Grand Prix Frankreich in Le Castellet (Archivversion)

Schwarz und stark

Neben Valentino Rossi zog auch Tetsuya Harada seinen Verfolgern beim Frankreich-Grand Prix davon - und spielte auf der Mistralgeraden die Bärenkräfte seiner schwarzen Aprilia aus.

Eine halbe Stunde nach dem Abschlußtraining hätten sich die Streithähne des Österreich-Grand Prix vor laufenden Kameras die Hand geben sollen.Doch die geplante Versöhnungszeremonie zwischen Olivier Jacque und Ralf Waldmann in Le Castellet mußte einer spontanen Massenkundgebung hinter der Chesterfield-Box weichen. Heerscharen begeisterter Fans drängten sich um Autogramme, eine Traube von Reportern ließ die Tonbänder surren, hübsche Damen gaben Küßchen. Denn Olivier Jacque hatte die Pole Position erbeutet und stand kurz davor, sich nach dem Sieg von Österreich auch noch zum Kaiser von Frankreich zu krönen. Wehe dem, der sich zu früh freut. Statt nach Rennende die Marseillaise anzustimmen und mit einer französischen Flagge auf eine triumphale Ehrenrunde zu gehen, saß Jacque wie vor einem Jahr als Häuflein Elend in der Box. Hatte ihn Jürgen Fuchs damals versehentlich aus dem Sattel torpediert und um den möglichen Sieg gebracht, so war es diesmal ein ordinärer Kolbenklemmer schon in der ersten Runde des 250er Rennens. »Unnötig zu sagen, wie enttäuscht ich bin«, schmollte Jacque. Max Biaggi übernahm die Führung von Jacque, wurde aber heftig von seinen Verfolgern drangsaliert und machte nach einem Renndrittel dem Erzrivalen Tetsuya Harada Platz. Dem Japaner gelang es zwar nicht, davonzufahren, wohl aber, die Überholversuche seiner Gegner abzublocken und am Ende mit Biaggi und Waldmann im Windschatten den ersten Saisonsieg für sich und Aprilia ins Ziel zu bringen. »Ich hatte das ganze Wochenende kein rechtes Gefühl fürs Vorderrad, und obwohl wir vor dem Rennen nochmals ein paar Fahrwerksmodifikationen machten, wurde es nicht viel besser«, berichtete Harada. »Doch die Motorleistung war unglaublich. Dank meiner PS war es ein Kinderspiel, die Konkurrenz in Schach zu halten.« Der zweitplazierte Max Biaggi, der früher bereits Aprilia-Ingenieur Jan Witteveen mit seinen ständigen Forderungen nach mehr PS zur Weißglut gebracht hatte, sah sich veranlaßt, nun Honda gegenüber öffentlich die Peitsche zu schwingen. »Wenn jemand auf der Geraden dermaßen loslegt, bist du machtlos. Harada war locker um zehn km/h schneller als ich. Sogar im Windschatten war es kaum möglich, an ihm dranzubleiben«, schilderte er. »Jetzt muß sich Honda anstrengen. Wir brauchen mehr Power beim Beschleunigen aus der Kurve. Ich warte auf neue Teile. Hoffentlich passiert bald etwas.« Ralf Waldmann bestätigte die Diagnose. »Haradas Maschine ist so gegangen, daß ich beim Ausscheren aus dem Windschatten sofort zurückfiel. Ich schätze, oben raus hat er vier PS mehr«, kalkulierte Waldi. »Es ist super, daß ich den Max bei Honda habe, so brauche ich nichts zu sagen. Vielleicht fruchtet ja seine Kritik. Denn nach meinen Erfahrungen der letzten Jahre kann ich nur sagen: Es wird sich nichts ändern bis zum Saisonende. Damit muß man leben!