Cheftechniker Sepp Schlögl: »Mit den Vorjahresmaschinen wären wir schneller!“

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