« Auch in der 125er Klasse war Aprilia top. Valentino Rossi feierte den vierten Sieg im sechsten Rennen und stülpte sich auf dem Siegerpodest eine blaue Spezialmütze über, die ihn wie einen tapferen Gallier in einem kleinen, uns allen wohlbekannten Dorf aussehen ließ. Im Abschlußtraining spektakulär gestürzt und schwer mit dem Helm aufgeschlagen, stöhnte er am Samstag abend über seinen Brummschädel. Einen gallischen Krieger hält so etwas aber nicht auf: Als hätte er Zaubertrank geschlürft, preschte er nach schlechtem Start durchs Feld, setzte sich schon in Runde sechs erstmals an die Spitze und trieb ein fröhliches Katz-und-Maus-Spiel mit Tomomi Manako und dem Italiener Roberto Locatelli.Der trumpfte zunächst ganz erstaunlich auf, beerdigte seine Honda aber sechs Runden vor Schluß und hinterließ eine Lücke, die UGT 3000-Star Tomomi Manako nicht mehr schließen konnte. »Ich erlebte schon vorher einen gewaltigen Slide übers Vorderrad. Danach hoffte ich, mich gemeinsam mit Locatelli wieder an Rossi heranrobben zu können. Doch nach Robertos Sturz war an Aufholen nicht mehr zu denken«, kommentierte Manako seinen zweiten Platz. Trotzdem strahlte der Japaner vor Glückseligkeit. Cheftechniker Mario Rubatto hatte die Vorderradgabel seiner Honda vor dem Rennen nochmals zerlegt und andere Federn eingebaut, worauf Manako wie auf Schienen durch die Kurven zirkelte und neben dem bislang besten Saisonresultat auch einen Senkrechtstart in der Tabelle feierte. »WM-Dritter - Plansoll erfüllt«, jubelte Rubatto. Daran waren freilich auch etliche prominente Ausfälle schuld. Am spektakulärsten erwischte es Manakos UGT 3000-Teamkollegen Kazuto Sakata, der nach einem schlimm aussehenden Crash ins Spital nach Marseille gebracht wurde, mit einer Gehirnerschütterung aber noch glimpflich davonkam. Der bisherige WM-Leader Noboru Ueda rutschte ebenfalls aus und sprang gleich wieder in den Sattel, verlor aber als Spätfolge des Sturzes den Schalthebel und rollte an die Box. Jorge Martínez und Masaki Tokudome waren schon zum Opfer der zahlreichen Trainingsstürze geworden: Martínez brach sein im letzten Jahr verschraubtes Kahnbein erneut, Tokudome kugelte sich die Schulter aus und erlitt eine Gehirnerschütterung. Kopfschmerzen und Schwindel plagten auch Tadayuki Okada, nachdem er im Warm Up der 500er von seiner Repsol-Honda gestürzt war. Doch im Rennen bewies der Japaner erneut, aus welch hartem Holz er geschnitzt ist und glühte schon wieder unverdrossen aufs Podest.Mit seinem dritten Platz komplettierte er eine Honda-Phalanx auf den ersten sechs Plätzen, die für die anderen Marken einmal mehr unangreifbar blieb (siehe »Hinter den Kulissen«, Seite 180). Sieger Michael Doohan bescherte Honda den 400. Grand Prix-Sieg, der Überraschungszweite Carlos Checa dem bislang völlig unter Wert geschlagenen spanischen MoviStar-Team den ersen Podestplatz der Saison. Alex Crivillé fiel mit einem schlechtlaufenden Motor dagegen auf Platz vier zurück. Die anderen Fabrikate wurden sogar von den Honda V2-Piloten Takuma Aoki und Alex Barros gedemütigt. Weil Luca Cadalora nach etlichen Vorderradrutschern zum Reifenwechsel an die Box kam und auch mit einer anderen Mischung keinen Grip finden konnte, landete Norifumi Abe als bester Yamaha-Pilot auf Rang sieben.Suzuki-Neuling Anthony Gobert ärgerte sich nach Platz zehn, weil er das »Letzte Runde«-Signal und damit auch den Endspurt gegen Juan Borja auf der elf 500 verschlafen hatte.
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Parc ferme (Archivversion)

Neuer VertragPernatsPokerAprilia-Teamdirektor Carlo Pernat küßte Tetsuya Harada auf dem Podest liebevoll ab, denn der erste 250er Saisonsieg kam genau zu rechten Zeit: Pernat verhandelt wegen einer Vertragsverlängerung mit Aprilia und muß die Angelegenheit noch vor dem Assen-GP zum Abschluß bringen. Sonst droht ihm der Verlust seines Jobs: Der 15fache Weltmeister Giacomo Agostini, der sich in Frankreich auffallend intensiv mit den einzelnen Aprilia-Teams beschäftigte, sitzt angeblich als möglicher Nachfolger in den Startlöchern.Waldis VersöhnungKeinTheaterRalf Waldmann reichte seinem Zeltweg-Kontrahenten Olivier Jacque in Le Castellet die Hand zur Versöhnung, doch besonders innig war die Verbrüderungsszene nicht. »Ich bin nach wie vor der Ansicht, daß seine Schlußattacke ein Grenzfall war. Er war viel zu spät auf der Bremse. Ein Auto hätte untersteuert und sich geradeaus in die Wiese gebohrt. So aber war ein Waldmann da, an den er sich anlehnen konnte«, beharrte der WM-Herausforderer. »Doch ich will kein Theater haben und keine Fehde schüren, deshalb bin ich zu ihm hingegangen.« Zu den Fans sprach sich das offensichtlich nicht durch. »Ich bin übel beschimpft und mit allen möglichen Gegenständen beworfen worden. Wenn kein Zaun zwischen uns gewesen wäre, hätten sie mich ermordet!«Raudies ohne SardaKopf freiAus Enttäuschung über den bislang tristen Saisonverlauf warf der Spanier Josep Sarda als Teamkollege von Dirk Raudies das Handtuch und macht künftig mit einer Standard-Honda und einem spanischen Mechaniker allein weiter. »Ich habe den Mehraufwand für einen zweiten Fahrer unterschätzt, außerdem haben uns die ständigen Defekte mit den Swissauto-Teilen zurückgeworfen«, räumt Raudies ein. »Doch wir haben uns in gutem Einvernehmen getrennt. Ich bin froh, daß die Sache vorbei ist. Jetzt habe ich den Kopf hoffentlich wieder fürs Fahren frei.«Berater MackenzieTips für TroyDer schottische Ex-GP-Star Niall Mackenzie kam auf Einladung des Red Bull-Yamaha-Teams nach Frankreich und soll den bislang völlig überforderten Superbike-Champion Troy Corser auf Trab bringen. »Bislang schaue ich nur zu. Doch bei den nächsten Tests in Barcelona werde ich ihm die ersten Tips geben und schauen, ob ich ihm helfen kann«, meinte Mackenzie.Sturzopfer LaconiWieder wachRegis Laconi, beim Österreich-Grand Prix schwer verunglückter französischer Honda V2-Pilot, erwachte vor dem Frankreich-GP aus seinem künstlichen Koma und plant bereits sein Comeback. Nach dem spektakulären Crash mit Frederic Protat und Jürgen van den Goorbergh hatten die Ärzte einen Leberriß, acht gebrochene Rippen, schwere Brustkorb-Prellungen, eine Lungenquetschung und etliche gebrochene Wirbelfortsätze entdeckt.Ab 1998BenzinbleifreiDie internationale Motorradsportföderation FIM machte es amtlich: Wie bei den nationalen Meisterschaften wird ab 1998 auch bei den Grand Prix die Verwendung von bleifreiem Benzin zur Vorschrift. »Ich rechne mit einem Leistungsverlust von durchschnittlich fünf Prozent. Und mit höheren Kosten, weil sich Mineralölfirmen wie elf die Entwicklung neuer Additive teuer bezahlen lassen«, kalkuliert Österreichs Motoren-Spezialist Harald Bartol. »Außedem wird die Kluft zwischen den Teams größer. Honda hat die Bleifrei-Technologie in der japanischen Meisterschaft beispielsweise bereits jetzt perfekt im Griff. Hersteller wie Aprilia, die ihre Leistung über hohe Drehzahlen, kurze Auspuffsysteme und eine hohe Verdichtung holen, werden hingegen Probleme mit Detonationen bekommen und zurückfallen.“

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